Marga Ortmann an August Broil, 3. Juni 1943

40. Köln, den 3. Juni 1943.

Mein lieber August!

Gestern habe ich Lore besucht und während ich mit ihr sprach wurde mir bewußt, daß sie, die bis jetzt noch eine unter uns war, nun durch ihr Muttersein geheimnisvoll herausgehoben ist aus dem Kreis der Frauen und Mädchen. Da sie Werkstatt sein durfte, in der der Herr neues Leben schuf, ist sie selbst den tiefsten Tiefen des Leben begegnet, körperlich und geistig, und mir scheint als hätte dieses Geschehen einen neuen, wissenden Zug in ihr Gesicht geprägt. Wieviel stilles Glück lag darin, als sie ihr Kindlein in den Armen hielt. Es ist doch etwas Wunderbares, solch ein kleines Menschenkind, ganz auf die sorgende Liebe der Mutter angewiesen in seiner Hilflosigkeit und doch ruhen schon alle Anlagen zur vollen Erfüllung und Entfaltung des Menschenlebens keimhaft in ihm. Mathias hat schon einige Minuten nach der Geburt gewußt, daß er Vater ist, - er rief telefonisch an – wie groß wird aber erst die Freude sein, wenn Lore ihm sein Kind zum ersten Mal in die Arme legen kann! Heute morgen kam die Nachricht, daß Cordulas Schwester Elisabeth einen Jungen geboren hat.

Es ist Krieg, alle Ordnungen scheinen gestört und umgeworfen

und dennoch nimmt das Leben unaufhörlich seinen Lauf in den von ihm von Gott gesetzten Ordnungen. Der Mann steht draußen herausgerissen aus dem natürlich Bereich pulsierenden Lebens in Ehe und Familie, dessen ungeheurer Wert, wenn es in Reinheit und gottgewollter Ordnung geführt wird, ihm vielleicht draußen erst so recht bewußt wird. Wie viele aus unseren Reihen haben in den kurzen Tagen des Urlaubs den Bund fürs Leben geschlossen und den ersten Grundstein zum Bau der Familie gelegt. Trotz aller äußeren und inneren Schwierigkeiten, die der Krieg auftürmt, finden sich viele junge Menschen, die im vollen Bewußtsein der Tragweite eines solchen Schrittes das Wagnis mit frohem, bereiten Herzen auf sich nehmen. Die Trennung fordert den Verzicht auf so manches gemeinsame Erleben; wie oft hat ein Soldat seine junge Frau im Brautkleid zurückgelassen, in Erwartung eines neuen Lebens, und wenn ihnen das erste Wiedersehen geschenkt wird, hört er aus dem Mund seines Kindes schon das Wort: Vater. All das, was dazwischen lag, die Freuden und Sorgen der Erwartung, der Geburt, das allmähliche Entfalten von Geist, Seele und Leib des Kindes, mußte er entbehren. Und doch ist vielleicht gerade dann die Bindung der Gatten aneinander so stark, daß sie die Brücke schlägt über den Raum der Trennung hinweg und das geistige

Erleben so stark ist, daß es das Entbehren des gemeinsamen Erlebens auszugleichen vermag.

Bei Lore habe ich die Freude der Erwartung und nun auch ihre Erfüllung so recht miterlebt, und gerade in diesen Tagen, wo das Grauen um Tod und Vernichtung, die alle bedroht, sich lähmend auf alles Leben legt, tut diese Freude so not. Vor einigen Jahren hätte mich das wohl noch nicht so beeindrucken können, ich hätte ihm vielleicht fremd gegenüber gestanden; denn das Geheimnis des Lebens ist doch das Geheimnis der Liebe und ich glaube erst in der Begegnung mit der Liebe kann das Ahnen um die ganze Fülle und Tiefe des Lebens wach werden. Ich habe mich oft gefragt, ja ich habe mich mit der Frage abgequält: Warum hat Gott das gerade so eingerichtet, konnte Er in seiner Allmacht keinen anderen Weg wählen? Nun bin ich auf dem Wege zu erkennen, daß das alles der Weisheit des Schöpfers entspricht, der seine Geschöpfe und ihre innersten Gefühle bis ins Tiefste kennt, und daß alles so unendlich gut ist. Es ist fein, daß wir durch unseren Kreis schon mal einen Blick tun können in junge Familien und an ihren Sorgen, ihrer Not und ihren Freuden Anteil nehmen. In der letzten Zeit habe ich mir dann manchmal vorzustellen versucht, wie es einmal sein wird, wenn der Herr Dich und mich zu solch einem Leben der Gemeinsamkeit

berufen wird. Wenn diese Gedanken aus dem Unbewußten aufstiegen, habe ich es kaum gewagt sie weiterzuführen und doch ist es nun selbstverständlich, daß sie mich beschäftigen, da unser beider Leben ja auf dieses gemeinsame Ziel ausgerichtet ist. Ach, könnte ich Dir doch sagen, welche Freude mir diese neue Ausrichtung meines Lebens in der Liebe zu Dir gebracht hat. Und ich weiß, daß Du sie mit der gleichen Kraft verspüren wirst, wenn Du Dich ihr einmal ganz aufgetan hast.

Mein lieber August, so vieles möchte ich Dir sagen und oft fällt es mir schwer aus der Fülle der Gedanken das zu sagen, was für unsere Gemeinsamkeit die größte Bedeutung hat. Wenn ich an andere Menschen schreibe – es ist jetzt sehr selten – dann steht meist der Brief vorher schon gedanklich fest. Bei Dir ist das ganz anders. Wenn ich begonnen habe ist es mir, als ständest Du vor mir und dann formt das Herz die Worte, die zu Deinem Herzen finden wollen. Der Verstand will oft etwas zurückdämmen, aber der Glaube, daß Du es recht aufnehmen wirst, läßt mich es dennoch sagen.

So grüße ich Dich, mein Liebster, von ganzem Herzen

Deine Marga.