Marga Ortmann an August Broil, 13. Mai 1943
30. Köln, den 13.5.43.
Mein lieber August!
Schon gestern kam mir Dein Sonntagsbrief als Antwort auf meinen ersten Brief nach Bremen. Du hattest bisher nur selten Gelegenheit in einem Brief auf das einzugehen, was ich Dir geschrieben; wie Du es aber in diesem Brief und in Deinem letzten aus Aachen getan hast, ließ mich etwas spüren von dem Klingen und Widerklingen, wovon Du einmal sprachst. Ja, es ist da und wir dürfen uns daran erfreuen, und so weiß ich daß alles, was ich Dir sage, in Deinem Innern eine Antwort findet.
Es ist doch etwas Großes und Wunderbares, daß wir trotz der Verschiedenheit unserer äußeren Lebensumstände zu dem gleichen Erleben fähig sind und dieses Erleben uns aus der Hinwendung zu Gott geschenkt wird: Dir in dem einsamen Diaspora-Kirchlein am Rande der fremden Stadt und mir in der stillen Kapelle inmitten unserer lieben Vaterstadt. Und ich glaube, gerade das wird die stärkste Brücke sein, auf der wir immer wieder zueinanderfinden und beieinander sind; mag die Trennung räumlich und zeitlich noch so groß sein.
Es waren sicher feiner Stunden für Dich, als Du Dir allein die Stadt und ihre Kirchen angeschaut hast. Beim Betrachten von Kunstwerken ist es wie beim Wandern durch die Natur, es ist am wertvollsten es alleine zu tun oder nur in Gemeinschaft
eines Menschen, der einem sehr nahe steht, der mit schauen und schweigen kann. Nur der kann die Kunstwerke, die uns der starke Glaube des Mittelalters geschenkt hat, recht betrachten, der die Bereitschaft aufbringt, der Stimme der Geisteshaltung zu lauschen, die aus den Kunstwerken spricht. Diese aber weist immer über das Werk selbst hinaus; wo es Selbstzweck geworden ist, fehlt ihm die Lebendigkeit. Da, wo den Kirchen der geheimnisvolle Mittelpunkt, die Gegenwart Gottes genommen ist, erscheinen sie uns wie eine wertvolle Schale, der der kostbare Kern verloren gegangen ist. Als ich in Nürnberg in der Lorenzkirche, einem herrlichen, gotischen Gotteshaus, vergebens nach dem ewigen Licht suchte und schließlich im Chor den Bibeltisch statt des Altares sah, überkam mich ein großer Schmerz und ein Ahnen um die Tragik, die in der Glaubensspaltung unseres Volkes liegt. Von allen Erlebnissen der Fahrt hat mich dieses am tiefsten beeindruckt. Du hast Dir wohl ähnliche Gedanken gemacht.
Mein lieber August, nun hat für Dich der neue Dienst sicher schon begonnen, ich kann mir garnichts darunter vorstellen. Hoffentlich kannst Du mir bald davon berichten, auch wie Du es sonst angetroffen hast, in Verpflegung u.s.w. Wenn Dir irgend etwas fehlt, schreibe es mir doch bitte. Du weißt doch wie gerne ich Dir in jeder Beziehung helfen möchte.
Durch das Evangelium von Sonntag wurde ich wieder an das erinnert, was uns Dr. Frotz voriges Jahr in der Komplet zum Bild des Guten Hirten gesagt hat. Ich hatte mir damals einige Notizzen darüber gemacht und habe sie Dir nun aufgeschrieben.
Gerade wo Du jetzt draußen stehst und die sakramentale Vereinigung mit Gott so oft entbehren mußt tut es not, daß das Bewußtsein der nahen Verbindung zu Ihm recht lebendig in Dir ist.
Gestern abend waren wir wieder bei Henny zum Kreis zusammen. Wir sind nun wirklich eine Gemeinschaft geworden und das Du, das wir zueinander sagen, ist wirklich Ausdruck dafür, daß wir uns persönlich näher stehen. Henny und Marliese erzählen oft von dem Erleben mit den Kindern; das lenkt die anderen immer wieder hin auf das, was sich wohl jede einmal ersehnt. Es ist doch etwas Schönes, eine feine Mädchengemeinschaft; ich stehe nun ganz darin und doch werde ich nie zu einer freundschaftlichen Beziehung zu Einer kommen, so wie Therese z. B. zu Hede steht. Ich habe schon öfters darüber nachgedacht, woran es liegt, daß ich niemals eine Freundin gehabt habe. In der Schule und auch später noch hat mich wohl manche als Freundin betrachtet und vielleicht bin ich auch einmal einer eine solche gewesen, weil sie mich irgendwie nötig hatte. Von mir aus hatte ich nie das Bedürfnis mich einem Menschen näher mitzuteilen und vielleicht fehlt mir auch die Hingabefähigkeit, die zu einer Freundschaft nötig ist. Ich habe daraus wohl die Folgerung gezogen, für jede Gemeinsamkeit untauglich zu sein. Das Erleben unserer Zweisamkeit ist mir daher so groß, so unfaßbar neu, daß ich immer wieder staunen muß, welche Tiefen es in mir auftut. Ich glaube aber daß dann, wenn man den Weg zur letzten, tiefsten menschlichen Gemeinsamkeit einmal eingeschlafen hat, einfach kein Platz mehr da sein darf und kann für
eine zweite Beziehung und daß sie, wenn sie vorher in einer Freundschaft bestanden hat, weiter unmöglich ist.
Ich erzählte Dir schon, daß wir das Buch von Oda Schneider: Die Macht der Frau, gemeinsam erarbeiten. Mit großer Klarheit stellt sie manches dar, was mir bisher garnicht bewußt war. Und doch finde ich, daß manche Dinge etwas verlieren, dadurch man darüber spricht und sie zu deuten versucht. Der Wert einer Sache wird ja nie erhöht wenn die bergende Hülle entfernt wird, um sie zur Schau zu stellen. Der Wert der fraulichen Art ist größer, glaube ich, wenn er unbewußt gelebt wird; denn wo er fehlt, läßt er sich auch nicht bewußt erarbeiten. Wenn über diese Dinge gesprochen wird, geschieht es doch meist darum, weil man ihren Mangel, ihr Fehlen empfindet. Sind sie wirklich da, so werden sie als Selbstverständlichkeit hingenommen und ich glaube nur dann können sie sich recht entfalten; nicht im Rampenlicht sondern in der Stille. Freilich läßt sich manch Verborgenes und Schiefgeratenes wieder zurecht biegen, indem man das Ideal recht zu beleuchten versucht. Das hat Hans Schroer in seinem Brief an die Mädchen so gut getan. Seine Worte haben mich damals tief beeindruckt; sie ließen aber zugleich die Erkenntnis in mir wach werden, wie tief der Mißstand unserer Zeit auf dem Gebiet sein muß, der überhaupt ein solches Wort erst nötig werden läßt. Der Mißstand greift immer weiter um sich und scheint fast Allgemeinzustand geworden zu sein.
Der Anblick mancher Frauen und Mädchen auf der Straße und überall läßt mich manchmal erröten und ich
möchte mich schämen, auch eine Frau zu sein.
Als der Brief von Hans in der Komplet vorgelesen wurde, hat es mich wirklich erschüttert, mit welchem Ernst er als Mann, als Soldat und Glied der Gemeinschaft der Kirche, die Mädchen darum bittet, daß sie sich bewahren. Er hätte es nicht feiner und zarter und zugleich eindringlicher tun können, als im Hinblick und Hinweis auf das Hochbild der Frau: Maria. Und dennoch hat er mir im Tiefsten damit wehtun müssen – ich weiß nicht, ob Du das als Mann verstehen kannst.
Klaus sieht wohl auch die Notwendigkeit, zu dieser Frage Stellung zu nehmen und hat mich wohl deshalb um ein Wort gebeten. Ich will versuchen ihm auf seinen Brief zu antworten, wenn auch anders wie er es vielleicht erwartet. Ich finde, wenn Frauen über den Wert des Frauseins reden – einige wenige, die besonders dazu berufen sind, ausgenommen, (G. v. le Fort, Bäumer, Oda Schneider, Moßhammer in ihren Schriften) – geschieht das meist aus einem gewissen Minderwertigkeitsgefühl dem Manne gegenüber. Es ist das meist ein krampfhaftes Bemühen dem Manne an Wert gleichzukommen, der durch die äußere Anerkennung mehr in Erscheinung tritt. Es wird dabei übersehen, daß beide Werte nicht unter- oder übergeordnet zueinander stehen, sondern ganz anders gelagert sind und erst in fruchtbarer Ergänzung zueinander, in der Harmonie, die der Ordnung Gottes entspricht, ihre letzte, volle Entfaltung finden.
Du August, wie schön wird es einmal werden, wenn uns der Herr in einem Leben der Gemeinsamkeit die Sendung und
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Möglichkeit zu einem gesegneten Miteinanderwirken geben wird, in der jeder seine ganze Kraft zum Einsatz bringen kann. Ich habe bis jetzt kaum gewagt daran zu denken und es ist mir noch unfaßbar, mein Ziel, unser gemeinsames Ziel so klar gezeichnet zu sehen. Wir wollen uns miteinander darauf freuen und uns ernsthaft dafür bereiten, jeder für sich und beide zusammen in unserer Gemeinsamkeit.
Der Rotdorn blüht; nicht wie die schäumende Pracht der Obstbäume, deren Blüten wie ein Flaum an den Zweigen hängen und bald vergehen, sondern wie mit ungeheurer Wucht scheint die rote Pracht herabgeschüttet zu sein und die knorrigen Äste bieten sich wie unter einer Last. Und doch wie zart ist jedes kleine Blütchen, die so dicht beieinander sitzen, sie sind wie winzige Rosenknospen.
Unter dem bezwingenden Glanz der Sonne geht der Frühling mit Riesenschritten dem Sommer entgegen. Kannst Du das bei dem neuen Dienst auch so fein miterleben wie in Aachen? Hatte immer Herz und Augen offen für all das Schöne, das wir täglich schauen dürfen und laß auch die kleinen Freuden in Dir Wurzel fassen, dann kann es nie ganz dunkel in Dir werden.
Ich grüße Dich in herzlicher Verbundenheit.
Deine Marga.
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