Marga Ortmann an August Broil, 5. Juni 1943

Samstag, den 5. Juni 1943.

Mein lieber August, nun kann ich den gestern begonnenen Brief an Dich nicht weiterschreiben, nachdem ich nun Deinen Brief erhielt mit der großen Freude. Ich kann es noch kaum fassen: Du wirst Pfingsten bei mir sein, wir dürfen uns Aug in Aug gegenüberstehen und das in unserem Zueinander bestätigt finden, was seit unserem letzten Zusammensein im Hin und Her unserer Gedanken und Gefühle gewachsen ist. Die Freude überfiel mich mit solcher Gewalt und hat das in mir ausgelöst, was selbst der Schmerz des Abschiednehmens nicht zustande gebracht hat: ich habe geweint. Ich sage Dir das ganz offen, ohne mich dieser Tränen zu schämen. Kannst Du das verstehen von mir, die ich früher jede Gefühlsäußerung unterdrückte und als Willensschwäche ansah? Ja, es ist so vieles anders geworden in mir und ich spüre, daß dieses Anderssein erst mein eigentliches Sein ist, das Du in mir wachgerufen hast. Dafür danke ich Dir, Lieber, von ganzem Herzen.

Du stellst mir und Dir die Frage, ob wohl die Zeit schon reif ist, auch äußerlich unsern Bund zu besiegeln, da uns nun am heiligen Pfingstfest so gute Gelegenheit dazu geschenkt ist. Die Frage hat mir gezeigt daß Du Dir bewußt

bist, daß wir nur dann die Möglichkeit nutzen dürfen, wenn es dem inneren Verhältnis entspricht. Wie gut ist bisher in unserer Gemeinsamkeit die äußere Entwicklung mit der inneren Hand in Hand gegangen, auch die Trennung und die unvergeßliche Aachener Zeit gehörten da hinein.

So glaube ich sicher, daß wir innerlich jetzt so zueinander stehen, daß wir auch nach außen hin des Schrittes bedürfen, der uns unserem gemeinsamen Ziel näher bringt. Meine Antwort, die ich Dir auf Deine Frage schenke, kommt aus voller, innerer Freiheit und es ist mir wahrhaftig nicht schwer gefallen, mich dazu zu entscheiden; es ist ein ganz frohes und bereites Ja! Dieses Ja sagt Dir mein ganzes Ich, Herz und Verstand, Seele und Leib.

Wie ich mich nun auf das Pfingstfest freue! Wir wollen uns gemeinsam darauf vorbereiten und ich will die Pfingstnovene, die wir jetzt halten, ganz dazu benutzen.

Ist es nicht von besonderer Bedeutung, daß wir unseren Bund besiegeln dürfen am Fest des Heiligen Geistes, der die große Liebe ist, die alles verbindet; das heilige Leben, das alles erfüllt; Gesetz und Geheimnis alles Lebendigen, aller Liebe, aller Schönheit, aller Sehnsucht Antrieb. Die Stimme unseres tiefsten Grundes, die uns ruft, treibt und führt weit über unsere Kraft hinaus? Der Geist Gottes, der –

so glaube ich fest – uns die Saat der Liebe zueinander ins Herz gesenkt hat, Er wird auch ihr Wachsen, Blühen und Reifen mit Seinem Segen und Seiner Gnade begleiten. Das wollen wir uns in vertrauendem Gebet erflehen.

Mein lieber August! Wie wir nun die gemeinsamen Stunden gestalten werden, das wollen wir uns beide in diesen Tagen überlegen und wenn Du kommst miteinander besprechen. Ich fände es am schönsten wenn das, was wir uns beide wünschen, entweder im Dom in Verbindung mit dem Opfer, oder in der Krypta in Verbindung mit der Komplet geschehen würde; denn es ist uns beiden doch eine Selbstverständlichkeit, daß jeder entscheidende Schritt unseres Weges – wie wir es auch zu Beginn unserer Gemeinsamkeit getan haben – uns zum Herrn hinführt und in Ihm besiegelt wird. Es ist gut, daß Du auf alle Fälle schon einen Tag vorher da bist, damit wir dann gemeinsam planen können. Es werden sich wohl noch einige praktische Schwierigkeiten ergeben, wie die Beschaffung der Ringe und der Anzeigen. Wenn Du es für richtiger hälst, daß ich jetzt schon etwas dafür unternehme und Du Dir schon etwas überlegt hast, dann schreibe mir darüber. Es wird wohl nötig sein, daß ich meinen Eltern von unserem Vorhaben sage; sie werden ja doch heute oder morgen damit gerechnet

haben und ich glaube sicher, daß sie damit einverstanden sind. Im Büro werde ich mich jetzt mit Hochdruck an die Arbeit gehen, damit ich ganz für Dich da sein kann, wenn Du kommst.

Mein lieber August, ich versuche jetzt schon mir auszumalen, wie schön die gemeinsamen Tage für uns werden. Wir wollen sie als Geschenk annehmen und recht zu nutzen wissen. Die Freude darauf läßt uns die Tage schneller vergehen, es ist ja noch nicht mal eine Woche mehr. So wird uns das Pfingstfest das erfüllen, was mein inniger Wunsch ist; nämlich auch nach außen hin das zu werden, was ich in Wahrheit bin: Deine Braut.

In der Freude darauf grüße ich Dich und bitte um eine recht gute Bereitung im Gebet

Deine Marga.