Marga Ortmann an August Broil, 31. Mai 1943

38. Montag, den 31. Mai 43

Mein lieber August!

Der gestrige Sonntag war ein ganz eigener Tag. Schon früh um ½ 7 bin ich in die kleine Klosterkapelle zum hl. Opfer gegangen. Kein Mensch begegnete mir auf dem Wege dahin, nach den langen Alarmstunden der Nacht ruhte wohl noch alles und nichts störte die lautlose Stille. Diese äußere Stille trug wohl mit dazu bei, daß es auch in meinem Innern ganz still wurde. Bei der Feier des Opfers war all die drängende Bewegung, die so oft in mir ist, einer tiefen Ruhe gewichen. Die Fülle der Gedanken, die ich nur selten auszuschalten vermag, war ganz von selbst zurückgetreten und gab den ganzen Raum meines Inneren für das erhabene Geschehen auf dem Altar frei. So wurde es mir zu einem besonderen Erleben, das mit mir durch den ganzen Tag ging. Den ganzen Vormittag habe ich dann im Büro an meiner Bilanz gearbeitet. Die Arbeit war die gleiche wie an jedem Werktag auch, und doch spürte ich die besondere Weihe des Sonntags. Der Nachmittag brachte recht frohe Stunden im Kreise der Familie und der Besuch einer bekannten Familie mit ihren fünf schwarzen Mädchen, die im gleichen Alter sind wie wir, ließ eine recht anregende Unterhaltung aufkommen.

Am 1.6.
Gestern bekam ich Deinen Brief mit so vielen Gedanken. Du hast mir eine große Freude damit gemacht.

Nun bist Du also wieder auf dem Büro gelandet; ich bin froh darum, denn es wird Dir doch sicher gegenüber dem anderen Dienst manche Erleichterung bringen. Ist die eigentliche Ausbildung für Dich damit abgeschlossen und besteht die Aussicht, daß Du noch länger in Bremen bleibst? Dann könnten wir ja noch auf einen baldigen Urlaub hoffen, wäre das schön!

Die Gedanken, die Du Dir machst um die Verbindung des äußeren Tuns mit dem inneren Menschen, haben mich gerade in den letzten Tagen stark beschäftigt. Es ist heute ein Jahr her, daß ich meine Arbeit beim Bauring begonnen habe. Wenn ich auf dieses Jahr zurückschaue kann ich mir den Vorwurf nicht ersparen, daß ich meine Pflicht nicht immer so getan habe wie es nötig war. Du sagst, daß die Dinge des Alltags oft das Innere beeinflussen. Das ist auch bei mir zuweilen so, aber meist nehme ich die äußeren Dinge, besonders die Arbeit im Beruf garnicht ernst genug, ich betrachte das alles viel zu sehr als Nebensächlichkeit, die nur am Rande bleibt und kaum eine Beziehung findet zu meinem Innern. Ich weiß, daß das nicht richtig ist, daß beides einander angepaßt sein muß in der rechten Ordnung: daß das Äußere aus der inneren Haltung geformt werden muß und das Innere sich darin

bewähren und festigen soll. Das Persönliche soll ja nicht für sich dastehen, sondern auch in die Dinge des Alltags, des Berufes übergehen. Für den Mann muß das viel leichter sein als für die Frau. Er wird, vom Verstand geleitet, das rechte Maß finden, während sich die Frau, die ihr Gemüt einsetzt, entweder an das eine oder andere leicht verliert. Wir haben früher schon darüber gesprochen zu welch traurigen Erscheinungen es kommen kann, wenn die Hingabefähigkeit der Frau durch Berufe, die ihrem Wesen fremd sind, schiefgeleitet wird. Die rechte Harmonie des Inneren zum Äußeren findet sich für die Frau wohl nur in „ihrem Beruf“, als Frau u. Mutter oder in der liebenden, helfenden Sorge um Viele, die in manchen socialen Berufen ihre Betätigung findet. So nehme ich es jetzt als naturgegebene Notwendigkeit hin, daß ich im Beruf nie so ganz bei der Sache sein kann und will nur versuchen alles so gut wie eben möglich zu tun.

Mein lieber August, wie fein hast Du das miterlebt, wovon ich Dir in meinem Brief über die Fahrt nach Altenberg geschrieben habe. Ja, ich will Dir immer alles erzählen so wie ich es erlebt habe, denn ich weiß – und Dein Brief war mir eine neue Bestätigung dafür, daß dadurch alles Erleben letztlich ein gemeinsames wird. Auf wieviel schöne Stunden gemeinsamen Erlebens können wir jetzt schon zurückschauen; besonders

in der Stille des Abends denke ich so oft daran. Dann wird das Verlangen und Hoffen, daß uns der Herr uns in einem gemeinsamen Leben noch viele solch glückvollen Stunden schenken möge, in mir so stark. Er wird uns das Maß reichen, das für uns das rechte ist, das wir brauchen, um daraus Kraft zu schöpfen. Und wenn sich dieses Maß auf die gewesenen Stunden beschränken sollte, wenn es damit schon voll war, dann wird uns die Erinnerung noch Kraftquelle genug sein. Mit der Möglichkeit, daß wir vielleicht darauf verzichten müssen, habe ich bisher kaum gerechnet und das natürliche Empfinden möchte es garnicht wahrhaben. Darum ist es gut, daß Du es mir zum Bewußtsein gebracht hast; denn neben der Freude, die uns gegeben ist, wollen wir auch den ernsten Gedanken in uns Raum geben.

Wenn Du mir so etwas geschrieben hast – ich spüre es immer wieder – dann möchtest Du es gleich hinterher am liebsten ungeschehen machen, weil Du fürchtest, es könne mich belasten. Mit den nachfolgenden Sätzen möchtest Du es gleichsam wieder zudecken. Und doch weiß ich, daß diese Dinge in Deinem Innern Oberhand haben, wenn Du sie auch oft niederzudrücken versuchst. Ein Satz in Deinen Briefen vermag mir manchmal mehr von Deinem wirklichen Innern zu sagen, als viele andere zusammen,

und es ist mir immer eine besondere Freude, wenn ich so eine Stelle entdeckt habe. Mag es auch Schweres sein, was Du damit sagst, und wenn Du selbst glaubst, es müsse mich bedrücken – es läßt mich oft ein tieferes, stilleres Glück verspüren als das Frohmachende, weil es mich tiefer in Dein eigentliches Wesen hineinschauen läßt. Es ist mir ein Zeichen dafür, daß Du wirklich auf dem Wege bist, Dein Sein, den ganzen Menschen mir aufzutun. Das Wissen, daß Du Dich darum bemühst, daß es Dich ebenso dazu drängt wie mich, das ist mir doch die schönste Freude.

So bitte ich Dich, mein lieber August, schreibe mir alles so, wie es in Dir selbst ist, auch das Schwere und Drückende, das in Dir hochkommt. Wir wollen sowohl der Freude wie dem ernsten Gedanken den rechten Platz einräumen in unserer Seele, und beides soll sich auch in unserer Gemeinsamkeit die Waage halten, damit sie für uns beide die Erfüllung dessen werde, was von jeher die Sehnsucht der Menschen war: glücklich zu sein. Ich bete darum, daß meine Liebe zu Dir die Kraft habe, Dich dem wahren Glück näher zu bringen, das wir in seiner Vollkommenheit erst in der Anschauung Gottes genießen werden.

Deine Marga.