Marga Ortmann an August Broil, 24. Mai 1943
35. Am Montag, den 24. Mai 43
Mein lieber August!
War das ein herrlicher Maien-Sonntag gestern! Mein Brief an Dich am Samstagabend war wie eine Vorbereitung zu diesem Tag, der dann mit der Komplet begann. Ein Soldat aus Rußland hatte zum Maimonat ein Wort an die Gemeinschaft gerichtet, aus dem eine tiefe, vertrauende Liebe zur Mutter Gottes und eine starke, aus dem früher Erlebten in das Heute eingreifende Verbundenheit zu ihrem Bild in Altenberg sprach. Mit ernster Sorge um die Reinheit der jungen Menschen, stellte er uns Maria als die Hilfe und Rettung aus der sittlichen Not unserer Tage dar. Sie war dadurch der Mittelpunkt unseres Betens und Singens, das in dem kraftvollen: „Nun Brüder sind wir frohgemut“ seinen Ausklang fand. Darauf faßten wir den Plan, Sonntag eine Fahrt nach Altenberg zu machen, gemeinsam mit Hede, Martchen + Resi, die mittags schon nach Köln kamen. Am Sonntag fanden wir uns früh um 6 h im Dom zusammen: von Dom zu Dom sollte unsere Fahrt gehen; eine rechte Wallfahrt unter dem gemeinsamen Gedanken für die, die draußen stehen. Schweigend nahmen wir von Dünnwald aus den Weg durch den stillen Morgen. Kein Lauf war vernehmbar, als das Tropfen des Regens auf Blätter, die im Winde leise rauschten. Ich kann Dir garnicht sagen, was mir diese Stunden betenden Schweigens bedeutet haben! Alle Freude, die das Herz kaum zu fassen vermag, alle Sorge um den liebsten Menschen, um die Vielen der Gemeinschaft; die Last und Not unserer Zeit,
sowohl die persönliche wie die des Mittragens der anderen: das alles hat jede von uns in schweigendem Gebet in die Hand der Mutter gelegt, auf daß sie es mit ihrer mächtigen Fürsprache emportrage vor das Angesicht Gottes. Jeder von uns war das Schweigen ein innerstes Bedürfen, ohne daß wir darüber gesprochen hatten, war es wie ein stilles Einvernehmen. So warst Du mir so nahe auf diesem Gang durch die morgenfrische Natur und von allen Anliegen war mir das Gebet für Dich und unsere Gemeinsamkeit das brennendste und größte. – In Odenthal säumte die rote Pracht des blühenden Rotdorns die Landstraße, wie ein Spalier für die, deren Ziel in den Tagen des Mai die Madonna ist. Und es war mir, als müßten viele Straßen auf diese Straße münden, auf der sich die Gedanken der Brüder draußen zusammenfinden, die einst in froher Bereitschaft diesen Weg gekommen und heute in alle Lande zerstreut auf einsamem Posten stehen. Im gemeinsamen Gebet für sie alle und einem besonderen Gedenken für den Liebsten legte unsere kleine Schar die letzte Strecke des Weges zurück. Dann standen wir im Dom vor ihrem Bild, dem Ziel unserer Fahrt, und faßten in stillem Gebet noch einmal alles zusammen, was unsere Gedanken auf dem Wege beschäftigt hatte. „..Du Mutter und du Königin, der alles hingegeben, das Ende und der Anbeginn, die Liebe und das Leben“, siehe, wir stehen am Anfang unseres Weges; segne ihn! Gib, daß unsere Liebe zueinander immer tiefer, reiner und inniger werde, auf daß sie uns die Kraft sei zur opferbereiten Hingabe in einem gemeinsamen Leben. Geleite uns auf unserem Weg, damit wir in allen Stürmen und Gefahren unser Ziel nie aus den Augen
verlieren und es mit deiner Hilfe dereinst erreichen mögen! – Die Feier des hl. Opfer, die mir im Altenberger Dom immer ein besonderes Erleben ist, bildete dann den Höhepunkt des Tages; denn alle Wege – auch der über Maria – führen letztlich zu Ihm. Als wir wieder ins Freie kamen, glänzte die Sonne mit aller Kraft. Bei Schnitzlers konnten wir uns stärken und unsere Kleider trocknen. Dann machten wir uns singend und lachend auf den Heimweg nach Berg. Gladbach. Den ganzen Arm voller Magretenblumen haben wir mit heimgebracht, sie erinnern mich nun die ganze Woche über noch an den schönen Tag.
Mein lieber August, ich glaube es ist ein besonderes Geschenk, daß wir uns so zu freuen vermögen. Aus der Kraft des Glaubens und der Liebe erwächst uns diese echte, wahre Freude, gegen die alle sogen. Freuden der Welt schal und leer sind. Freilich müssen wir durch die Trennung jetzt auf manches verzichten und die Freude des Beisammenseins, wie es uns an den Sonntagen in Aachen geschenkt wurde, werden wir oft entbehren. Doch das tiefe Glück, das in dem Bewußtsein des Einanderangehörens liegt, bleibt und kann auch durch die Trennung nicht beeinträchtigt werden. An allem Erleben, dem schweren und dem frohmachenden, wollen wir einander teilnehmen lassen in unseren Briefen; denn alles Schwere läßt sich gemeinsam besser überwinden und die Freude des Einzelnen wird zur doppelten Freude. Beim Schreiben kamen mir Bedenken, ob Du das Entbehren dadurch nicht noch schmerzlicher empfindest, wenn ich Dir von solch schönem Tag erzähle. Aber es geschieht ja darum, um Dich an meinem Erleben teilhaben zu lassen und ich glaube sicher, daß es auch Dich
frohmachen wird, wenn Du mich in solcher Freude weißt. Wie schön wird es erst dann sein, wenn uns der Herr nach dieser Zeit der Trennung für immer so fest und eng miteinander verbinden wird, daß Dein Erleben das meine und meine Freude unmittelbar auch die Deine sein wird.
Mit Zuversicht und starkem Vertrauen auf die Vatergüte Gottes, die alles zu unserem Besten fügt, wollen wir dieser Zeit entgegengehen und alles was an uns liegt jetzt schon dazu beitragen, daß der gemeinsame Lebensweg für uns beide die Erfüllung und Vollendung unseres Menschenlebens sein möge.
Mein lieber August, aus der ganzen Freude meines Herzens sage ich Dir einen innigen Gruß
Deine Marga.
Ist mein Päckchen angekommen?