Marga Ortmann an August Broil, 17. Mai 1943
31. Köln, den 17. Mai 1943.
Mein lieber August!
Gestern habe ich einen feinen Sonntag verlebt, wovon ich Dir nun in der Frühe gleich etwas erzählen muß. Nach langer Zeit – es ist genau ein halbes Jahr seit dem letzten Mal, wo Du noch mit dabei warst – haben wir uns mit Dr. Hiß in Wuppertal wieder getroffen. Wir sind schon früh gefahren und haben am Vormittag noch gemeinsam einen feinen Weg auf den Ehrenberg gemacht. Ich war mit Hede den anderen mit voraus und in einem guten Gespräch sind wir einander näher gekommen. Lange haben wir oben plaudernd im Gras gesessen. Der Blick ging weit hinweg über die Stadt mit ihren grauen, ineinandergeschachtelten Häusern und den rauchenden Fabrikschloten auf der engen Talsohle zu den Bergen auf der gegenüberliegenden Seite, wo das satte Grün der Wälder dem Auge so wohl tat. Die hellen, leichten Kleider der vielen Mädchen leuchteten in der Sonne und das helle Lachen der Nachkommenden drang zu uns herüber. Um ½ 3 kam dann Dr. Hiß mit einigen Mädchen und einem Soldat aus Essen. Sie standen alle noch stark unter dem Eindruck dessen, was sie in den letzten Wochen durchgemacht hatten; das war wohl auch bestimmend für das Thema, das er gewählt hatte: Von der Vorsehung Gottes. Er hat uns dazu einige sehr gute Gedanken mitgegeben, wovon ich Dir vielleicht später etwas schreiben werde; Du weißt, daß ich selbst die Dinge erst etwas verarbeiten muß, ehe ich davon sprechen kann. Aus der lebhaften Diskussion, die Dr. H. sehr
geschickt zu lenken verstand, ging hervor, wie sehr sich alle selbst schon mit dem Thema beschäftigt hatten. Beim gemeinsamen Singen bist Du natürlich sehr vermißt worden. Dr. H. hat immer wieder von Dir gesprochen, das hat mir richtig gut getan. Er wird wohl staunen, wenn er einmal erfährt wie wir beide zueinander stehen. Er trägt sehr schwer an den Geschehnissen des Krieges, zumal ihm dadurch auch die Arbeit sehr erschwert ist. Die Unbekümmertheit mit der wir gesungen haben, hat ihn und seine Mädchen, die alle fliegergeschädigt waren, auch wieder recht froh gemacht und er sagte nachher, daß er gerade jetzt, wo er selbst nur immer mit heimgesuchten, schwer geprüften Menschen zusammen ist, denen er durch ein gutes Wort helfen muß, es so nötig habe auch einmal in der lebendigen Gemeinschaft junger Menschen zu stehen, wo er sich mal etwas holen könne. Als wir abends auseinandergingen, waren frohe, strahlende Gesichter auf beiden Seiten. Wir hatten dann eine gute Heimfahrt. An den letzten Sonntagen warst Du immer das Ziel meiner Fahrten und auf der Heimfahrt waren meine Gedanken immer noch bei den gemeinsam verlebten Stunden. Diese Sonntage werden uns wohl unvergessen bleiben und ich glaube, wir dürfen sie als besonderes Geschenk Gottes ansehen, das er uns vor der Trennung zur Fertigung unserer Gemeinsamkeit gegeben hat. Gestern abend im Zug war ich in Gedanken mit Dir allein; die anderen schliefen, so war es ganz stille um mich her. Aber auch während des Tages, inmitten der Gemeinschaft gingen meine Gedanken zu Dir hin, ohne
daß ich mich irgendwie abgesondert hätte. Das Lied: „All mein Gedanken, die ich hab, die sind bei Dir“ habe ich so ganz aus dem Herzen mitgesungen und mir zu eigen gemacht. Weißt Du noch, als wir zum ersten Mal zusammen gewandert sind, hast Du es mir auf dem Weg nach Bensberg vorgesungen. Ich hielt es damals für ein Kirchenlied, weil ich selbst die Gefühle, die darin zum Ausdruck gebracht werden, nur für Gott allein aufbringen konnte. Einem Menschen solche tiefen Worte zu sagen erschien mir sentimental und unwahr, weil ich es unmöglich hielt, daß eine Wirklichkeit dahinterstehen könnte. Und nun ist das alles, was mir so unbegreiflich war, in mir selbst Wirklichkeit geworden; so groß und schön, daß selbst diese Worte es nicht auszudrücken vermögen. Die Melodie habe ich schon öfter vor mich hingesungen, es liegt eine große Innigkeit darin und eine ruhige Gewißheit. Das Lied ist frei von aller unklaren Schwärmerei, die man häufig bei Minneliedern findet. – Als ich gestern abend nach Hause kam, war mir Dein Brief die schönste Freude des Sonntags. Ich spüre daraus, wie Du mich immer besser erkennst, daß Du mich beinahe so siehst wie ich wirklich bin – die letzte Wirklichkeit unseres Seins können wir auch nicht selbst erkennen, nur Gott sieht sie.
Die meisten Menschen um uns haben doch ein ganz falsches Bild von uns und gerade die, die am meisten mit uns zusammen sind, die Familie. Das liegt wohl an der Scheu sich so zu geben, wie man wirklich ist, weil man glaubt so nicht verstanden zu werden. Wenn mich jemand geringer einschätzt, als ich selbst
mich sehe, das kann ich ertragen, aber es ist mir schwer wenn die Menschen mich für besser halten als ich bin. Dann habe ich manchmal versucht mich durch eine Äußerung, die meiner Ansicht garnicht entsprach, in ihren Augen herabzusetzen, bis mir ein Kollege einmal sagte: „Sie bemühen sich wohl sich selbst in ein möglichst schlechtes Licht zu bringen.“ Du aber bist der einzige Mensch, dem ich mich aufgetan habe, dem ich mein ganzes Sein, so wie es wirklich ist, in die Hände legen möchte. Ich tue es voll Vertrauen, denn ich weiß, Du wirst es behutsam tragen, um es dereinst klar und rein in die Hände des Vaters zurückgeben zu können. Und auch Du willst, daß ich Dich so erkenne, wie Du wirklich bist und hast mich besonders in Deinem letzten Brief aus Aachen ein Stück weiter in Dich hineingeführt. Dieses Erkennen bringt uns zu einem immer tieferen Einandergehören und Besitzen und läßt uns immer einander nahe sein.
Mein lieber August, hoffentlich hast Du gestern auch einen recht schönen Tag gehabt. Es wird Dir gewiß Freude machen nach dem Dienst der Woche Dir die Schönheiten der Stadt anzuschauen; Du wirst auch jetzt Deine Sonntage so zu gestalten wissen, daß sie wie ein Atemholen sind für Leib und Seele, ein Kraftquell für die neue Woche. – Mutter hat sich über Dein Gedenken zum Muttertag sehr gefreut. Sie meinte scherzend, Du seist das sechste Kind, das an sie gedacht hat.
Von ganzem Herzen grüße ich Dich, mein lieber August
Deine Marga.