Marga Ortmann an August Broil, 9. Mai 1943
28. Köln, am 2. Sonntag nach Ostern.
Mein lieber August!
Wieder ist der Tag des Herrn da und bringt uns eine große Ruhe nach der Hast der Woche. Man spürt doch etwas von der Weihe, die auf dem siebten Tage ruht. Zwischen dem Werk der Woche, gleichsam als deren Zusammenfassung und Abschluß, und dem Tag des Herrn steht unsere Komplet am Samstagabend. Bedeutet sie Dir auch jetzt noch etwas, da Du draußen stehst? Lange Zeit haben wir jeder für sich dort gestanden ohne voneinander zu wissen, als Glieder der großen Gemeinschaft. Dann ist aus unserer großen Gemeinschaft langsam unsere Zweisamkeit gewachsen, die aus dem gemeinsamen Stehen vor Gott immer wieder neue Kraft empfing. Nun bist Du draußen und wenn Deine Gedanken am Abend der Woche in der Krypta sind, dann sollst Du wissen, daß ich da bin, daß ich ganz bewußt für Dich mit dastehe und unser beider Wochenwerk, mag es äußerlich noch so verschieden sein, zusammen vor den Herrn trage. Dadurch sind wir uns in dieser Stunde ganz besonders nahe; unsere Verbindung ist dann hineingestellt in die große geistige Gemeinschaft der Vielen draußen und daheim.
Du, August, wie fein hast Du mir geschrieben von dem Erleben der Fahrt durch das frühlinghafte Land und dem Marsch durch die Nacht unterm Sternenhimmel. Ja, wir
wollen einander in unseren Briefen teilnehmen lassen an unserem Erleben, an allem Großen und Erhabenen aber auch an all den kleinen Dingen des Lebens, deren wir manchmal so schwer Meister werden können.
So wie Du auf dem Marsch zu den Sternen hinaufgeschaut hast tue ich es oft so gerne, wenn schon alles schläft. Dann denke ich immer daran, wie Du mir auf dem Heimweg von Altenberg die Namen der Sternbilder genannt hast. Überwältigt von all dem Erleben, das mir so neu und unbekannt war, meinte ich da es sei alles viel zu schön und wie Recht hattest Du als Du sagtest, wir müßten vielleicht lange noch von diesen Stunden zehren. Wie manche Stunde guter Gemeinsamkeit durften wir seitdem noch erleben, die noch lange in uns nachklingen werden.
Eben waren wir alle im Dom, wo der Erzbischof in feierlicher Weihe die ganze Diözese unter den besonderen Schutz der Gottesmutter gestellt hat. Es war ein erhebendes Bewußtsein, daß alle die Tausende, die den Dom füllten, in dieser Stunde von dem gleichen Gedanken beseelt waren. Die Jugend war wieder besonders stark vertreten; aus dem zuchtvollen Beten und Singen der Schola klang die ganze jugendliche Begeisterung mit. Und doch glaube ich, daß die Generation vor uns eine ganz andere Beziehung zur Muttergottes hat als wir. Es ist wohl berechtigt daß wir uns fragen, ob sie uns ferner und fremder geworden ist.
Wir müssen uns darum bemühen, daß ihr Bild recht groß und lebendig vor uns stehe, denn all die Werte, die wir in uns, in unserem Leben erstreben möchten, sind an ihr in so hohem Maße Wirklichkeit geworden. Wie schön war es doch, als wir in Altenberg gemeinsam vor ihrem Bild gekniet haben.
Möge doch ihr mütterlicher Segen auf unserer Gemeinsamkeit ruhen; das war mein Gebet als vorhin der Bischof in seinem Weihegebet den Schutz Marias für die ganze Diözese erflehte. Nach der Feier im Dom waren wir noch bei uns zum Singen zusammen. Von den Fahrtenliedern der Jungen kamen wir zu den Liedern des Frühlings und als es dunkel wurde haben wir alle recht besinnlich die schönen Abendlieder gesungen. Das Lied von Claudius und ein gemeinsames Gebet für unsere Soldaten war dann der gute Ausklang des Tages.
Gerade das gemeinsame Lied bringt uns einander nahe, in der Gemeinschaft und die einzelnen untereinander. Die Weihnachtszeit, in der wir so viel miteinander gesungen haben, werden wir wohl so bald nicht vergessen. Ich freue mich schon darauf wenn wir wieder zusammen singen können, in der Gemeinschaft und wir beide allein.
Die letzte Stunde dieses Sonntags gehört nun Dir, indem ich Dir in diesem Brief von dem Tag erzähle. Sie sind mir so lieb, diese stillen Stunden, in denen ich mit Dir ganz allein bin. Während des Schreibens sitze ich dann oft lange sinnend da und all meine Gedanken dieser
Stunden, die sich garnicht ausdrücken lassen, möchte ich Dir mit in den Brief hineingeben. Du August, weißt Du eigentlich wie lieb ich Dich habe? Ich möchte es Dir so gerne sagen, ich wollte es Dir so gerne zeigen, wenn wir zusammen waren. Vielleicht brennt es in mir innerlich umso stärker, weil ich ihm nach außen nicht so gut Ausdruck geben kann wie andere. Ich hätte die Frauen beneiden mögen, - früher habe ich mich darüber erhaben geglaubt – die den Gefühlen der Liebe und des Schmerzes in Kuß und Tränen Ausdruck gaben, während ich alles tief in mich hineingenommen habe. Schon als Kind hatte ich immer eine Scheu anderen das zu zeigen, was mich innerlich bewegte. Mutter fragte mich nach einer Beerdigung etwas vorwurfsvoll, ob mir der Tod der Mitschülerin nicht leid getan hätte, weil ich als Einzige nicht geweint hatte. Während die anderen Kinder am folgenden Tage wieder fröhlich spielten brauchte ich noch lange, um mit dem Ereignis fertig zu werden, das mich zutiefst gepackt hatte.
Etwas von dieser Scheu ist auch heute noch in mir und wird sich vielleicht nie ganz verlieren. Doch Du weißt ja, daß ich mich Dir aufgetan habe und es immer noch mehr tun will, damit wir uns immer besser und klarer erkennen und so auch durch manche Hülle hindurchzuschauen vermögen.
Ich wünsche Dir, daß für Dich der erste Sonntag in Bremen ein recht guter Tag war und grüße Dich von Herzen
Deine Marga.