Marga Ortmann an August Broil, 27. Mai 1943

36. Köln, den 27. Mai 1943.

Mein lieber August!

Die Worte und Gedanken Deines Sonntagsbriefes sind mit mir durch die Tage der Woche gegangen und das, was ich Dir darauf erwidern wollte, droht mir nun, da ich versuche es in Worte zu fassen, verloren zu gehen.

Alles Geschehen und Erleben des Menschen zeichnet seine Runen und Male in die Seele; bei dem Einen tief eingrabend, bei dem anderen kaum die Oberfläche berührend. Wie der Griffel, vom gleichen Druck der Hand geführt, in der Wachsplatte eine andere Wirkung ausübt als auf einer Schiefer- oder Metalltafel, so hinterläßt auch das Geschehen des Lebens, sowohl das persönliche wie das der Zeit, in jedem Menschen andere Spuren. In manches Menschenherz mag unsere Zeit wie mit harten Instrumenten so tiefe Furchen gegraben haben, daß es nicht mehr wie eine gleichmäßige Ebene, sondern wie ein zerklüftetes Bergland aussieht. Unter der Gewalt solch tiefer Eingriffe mag es sich verhärten und eine Zeit lang für einen sanften, zarten Inbegriff unempfindlich und unempfänglich scheinen. Die unscheinbaren Male stillen, hohen und doch so großen Geschehens finden in dem aufgewühlten Boden keinen Raum mehr.

Mein lieber August, Du hast Dir trotz scheinbarer äußerer Gelassenheit die Empfindsamkeit der Seele bewahrt und daher wird Dich wohl auch das umwälzende äußere Geschehen stärker in

seinen Bann ziehen als andere; manchmal vielleicht so stark, daß es das innere Erleben zu erdrücken scheint. Ich weiß, daß es Dir hart ist, wenn Du spüren mußt, daß Du für das, was ich Dir in meinen Briefen sagen will, nicht so aufnahmefähig bist wie Du gerne möchtest. Die äußere Ruhelosigkeit, die Entbehrung des Alleinseins und der Stille im Lärm des Soldatenlebens mag die inneren Schwierigkeiten noch erhöhen. Ich empfinde das alles so ganz tief mit Dir; doch es darf Dich nicht so arg bedrücken, wenn Du einmal nicht alles so nachdenken und erleben kannst, wovon Dir meine Briefe erzählen. Das Wesentlich ist ja, daß Du spürst was hinter dem Gesagten steht und das erahnst, was sich Dir darin zuwenden will. Sieh, und wenn Dir das volle Wiederklingen darauf jetzt noch nicht möglich ist, es wird Dir gelingen, wir müssen warten können; aus Deinem Brief ward mir die frohe Gewißheit, daß Du auf dem Wege dazu bist. Ich habe es gerade daran erkannt, daß es Dich drängt mir von dem Schweren zu sagen, das Dich bedrückt und sich nun langsam zu lösen beginnt. Du glaubst vielleicht mir damit Schweres und Hartes zu sagen, aber es leuchtet mir daraus das Bild Deiner Wirklichkeit immer deutlicher entgegen. Und das möchte ich doch immer klarer erkennen, um es ganz in mich aufnehmen zu können! Glaubst Du nicht, daß mir das Bild Deiner Wirklichkeit kostbarer ist als alles Scheinbare, auch dann, wenn es anders ist als ich es erst zu sehen glaubte? Du ahnst etwas von der Tiefe des Erlebens, das in mir ist. Es ist mir oft, als könne ich die Fülle nicht fassen und so

gerne möchte ich denen von meinem Glück mitgeben, deren Gesichter vom Schmerz gezeichnet sind. Ich bin nur immer in Sorge darum, daß Du mich besser siehst, als ich wirklich bin, daß Du das, was mir der Herr in seiner unbegreiflichen Liebe geschenkt hat, irgendwie als etwas betrachtest, an dem ich mitgetan hätte. Nein, es ist Gnade! Und hilf mir doch nur dafür dankbar sein und sie recht zu nutzen. „Gnade wird den Schwachen zuteil, daß sie tragen lernen und stark dadurch werden“ (Reinhold Schneider). Sieh, mein lieber August, Du darfst in der Verschiedenheit unserer Entwicklung nicht etwas uns Trennendes sehen. Der Wille Gottes und eine echte, tiefe Liebe verbinden uns miteinander und darin ist doch schon alles Trennende überwunden. Mir scheint, Du unterschätzt das Gute, das der Herr in Dich hineingelegt hat und richtet den Blick zu sehr zurück, wo vielleicht manches dunkler in Dir war als heute. Gewiß, wir wollen uns dem Gewesenen nicht verschließen, aus ihm ist uns ja das Heute geworden. Aber unser Blick ist auf dieses Heute gerichtet und ein besseres Morgen zu bereiten, das ist unser Streben. Noch ein Wort von R. Schneider fand ich; weil ich dabei an Dich denken mußte habe ich es mir eingeprägt: Das Antlitz des Menschen spiegelt noch eine Weile sein vergangenes Leben und Wesen während sich sein Inneres tief verändert hat und nur langsam, aber unausweichlich das Licht der Wandlung heraufwirft auf seine Züge. – Ich sehe dieses Licht, das der Wandlung und das des Anfanges, klarer vielleicht als Du es selbst siehst. Und ich glaube an die Kraft dieses Lichtes und bete darum, daß es sich immer mehr

in Dir entfalten möge, auf daß der Zug des leisen Schmerzes sich allmählich aufhellen möge in Deinem Gesicht. Aber er gehört eigentlich zu Deinem Wesen mit dazu und darum gilt Dir so, wie Du jetzt wirklich bist meine ganze Liebe. Es ist mir, als ständest Du vor mir jetzt, in der Stille der Nacht, und ich möchte Dein Gesicht in meine Hände nehmen und lange schweigend in Dich hineinschauen, um jeden Zug tiefer in mich einzuprägen; das Dunkle und das Helle, das Hohe und das Tiefe, die Freude und den Schmerz. Und es ist eine große Ruhe in mir, all die Gedanken, die ich Dir heute noch sagen wollte, gehen darin unter, als wagten sie nicht das Schweigen zu stören.

Wie schön mag das Bild sein, daß der Schöpfer von uns geschaut hat, noch ehe wir wurden. Alle Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Erfüllung dieses Bildes hat er in uns hineingelegt und doch bleibt unsere Wirklichkeit so weit dahinter zurück. Aber das Sehnen nach seiner Erfüllung soll immer wach in uns bleiben und in gemeinsamem Streben wollen wir versuchen ihr näher zu kommen. Vertraue auf das Gute in Dir und auf den, der es in Dich hineingesenkt hat! Er wird einst alles Dunkel in uns auslöschen und uns heimholen in sein Licht.

Ich grüße Dich von ganzem Herzen

Deine Marga.