Marga Ortmann an August Broil, 4. Juni 1943

41. Köln, den 4. Juni 1943.

Mein lieber August!

Georg rief eben vom Krankenhaus aus bei mir an bestellte mir Grüße an Dich. Da fiel mir ein, daß ich Dir bisher immer so viel von mir selbst erzählt habe in meinen Briefen und die Freunde, von denen Du gewiß gerne etwas hörst, darüber vergessen habe. So will ich heute damit beginnen. Du weißt, daß Georg schon über 4 Wochen im Krankenhaus liegt, es hat ihn arg mitgenommen. Heute durfte er zum ersten Mal aufstehen. Nach seiner Entlassung die vielleicht noch 14 Tage dauern wird, will er zunächst 4 Wochen zur Kur weg, und dann auf Veranlassung von Dr. Frotz noch einige Monate zur Erholung. Marlis ist jetzt ganz Herr der Lage, sie ist guten Mutes und wirkt auf Georg in der rechten Weise ein. Nach dem Dienst gehe ich ab und zu einmal zu ihr hin. Sie hat das jetzt nötig und ist so dankbar. Bei dem Angriff auf Barmen sind Georg’s Eltern total ausgebrannt und damit auch alles, was Georg an Bücher und Wäsche dorthin gebracht hatte. Was nützen also alle Sicherungen, die Menschenverstand ersinnen? Alle irdischen Sicherungen sind

aufgehoben in diesen Tagen und wie schwer müßte uns die große Unsicherheit bedrücken, hätten wir nicht die letzte große Sicherheit in Gott! Ich muß noch so oft an das Wort denken, das Erich Mendler an Ang. schrieb, als er alles am 31. Mai 42 verloren hatte: „Wir gehen alle in eine große Verlorenheit. Viel wird uns noch genommen werden. Alles können und dürfen wir verlieren, nur Ihn nicht!“ Es gehört schon viel dazu, solch ein Wort in guter Stunde zu sprechen; wieviel mehr dann, wenn tatsächlich alles genommen ist, was nun einmal mit zum Leben gehört und wovon das Menschenherz sich nur schwer losreißen kann.

Unsere anderen Freunde in Barmen sind bis auf Familie Hörter und Georgs Vetter Hans, die alles verloren haben, verschont geblieben.

Henny sieht mit stiller Freude ihrer Stunde entgegen. Sie ist eigentlich diejenige, die uns in unserer Gemeinschaft am meisten zu geben vermag und es auch tut, indem sie manch persönliches Erleben in den Kreis hineinträgt. Sie ist garnicht so verschlossen wie ich es anfangs vermutet habe und wenn sie über persönliche Dinge spricht geschieht es in einer solch feinen Weise, daß das Tiefste nie preisgegeben wird.