Marga Ortmann an August Broil, 21. Mai 1943

33. Köln, den 21. Mai 1943.

Mein lieber August!

Solange hast Du diese Woche vergebens auf Post von mir gewartet; es wird mir selbst schwer, wenn ich länger mit schreiben warten muß, bis sich eine Stunde dafür findet. Eben kam mir Dein Brief und nun sollst Du gleich eine Antwort haben, wenn ich auch etwas „sündigen“ muß bzw. meiner Arbeit. Durch Deinen Brief habe ich wieder einen Blick tun dürfen in die Gegebenheiten, in die Dein Leben nun hineingestellt ist. Ich freue mich davon zu erfahren, auch von den Dingen, die scheinbar äußerlich und nebensächlich sind; denn sie fordern ja Deine innere Kraft ein, daß Du damit fertig wirst. Und auch in Dein Inneres durfte ich wieder hineinschauen. Das geschieht mit jedem Mal tiefer, sodaß mir das Bild Deiner Seele allmählich klarer und vertrauter wird. Du suchst danach etwas für mich tun zu können in dieser Zeit, und das Wissen darum, daß in Dir das gleiche Verlangen ist, das in mir so stark lebendig ist und sich mit nichts bescheiden läßt, ist mir eine große Freude. Freilich kannst Du etwas tun und ich weiß auch daß es geschieht: indem Du die Stelle ganz auszufüllen versuchst, auf die Dich der Herr berufen hat. An uns beide sind in unserer Gemeinsamkeit, besonders jetzt in der Zeit der Trennung, große Forderungen gestellt; sie treten äußerlich verschieden in Erscheinung, aber das Wesentliche ist doch, daß wir unsere ganze Bereitschaft und Kraft einsetzen, um diese Forderungen zu

erfüllen, jeder an seinem Platz und seiner Eigenart entsprechend. Von dem Nützlichkeitsprinzip unserer Zeit ist in uns alle etwas eingedrungen, wir möchten auch in den Dingen des Geistes und des Herzens gleich einen greifbaren Erfolg unserer Leistungen sehen und sind schon unbefriedigt, wenn uns die Möglichkeit des Tuns, so wie wir es gerne möchten, genommen ist. Hat nicht die Hinopferung des eigenen, das Warten in Geduld und Hingabe einen größeren Wert als alles Tun, das oft in der Selbstbefriedigung schon seinen Lohn und Abschluß findet, während das Ergebensein die größere geistige Kraft, ja Mut erfordert! Auch in der Zeit der Ruhe und scheinbarer Tatlosigkeit können wir noch so viel füreinander tun: die Arbeit am eigenen Ich, die Bekämpfung unserer Unordnungen, das Bestehen in all den kleinen und großen Prüfungen des Tages; das alles wird über den Bereich des kleinen Ich hinausgehoben und in den Dienst unserer Gemeinsamkeit gestellt. Alles worum ich mich bemühe, was ich zu erreichen suche, geschieht ja für Dich in der Bereitung für unseren gemeinsamen Weg. Je mehr der Einzelne seine Schwächen und Unvollkommenheiten im Hinblick auf das gemeinsame Ziel zu überwinden sucht, umso größer wird einst unser Beitrag sein, den wir im gemeinsamen Werk zur Verherrlichung Gottes beizutragen vermögen.

Auch das Ringen und Kämpfen um eine recht lebendige Beziehung zu Gott wollen wir in dieser Zeit einander schenken, denn das ist vielleicht das Kostbarste, das wir in unsere Gemeinsamkeit mithineinbringen können, die

Voraussetzung dafür, das Christus der Dritte, der heimliche Mittelpunkt unserer Gemeinsamkeit sein kann und bleiben wird. Ich weiß, daß Dir all das Tun im Dienste Gottes so sehr innerster Besitz geworden ist, daß es Dir die Kraft gibt auch Dein jetziges Leben danach zu formen, wo alle äußere Hilfe ausgeschaltet ist. Das macht mich froh und zuversichtlich.

Sieh, mein lieber August, von einem Opferbringen darfst Du gar nicht sprechen; das was wir gerne und aus frohem, bereiten Herzen tun, kann doch kein Opfer sein. Ein Opfer ist doch etwas, das uns schwer fällt, dem eigenen Verlangen widerspricht und was wir dann trotzdem tun. Daß unsere Gemeinsamkeit einmal wirkliche Opfer von uns fordern wird, das ist gewiß. Rilke sagt einmal so treffend: Die Liebe ist nicht dazu da uns glücklich zu machen, sondern zu prüfen, welche Kraft und Leidensfähigkeit in uns ist. Und doch, liegt nicht gerade in dem Glück, das uns durch die Liebe geschenkt wird, die Quelle zur Kraft und Leidensüberwindung? Ich mußte daran denken, als Marlis gestern zu mir sagte, nachdem sie all ihre Sorgen aufgezählt hatte – Georgs Krankheit, Hildegard Mittelohrentzündung, Norbert erkältet und sie selbst Grippe - : „Der liebe Gott muß uns doch sehr gerne haben, daß er uns das alles schickt.“ Das sagte sie mit solch froher Ergebung, daß ich sie bewundert habe und lange darüber nachdenken mußte, woher ihr die Kraft dazu gekommen sein mag.

Du, August, wir wollen dem Herrn immer wieder danken für das Glück, das er Dir und mir in unserem Zueinander

geschenkt hat. Es überkam mich mit aller Gewalt, als ich eben Deinen Brief las und ließ mich die Hände falten zu einem innigen Dank, daß der Herr alles so für uns gefügt hat. Es ist eine tiefe Freude in mir und trotzdem ich am Geschehen des Krieges und der Zeit schwerer trage als so viele Menschen um mich – die Tragik der Zerstörung der Talsperren ließ mich nachts nicht zur Ruhe kommen – ist die Freude eigentlich immer der Grundton meiner Seele. Daß diese Freude auch Deine Seele hell und weit mache, wünsche ich von ganzem Herzen. Nur die Liebe vermag die Todeswunde der Welt zu schließen und an der Stelle, wo Du stehst, darf es niemals dunkel werden!

Wenn dieser Brief bei Dir ist, wird wieder Sonntag sein, Tag des Herrn. Nimm dazu meinen herzlichen Gruß und ein inniges Gedenken

Deine Marga.