Marga Ortmann an August Broil, 29. Mai 1943
37. Samstag, den 29. Mai 43.
Mein lieber August!
Deinen Brief vom Sonntag habe ich wieder und wieder gelesen und es hat mich froh gemacht, daß Du darin so ganz offen zu mir sprichst. Es kommt ja nicht darauf an, daß wir in unseren Briefen möglichst schöne, gute und hohe Worte füreinander finden, sondern daß wir uns das sagen, was wirklich in uns ist, was uns bewegt und erfüllt, was uns bedrückt und belastet. Dadurch tut sich einer dem anderen immer mehr auf, so wie es nötig ist. Das Offenbaren der eigenen Seele bis in ihre Höhen und Tiefen ist wohl ein großes Wagnis und es läßt sich nur darum aufnehmen weil der Glaube daran, daß der andere es versteht und liebend aufnimmt, so groß und unerschütterlich ist. Es drängt mich Dir alles zu sagen, ganz und rückhaltlos, auf daß Du mich ganz erkennen kannst, so wie ich wirklich bin. Du siehst es wohl als eine Notwendigkeit an, mir Dein Innerstes zu offenbaren, aber ich weiß wie schwer es Dir fällt und daß Du jetzt erst ein Bedürfnis dazu verspürst. Weil es Dir bis jetzt noch so viel Mühe kostete, ist es auch nur selten geschehen und es mag vielleicht noch lange dauern bis ich Dich ganz, die letzte Wirklichkeit Deines
Seins erkenne. Als ich einmal in Deinem Büro war und Frau Wisdorf mir erzählte wie lange sie schon mit Dir zusammen sei, da kam mir erschreckend zum Bewußtsein, daß diese fremden Menschen Dich vielleicht besser kennen würden als ich. Wenn mir auch in der Zeit unseres Zusammenseins im Kreis manche Züge Deines Wesens aufgeleuchtet sind – es war doch zu wenig, um meine Hinwendung zu Dir bestimmen zu können. Diese geschah nur aus der unbedingten Sicherheit heraus, daß Du mir vom Herrn gegeben bist und aus der Bereitschaft zur Erfüllung Seines Willens ist sie allmählich gewachsen. Sieh‘ und daher habe ich nie versucht, mir irgend ein schönes Bild von Dir zu machen, sondern ich will nach Deiner Wirklichkeit suchen und ihr meine ganze Liebe schenken. Diese Wirklichkeit läßt sich aber nicht in eine Form zwängen, von der man sagen kann, daß man sie erkannt hat. Sie ist doch etwas Lebendiges und somit, wie alles was Leben hat, sich fortwährend ändernd und neu werdend. Diesem Ändern und Neuwerden darf durch unsere Gemeinsamkeit keine Grenze gesetzt werden, sie muß so weit sein, daß sie es mitumschließt, und jeder von uns durch sie erst sein eigentliches Selbst lebt und das beste zur Entfaltung bringt. In einem gemeinsamen Leben mit seinem Glück
und seinen Sorgen, Feiertag und Alltag, ja auch mit seiner Alltäglichkeit, wird uns vielleicht erst ein volles Erkennen geschenkt werden, das in dem ganz Einanderangehören seine Erfüllung findet.
Mein lieber August. Du machst Dir Sorge, weil wir all das, was unsere Gemeinsamkeit mit sich bringt, so unterschiedlich erleben. Du glaubst, daß Deinem Erleben noch etwas mangelt, weil es in mir größer, stärker und klingender ist. Was das Maß des Erlebens angeht mag es schon so sein; aber glaubst Du nicht auch, daß es schon im Wesen der Frau begründet ist, daß das persönliche Erleben tiefer in sie eingeht, daß sie alle Kraft diesem Erleben zuwendet, während der Mann noch von äußeren Geschehen notwendig beeindruckt ist. Sie trägt mit der größeren Sorge um das Persönliche (das Leben von Seele und Leib, in seiner Eigenart) auch die größere Verantwortung dafür. Wenn der Mann aufhört Persönlichkeit zu sein, verliert er viel; er hat aber die Möglichkeit durch sein Tun sich wieder Werte zu schaffen. Wird die Frau ihrer Eigenart untreu, so verliert sie alles; denn ihr Wert liegt ja in ihrem Sein und wenn das verloren ist, läßt es sich durch äußeres Tun nicht ersetzen. Doch sie trägt nicht nur für sich die Verantwortung, sondern auch für die Persönlichkeit des Mannes, indem was sie ihm zu geben vermag und was
sie von ihm fordert. Der Beruf und das Geschehen der Zeit mag den Gesichtskreis des Mannes weiten; die Frau muß ihn davor bewahren, daß er sich daran verliert, bei ihr muß er immer wirklich ganz zu Hause sein können, im kleinen, ureigenen persönlichen Bereich; denn nur aus ihm kann er ja Kraft schöpfen für das andere. – Sei Du, sei ganz Du selbst, laß alle Fähigkeiten und Anlagen, die in Dir ruhen zur bestmöglichen Entfaltung kommen, und ich bin vertrauend bereit Dich hinzunehmen, immer wieder neu mit ganzer Liebe, - das ist die Forderung der Frau an den Mann und die gleiche mag auch der Mann stellen; denn indem er die Eigenart der Frau schützt – und er mag sie oftmals vor sich selber schützen müssen – wahrt er zugleich auch seine eigene. Mein lieber August! So manche Züge meines Wesens und des fraulichen Menschen im allgemeinen sind mir erst bewußt geworden, seit ich mit Dir auf dem Wege bin. Ob es wohl immer der Begegnung bedarf, um all das zu erschließen, um es wach, lebendig und wirksam zu machen? Als Gefährtin des Mannes hat Gott die erste Frau ins Dasein gerufen und mich – so glaube ich fest – als die Deine bestimmt. Ich kann Dir nicht sagen, wie froh mich diese Berufung macht, wie ich mich meines Frauseins freue. All mein Streben soll dahin gehen, daß ich diese Sendung einmal ganz erfüllen
kann, an Deiner Seite zur Ehre Gottes und zum Heil unseres Volkes, zu dem jeder an seiner Stelle ein Teil beitragen kann. Die Frage nach dem Wert und dem Wesen der Frau wird immer brennender in unseren Tagen. Weil so viele versagen und schon versagt haben? Kpl. Angenendt bat mich darum, ihm einmal Grundsätzliches dazu zu sagen und Klaus erwartet ja das Gleiche. Aber ich kann mich noch nicht daranwagen, aus Furcht Eigenstes und Tiefstes, das bisher verborgen war, preisgeben zu müssen. Wenn ich wüßte daß dadurch geholfen würde, daß es wirklich not-wendend sein könnte, vielleicht ließe sich das Opfer dann tragen. Aber ob da Worte überhaupt etwas vermögen? Und wenn es wirklich gesagt wäre, wer würde es so aufnehmen und verstehen wie es gemeint ist. Ist für diese feinen, tiefsten Dinge nicht ein Schlüssel nötig zum Herzen dessen, der sie ausgesprochen hat? Du allein hast den Schlüssel zu meinem Herzen und darum kann es sich Dir auch so weit auftun, ganz mühelos, aus einer inneren Notwendigkeit heraus.
Und ich glaube sicher, daß Du bald das Gleiche spüren wirst und so ein volles Klingen und Wiederklingen möglich ist.
Du hast es gleich erkannt, welche Schwierigkeiten mir
die Beantwortung des Briefes von Klaus machte. Ich kann noch keinen Entschluß dazu fassen.
Es ist nun Samstagabend. Den ganzen Tag habe ich im Büro gearbeitet und auch der Sonntagmorgen muß noch dran glauben. Gleich aber ist wieder unsere Komplet, Du weißt, daß ich dann immer ganz besonders an Dich denke.
Möge morgen der Tag des Herrn wieder ein recht guter Tag für Dich sein. Dann wird dieser Brief bei Dir sein, und wenn er auch nur ein Teil von dem enthält, was ich Dir heute sagen wollte, er trägt all meine Gedanken hin zu Dir. Nimm sie an als Sonntagsgabe
Deine Marga.
Noch eine freudige Nachricht: Lore hat gestern einen kräftigen Jungen geboren, Michael soll er heißen. Mutter + Kind sind gut dabei.