Marga Ortmann an August Broil, 30. April 1944

26. Köln, am Freitag nach Ostern

Mein lieber August!

Diese Woche ist die große Festwoche des Jahres. Die Kirche kann den Jubel über die Auferstehung des Herrn garnicht fassen in den beiden Tagen, so ist die ganze Oktav ein einzig großer Festtag. Immer wieder ruft uns der Priester das Alleluja zu und am Ende der Opferfeier gibt er es uns gleichsam als Sendung mit auf unseren Weg in den Tag. Noch ganz erfüllt vom frohen Jubel, der von der Liturgie auf uns übergeht, kam ich heute morgen nach Hause und bekam Deinen Brief. Ich habe ihn wieder und wieder gelesen und es war mir eine Freude, daß Du darin über manches sprichst, was mich seit unserem Zusammensein schon beschäftigt hat. Es ist so wie Du schreibst, daß die eigentlich Wirklichkeit eines Menschen sich tief im Innern verbirgt und vielleicht ist bei uns beiden die Scheu vor dem Offenbarwerden besonders groß. Doch wir haben ja beide den Willen uns so gegenüber zu treten wie es unserer tiefsten Wirklichkeit entspricht. Es ist so schön in gemeinsamen Stunden nach dieser Wirklichkeit zu suchen, in sie hineinzulauschen.

Bei jedem Zusammensein werden uns Augenblicke geschenkt, in denen wir tief ineinanderschauen dürfen. Wie dankbar müssen wir darum sein, daß uns noch so oft die Möglichkeit dazu gegeben ist. Mit jedem Mal lernen wir uns besser kennen und verstehen und ich spüre wie dadurch auch die tragende Kraft unserer Gemeinsamkeit wächst und sich entfaltet. Ich stehe oft staunend vor der Größe des Erlebens, das mir daraus tief innerlich geschenkt wird. Doch dieses Erleben bereitet mir auch eine Schwierigkeit, gerade weil es die tiefsten Kräfte der Seele erfaßt. Das kam mir wieder so recht zum Bewußtsein, als wir am Abend des Osterfestes gemeinsam vor dem Herrn knieten. Ich weiß nicht ob Du mich darin verstehen kannst, weil Du als Mann das alles vielleicht ganz anders empfindest.

Vor der Begegnung mit Dir war die ganze Kraft meines Herzens bewußt dem Herrn zugewandt und ich hätte nie geglaubt, daß das einmal anders werden könne. Dann aber wuchs das Dir-Zugetansein in mir auf und drang langsam in die tiefsten und heiligsten Bezirke ein. Nun gilt es, die Liebe zu Dir in die rechte Beziehung, in die rechte Ordnung zur Gottesliebe zu bringen; denn trotzdem beides ineinandergreifen kann, muß doch

die Liebe zu Gott das Primäre bleiben. Sie ist vielleicht das Schwerste weil zugleich Höchste und Heiligste was uns Menschen aufgegeben ist. Die irdische Liebe darf aber doch kein Hemmnis für die Gottesliebe sein, denn auch sie ist uns ja von Gott ins Herz gesenkt und wird im Sakrament der Ehe über den rein natürlichen Bereich hinausgehoben. In mir ist beides noch so unausgeglichen nebeneinander und ich empfinde, daß Gott nicht mehr so uneingeschränkt Mittelpunkt meines Denkens ist wie früher. Der jungfräuliche Mensch, der seine ganze Liebeskraft ungeteilt Gott zuwendet, muß freilich dem Herzen Gottes am nächsten stehen. Wir aber wollen uns gegenseitig dem Herrn näher bringen und wenn wir uns gemeinsam darum mühen gilt auch uns Sein Wort: Wo zwei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen. Wenn wir so unser ganzes Sein in den Dienst Gottes stellen, dann dient auch unsere Liebe zueinander letztlich der Verherrlichung Gottes. Wie ich Dir jetzt darüber schreibe ist mir das alles schon viel klarer geworden. So geht es mir oft in meinen Briefen an Dich, während sich manche Dinge kaum sagen lassen, erhalten andere, die vielleicht nur im Unbewußten lebten, dadurch daß sie ausgesprochen

werden, erst Gestalt.

Mein lieber August! Du magst Recht haben, daß das Gehäuse das Innere oft nicht erkennen läßt und doch glaube ich schon manchmal durch die Schale hindurchgeschaut zu haben. Es ist uns oft hart, gerade das tiefste innere Erleben so schlecht einander mitteilen zu können, aber das Entscheidende ist ja, daß wir es gerne sagen möchten und ich weiß nun, daß es Dich ebenso dazu drängt wie mich. Wenn es so Gottes Wille ist wird ja einmal für uns die Zeit kommen, da wir alles zutiefst gemeinsam erleben dürfen. Alles was wir jetzt tun, jeder für sich und gemeinsam, ist ja Bereitung für diese Zeit. Haben wir nicht allen Grund ihr mit frohem Herzen entgegen zu gehen?

Nun ist bald wieder Sonntag, ob Ihr dann wohl nach Elsenborn fortmüßt? Wenn Du da mit dem Major Du Vinage zusammenkommst, grüße ihn von der Familie. Er wird sich freuen und für Dich ist es vielleicht auch ganz gut. Wenn Du noch Sonntag in Aachen bist, rufst Du sicher vorher noch an. Sei nun herzlich gegrüßt von

Deiner Marga.