Marga Ortmann an August Broil, 16. Juni 1943

44. Köln, am Mittwoch nach Pfingsten

Mein lieber August!

Nun sind die Tage des für uns so bedeutungsvollen Pfingstfestes vorüber; Dich rief der Dienst wieder in die Ferne und für mich beginnt wieder der Alltag, diesmal mit besonders harten Forderungen. Und doch hat das hohe Pfingstfest noch kein Ende gefunden, es wird noch lange nachklingen in unseren Herzen und aus dem Erleben dieser Tage wird uns die Kraft werden, das was wir an ihnen begonnen, zu guter, heiliger Entfaltung zu bringen. Du, all unser Miteinandersein in diesen Tagen ist mir noch wie ein Traum, der erst allmählich im Erwachen ganz innerster Besitz wird. In Gedanken versuche ich all die gemeinsamen Stunden noch einmal nachzuerleben und ich kann Dir garnicht sagen wie mich das alles bewegt und erfüllt. Ich hatte mir so viel vorgenommen, was ich Dir sagen wollte und habe es doch nicht getan; das Glück des Beieinanderseins hat mich manchmal so überwältigt, daß ich es nicht gewagt habe Dir das in Worten zu sagen was mein Herz Dir im stillen Beisammensein immer wieder gesagt hat. Darf ich es jetzt in der Zeit der Trennung dem Briefe anvertrauen, da ich es Aug in Auge nicht fertig gebracht

habe? Ist es eine Flucht in den Brief? Nein, so wirst Du nicht darüber denken, denn Du wirst doch gespürt haben, daß hinter dem Schweigen sich keine Leere verbarg, sondern eine Fülle war, die sich nicht fassen ließ. Das Erleben des physischen, körperlichen Einandernahesein ist für mich etwas so unerhört Neues und ruft ungeahnte Tiefen in mir wach. Es kam mir ein Ahnen von der gottgewollten Harmonie zwischen Geist und Körper des Menschen, da ich spürte, daß die geistige Bindung zu Dir in dem körperlichen Einanderzugetansein Ausdruck und Gestaltung sucht. Vielleicht ist der liebende Mensch erst dann reif zur Ehe wenn die körperliche Bindung mit der geistigen Hand in Hand geht, und die letzte geistige Hingabe auch die ganze körperliche Hingabe fordert.

Wir sind noch auf dem Wege dazu, doch auch jetzt schon muß hinter allem was wir miteinander und füreinander tun, geistig und körperlich, der ganze Mensch stehen mit der Bereitschaft zur Hingabe des ganzen Seins. Nur so ist die Wahrheit das Gesetz der Gemeinsamkeit und wir wollen darum beten daß sie es uns immer bleibe jetzt und in der Erfüllung unserer Liebe in der Ehe. Du weißt wie mein ganzes Ich Dir zugetan ist und ich glaube sicher, daß auch Du alles rückhaltlos zum Einsatz bringst was in Dir ist. So lege ich voll Vertrauen mein ganzes Sein in Deine Hände und freue mich über alles, was ich von Dir

als Beweis Deines Zugetanseins empfangen darf. Unsere Liebe zueinander ist der beste Schutz, daß keiner sich in diesem Geben und Nehmen verliert, und wir in der Reinheit bräutlicher Bereitung dem endgültigen Einswerden in der Ehe entgegengehen. Wenn ich all unsere gemeinsamen Stunden noch einmal überdenke, ist ein tiefes Glück in mir. Nur eines schmälert mir die Freude daran: das Wissen darum, daß Du dieses Glück nicht im gleichen Maße teilen kannst, daß die Traurigkeit auch in diesen Tagen nie von Dir gewichen ist. Wie gerne möchte ich alles Schwere und Drückende von Dir nehmen und auf die eigenen Schultern laden, damit die Freude mehr Raum in Deinem Herzen hat. Erst beim gemeinsamen Singen schienst Du mir so recht froh zu sein, da hatten Deine Augen einen ganz anderen Glanz und so gefielst Du mir so gut. Ich weiß ja, daß all das gemeinsame Erleben für Dich nicht so stark sein kann wie für mich, da Du schon eine Weile auf der Höhe des Lebens stehst, zu der Du mich jetzt erst emporgehoben hast. Und dennoch hast Du Dir ein waches, zartes Herz erhalten, wenn auch die Hülle vielleicht hart geworden. Ich will darum beten, daß meine Liebe zu Dir Kraft genug besitzt sie zu sprengen, damit auch die letzten Tiefen sich mir öffnen können.

Sieh, August, es liegt vielleicht ein Körnchen Wahrheit in dem, was Du im Scherz zu mir gesagt hast: ich sollte

mal mit Dir schimpfen. Du wirst darüber lachen, aber es hat mir zu denken gegeben. Erwartest Du von mir, daß ich größere Forderungen an Dich stelle? Sieh‘ bisher habe ich eigentlich nur an mich selbst Forderungen gestellt, ich habe von den Menschen die mir näherstanden nie etwas für mich erwartet, ich war in den Beziehungen zu ihnen fast nur die Gebende. Bei Dir ist das freilich ganz anders, es ist ein lebendiges Hinüber und Herüber und es muß wohl auch so sein. Alles was ich Gutes von Dir empfangen darf nehme ich wie ein Geschenk hin, ohne zu fordern. Wenn Du aber eine solche brauchst – sie liegt schon in der Bereitschaft mit der ich zu Dir komme und ich glaube, daß Du ihr zu entsprechen weißt.

Mein lieber August, während der Arbeit des Tages fällt mein Blick immer wieder auf den Ring an meiner Hand, den Du mir zum Zeichen unseres Gelöbnisses an heiliger Stätte angesteckt hast, und ich muß immer wieder sinnend einhalten und es drängen sich mir die Worte auf, die ich Dir in den Stunden unseres Beisammenseins in Gedanken immer wieder zu Dir gesagt habe: Daß ich ganz Dir angehören will mit Seele und Leib, mit allen Regungen meines Herzens, daß ich alle Liebeskraft die in mir ist außer Gott nur Dir schenken will und wie ich mich auf ein gemeinsames Leben mit Dir freue!

Wie oft hat es sich mir auf die Lippen gedrängt, als wir so still beieinander waren und ich konnte es Dir doch nicht sagen. Nun bist Du wieder ferne und da uns kein anderer Ausdruck möglich ist für das was wir füreinander empfinden, drängt es mich Dir in diesem Brief davon zu sagen. Ja, August, ich glaub Du weißt garnicht wie lieb ich Dich habe und wenn ich es Dir zeigen möchte bin ich wie ein ungelenkes Kind, das ein paar linkische Bewegungen macht von denen man doch nicht weiß was es damit will. Und die Worte, mit denen ich es sagen möchte, sie haben oft so einen üblen Beigeschmack weil sie für so vieles mißbraucht werden, was sich heute den hohen Namen der Liebe aneignet ohne ihr Wesen zu kennen. So ist auch dieser Brief wie ein hilfloses Gestammel, aber ich weiß, daß Du ihn recht aufnimmst und zu lesen verstehst.

Du, als wir miteinander unter den Espen im Gras lagen habe ich Dich lange angeschaut und da spiegelte sich mein eigenes Bild in Deinen Augen wieder, aus denen die Wehmut ein wenig gewichen war, die sonst immer aus ihnen spricht. Weißt Du was ich da gedacht habe? Ob es mir wohl je vergönnt sein wird ein neues Menschenleben in meinen Armen zu tragen, aus dem uns unser beider Blick in gleicher Weise entgegenleuchten wird?

Wir wollen alles was an uns liegt dazu tun, damit unserem gemeinsamen Weg darin einmal die Erfüllung werde und alles was dieser Weg uns bringen mag in Selbstlosigkeit und Liebe aus der Hand des Vaters annehmen. Wir müssen nur recht viel Vertrauen und Liebe haben dann wird alles gut werden. Sag‘ mir doch einmal, freust Du Dich auch so darauf wie ich?

Es ist inzwischen 1 h geworden. Die Sirene heult. Du wirst nun schon einen Schlaf hinter Dir haben und nun da ich Dir noch schreibe in den Luftschutzkeller müssen. Da laß mich noch ein wenig mit Dir plaudern.

Wie schön waren doch die gemeinsamen Tage. Die Freude darüber läßt den Schmerz des Abschiedes leichter tragen. Du, die Freude ist doch eine Wirklichkeit, die Bestand hat und lebenformende Kraft besitzt. Hast Du das noch nie erfahren, da Du meintest sie sei meist nur ein Rausch? Es ist nötig, daß ich alle Freude recht tief in mich aufnehme, um Dir recht viel davon mitgeben zu können. Es ist doch so schön wie die Menschen sich über unser Gelöbnis gefreut haben. Heute bekam ich noch eine Anzahl Briefe u. a. auch von Deiner Schwester Else.

Ich warte noch einige Tage und schicke Dir dann

alles dort hin. Ein Freund meines Vaters aus Hagen brachte mir 6 Handtücher + 6 Küchentücher. Über solch praktische Geschenke freut man sich ja besonders. Eine bekannte Familie schickte noch 12 lange roten Rosen. Die waren viel zu schade für mich und so habe ich sie gleich in die Kapelle von Gereon gebracht. Dort auf dem Altar werden sie in besonderer Weise ihren Sinn erfüllen zur Verherrlichung Gottes. Eine Freundin meiner Mutter brachte zwei silberne Serviettenringe für uns beide, so wird die Aussteuer durch manches Stück bereichert. Du meiner lieber August, nun kann ich Dir nicht weiterschreiben. Wir haben einen ganz schlimmen Angriff überstanden. Ich muß Dir gestehen, ich habe zum ersten Mal um mein Leben gebangt, so sehr daß ich am ganzen Leib gezittert habe. Die Flak setzte schon sehr bald aus und das Haus bebte unter den Erschütterungen der Einschläge. Ich habe aus ganzer Seele gebetet, nicht daß wir verschont werden; wie könnte man darum bitten, da es Tausende schon getroffen hat, - aber um die rechte Bereitschaft wenn unsere Stunde kommt, sei es die Stunde schwerster Prüfung oder die des Todes. Wir sind noch vor der Entwarnung zu Weyerstraß gegangen, da brannte der Dachstuhl, aber es wird noch gelöscht

werden können. Vom Dach aus bot sich uns ein schauriges Bild, ringsum Flammen dazu ein furchtbarer Sturm. Ruhig fällt das fahle Licht des Mondes auf das Bild der Zerstörung und des Grauens. Warum sind wir noch verschont geblieben? Deine Eltern habe ich gleich angerufen, da ist noch alles heil.

Liebster, lange hast Du auf den ersten Gruß von mir warten müssen, heute mittag erhielt ich Deine Karte schon. Alles war mir von Dir kommt und sei es nur ein kurzer Gruß, es schenkt mir soviel.

Noch ein paar Verse habe ich für Dich in meinem Innern, doch die Zeit läßt es nicht zu, daß ich sie Dir schreibe, es ist ½ 4 nun will ich schlafen.

Ehe ich mich segne bekommst Du Dein Kreuz. Denke daran bevor Du einschläfst. Könnte ich es doch bald wieder auf Deine Stirne machen.

Gute Nacht August, ich grüße Dich

Deine Marga.