Marga Ortmann an August Broil, 22. Mai 1943

34. Köln, den 22. Mai 1943.

Mein lieber August!

Wir stehen im Mai, in dem Monat, wo sich uns die Natur in ihrer herrlichsten, lieblichsten Pracht dartut; und weil es der schönste Monat des Jahre ist, darum ist er ihr geweiht, der Schönsten, Heiligsten und Erhabensten von allen Menschenkindern, die über diese Erde geschritten: Maria. Noch nie hat ihr Bild so leuchtend und strahlend vor meiner Seele gestanden, noch nie war meine Beziehung zu ihr so tief und innig, als in den Tages dieses Maien. Jede Zeit hat ihren eigenen Weg zu ihr gefunden und gerade wir jungen Menschen unserer Zeit haben lange nach einem Weg zu ihr gesucht, haben darum gerungen und mir ist dieses Ringen recht schwer geworden; doch sie, die Mutter des Herrn, hat sich von uns finden lassen und gewährt sich uns immer fort, wenn wir uns vertrauend an sie wenden. Was hat sie uns nicht alles zu sagen, wenn wir betrachtend vor ihrem Bilde stehn! Alles Große, Reine und Gute, alles was uns nur erstrebenswert ist, begegnet uns in ihrem Bild in letzter Vollkommenheit. Daher können wir unser eigenes Leben immer, in jeder Lage, nach ihrem Bilde ausrichten.

Das größte Geheimnis ihres Lebens und Seins scheint mir darin zu bestehen, daß sie Jungfrau – Mutter ist. Beide Möglichkeiten des Frauseins verkörpert sie in ihrer Vollendung und verbindet sie in sich zur harmonischen Einheit. So ist sie das Idealbild

jeder Frau, ganz gleich welche Berufung ihr zuteil geworden ist. Und jede darf sich aufgerufen wissen, eine zweite Maria zu werden. In ihr vereint sich jungfräulich-herbe Reinheit und mütterlich-milde Liebe. Und beides tut unserer Zeit heute so not, wo Reinheit und Liebe mit Füßen getreten werden und Sünde und Haß zu triumphieren scheinen. Mehr noch als das Bild der mater hatte mir bisher das Bild der virgo zu sagen. Angesichts all der Verkehrung und Mißachtung göttlicher Ordnung, die uns in den Menschen um uns immer wieder vor Augen treten, war es mein Wunsch dem Herrn dafür durch ein Leben in Reinheit und Enthaltsamkeit so viel in meinen Kräften stand einigen Einsatz zu leisten. Das Zerrbild des Lebens, das sich mir darbot, und vielleicht auch die eigene Unreife ließen mich über die Dinge, die der Schöpfer zur Weckung und Erhaltung neuen Lebens so unendlich weise eingerichtet hat, nicht groß und erhaben genug denken. Keuschheit ist ja nicht nur bloße Enthaltsamkeit, sondern es muß eine Hingabebereitschaft darin liegen, das Bewahren für Einen – sei es für Gott oder den von Ihm gegebenen Lebensgefährten. Indem wir unseren Leib mit allen seinen Kräften in der von Gott bestimmten Ordnung im geheiligten Bereich ehelicher Gemeinsamkeit, in der Erfüllung seines Auftrages gebrauchen, liegt vielleicht eine Wiedergutmachung der sittlichen Verfehlungen unserer Zeit, wie wir sie besser und schöner dem Herrgott garnicht darbringen können. So steht nun auch das Bild der Maria mater in einer wunderbaren Klarheit vor meiner Seele und ich will versuchen mein Leben danach zu formen, weil der Herr mir durch das Fiat, das ich zu seinem Willen gesprochen habe, mir meinen

Weg so eindeutig in dieser Richtung gewiesen hat.

Dadurch, daß Christus, der Sohn des allmächtigen Vaters, sich im Schoße der reinsten Mutter mit unserer Menschheit umkleidete, hat er unsere Natur in der erhabensten Weise geadelt und geheiligt. Ja, es ist alles so unendlich gut, wie der Schöpfer es eingerichtet hat und wenn wir in Ehrfurcht darüber nachsinnen, überkommt uns ein Ahnen von Seiner Größe und Erhabenheit.

Mein lieber August, Du schriebst mir von der Fahrt nach Bremen: An uns Menschen liegt es allein, ob Maria Königin sein und bleiben wird. Möge sie auch in unserer Zeit Königin sein über ein neues, reines, junges Geschlecht! Wir wollen das Unsere zu ihrem Königtum beitragen und unser Sein und unser Leben, das wir in Gemeinsamkeit zu führen ersehnen, ganz unter den Schutz der Jungfrau-Mutter stellen. Sie, die keine Bitte um ein Anliegen der Seele unerhört läßt, wird uns ihren mütterlichen Segen zu unserem gemeinsamen Tun nicht versagen. Ich denke noch oft an die feine Stunde im Altenberger Dom, als wir dort gemeinsam vor ihrem Bilde gekniet haben. Wie Viele haben sich in früheren Jahren in den Tagen des Maien um ihr Bild dort geschart. Sie stehen nun irgendwo an den Fronten im grauen Rock, doch ihre Gedanken werden sicher über alle Räume der Trennung hinweg wieder den Weg zum Dom im Walde, zur Frau vom Berge finden. Es ist einsam geworden um den Dom und das Bild der Gottesmutter; als wir da waren, fanden sich außer uns keine Beter mehr hin, doch die Glut ihrer Liebe ergießt sich dennoch vor dorther auf alle, die

sich vertrauensvoll an sie wenden. Ich möchte so gerne in diesen Tagen nochmal nach Altenberg um dort vor ihrem Bild, das uns in eine besonders nahe Beziehung zu ihr bringt, für all die Anliegen zu beten, die mir so am Herzen liegen: Für Dich und unsere Gemeinsamkeit, die Brüder draußen und unsere Familien daheim; für alles Gute, Schöne und Reine, das in Gefahr ist, für unser Vaterland und um den Frieden der Herzen und den Frieden der Welt!

Mein lieber August, es ist doch herrlich, daß unsere Gemeinsamkeit alles umschließen kann, daß die großen Gedanken des Glaubens ebenso ihren Raum darin finden, wie die kleinen Dinge des Lebens. Ich bin so froh darum, denn so kann ich Dir vorbehaltlos alles sagen, was mich bewegt und beschäftigt. Ja, Du sollst immer wissen wie es in mir aussieht und etwas spüren von dem stillen Glück, das mich ganz erfüllt.

Es ist Samstagabend. In diesem Briefe an Dich klingt nun die Woche aus und im Beten und Singen der Komplet soll all unser Tun emporgehoben werden zur Verherrlichung des Vaters.

Von Herzen grüße ich Dich, der Du mir der Liebste bist,

Deine Marga.