Marga Ortmann an August Broil, 6. Mai 1943

27. Köln, den 6. Mai 1943.

Mein lieber August!

Wieder habe ich am Bahnhof von Dir Abschied nehmen müssen, Du fuhrst in eine ungewisse Ferne und ich bleibe wartend zurück. So war es auch das erste Mal, als Du nach Kottbus kamst. Doch welch gute Zeit lag zwischen diesen beiden Stunden am Bahnhof; die glücklichen Tage des Beieinanderseins in Aachen und das Vertiefen der Gemeinsamkeit in unseren Briefen, Du, es hat uns in dieser Zeit doch ein gutes Stück weitergebracht auf unserem Weg. Ich bin so froh darum und diese Freude klingt noch durch den Schmerz des Abschiednehmens hindurch. In der letzten Stunde des Zusammenseins ging es uns wohl beiden so, daß wir nichts zu sagen vermochten aus der Fülle dessen, was im Innern drängte. Aber das Glück des Miteinander- und Füreinanderseins durften wir kosten und deshalb wollen wir recht dankbar für diese Stunde sein, von der wir vielleicht noch lange zehren müssen.

Als Dein Zug nicht mehr zu sehen war, habe ich Frau Gabert zur Straßenbahn gebracht. Sie ließ den Tränen, die sie im Beisein ihres Mannes noch zurückgedrängt hatte, freien Lauf und ich glaube es war gut, daß wir nachher noch eine Weile miteinander gesprochen haben. Sie bat mich darum, sie einmal zu besuchen und das will ich auch tun. Ich konnte dann noch nicht gleich nach Hause gehen,

in einer wundersam stillen Stunde habe ich erst einmal alles vor den Herrn getragen, was mich so stark bewegte. Ganz allein war ich in der Kapelle in der Stolkgasse. Ich kann Dir garnicht sagen wieviel Ruhe und Kraft mir da geschenkt wurde. Solche Gnadenstunden, in denen wir mit ganzer Hingabebereitschaft zu beten vermögen, sind sicher nur sehr selten, wenn wir uns aber immer wieder um das rechte Beten bemühen, wird uns der Herr mit seiner Gnade auch ein gutes Gelingen schenken. Wir kleinlich und egoistisch sind doch die meisten Menschen und vielleicht auch wir selbst noch in unserem Beten. Nur zu oft steht doch das Ich im Mittelpunkt und wir vergessen über unseren Sorgen nur zu leicht, daß unser Sprechen mit Gott zunächst Ihm gelten soll und Seiner Verherrlichung. Aus dieser Erkenntnis heraus habe ich es lange Zeit kaum gewagt um etwas zu beten und ich glaube daß das vollkommenste Gebet, das sicher nur besonders begnadete Menschen können, das Hinüberklingen vom menschlichen Ich zum göttlichen Du ist, das keinen anderen Zweck hat als die Verherrlichung Gottes. Das Bittgebet entspricht freilich unserem menschlichen Empfinden – wenn dieses nicht vom Stolz zerstört ist – und liegt nicht auch in dem Vertrauen, das damit Gott entgegengebracht wird, Seine Verherrlichung? Es muß nur aus der rechten Haltung und Grundeinstellung heraus geschehen. Schon die Apostel haben erkannt wie schwer das rechte Beten ist, daß es erlernt werden muß und wir tun mit

ihnen immer wieder die Bitte an Ihn: Herr, lehre uns beten! Er hat es getan indem er uns das Vaterunser gegeben hat und durch sein Beispiel wie es in der Stunde größter seelischer und körperlicher Not am Ölberg gebetet hat: Vater, laß den Kelch an mir vorübergehen; aber nicht mein Wille geschehe, sondern der deine. Wenn uns die Vaterunserbitte: Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden (d. h. auch in meinem Leben, ganz gleich was er von mir fordert) wirklich unser eigenstes, persönliches Anliegen geworden ist, dann können wir es wagen auch unsere anderen Bitten anzusprechen, die letztlich alle in diese eine große Bitte des Herrengebetes münden. So wird unsere Beten frei von aller Selbstsucht, wird groß und weit für die Anliegen der Gemeinschaft in Kirche und Reich und ist immer ausgerichtet auf das Eigentlichste und Letzte: die Gloria Die! Mein lieber August, so habe ich in jener Stunde, da wir uns vielleicht für lange Zeit zum letzten Mal gesehen, dem Herrn erneut mein Ja gegeben zur Verwirklichung Seines heiligen Willens, mein Ja zu Dir und unserer Gemeinsamkeit mit allem was sie uns an Hohem und Schönem, an Hartem und Schwerem bringen wird. Du, ich habe das feste Vertrauen daß der Herr, der unsere Wege zusammenführt, auch weiterhin unseren gemeinsamen Weg segnen wird. Wir wollen uns diesen Segen täglich erflehen und uns bemühen einander immer näher zu kommen, damit unsere Gemeinsamkeit immer tiefer und inniger werde. Jeder Brief, jeder Gedanke soll uns weiter-

bringen auf unserem Weg und alles was wir tun auf das gemeinsame Ziel ausgerichtet sein. Alles was wir tun, sei es die Bekämpfung der eigenen Unordnungen und Schwächen oder die notwendige Sorge und Pflege des Leibes erhält einen größeren Wert und eine höhere Bedeutung im Bewußtsein der Verantwortung gegenüber unserer Gemeinsamkeit. Wenn wir so die Zeit der Trennung recht benutzen, entspricht es einer inneren Notwendigkeit, daß wir, sobald uns dazu Gelegenheit gegeben ist, einen Schritt weitergehen und das, was uns selbst heilige Gewißheit geworden ist, öffentlich bekräftigen. Es hat mich fast erschreckt als Du davon sprachst und ist doch ein Grund mehr sich auf den nächsten Urlaub zu freuen.

8.5.
Gestern kam Deine Karte und heute Dein Brief aus Bremen. Du weißt, wie ich mich über alles was mir von Dir kommt freue. Der Brief aus Aachen ist noch nicht angekommen, ich halte bei jeder Post danach Ausschau. Vielleicht soll er mir morgen eine Sonntagsfreude sein.

Für heute grüße ich Dich von ganzem Herzen und wünsche Dir alles Liebe und Gute

Deine Marga.

Meine Eltern und alle Freunde lassen Dich grüßen.