Marga Ortmann an August Broil, 22. Juni 1943
45. Köln, am Dienstag 22.VI.43.
Mein lieber August!
Nun hast Du einige Tage vergebens auf einen Gruß von mir warten müssen. Kannst Du verstehen, daß ich einfach unfähig war Dir zu schreiben?
Ich kann es auch jetzt noch nicht in Worten ausdrücken was in mir vor sich geht. Und ich möchte Dich doch so gerne daran teilnehmen lassen. Könntest Du doch in mein Inneres hineinschauen und spüren wie stark mich das Erleben unserer vier gemeinsamen Tage erfüllt! Je mehr ich zeitlich Abstand davon gewinne, umso mehr prägt es sich mit allen Einzelheiten in meine Tiefen ein. Meine Gedanken sind ein einziger großer Dank an den Herrn, der uns beiden solch feines, tiefes Erleben geschenkt hat.
Als wir am Abend des hohen Pfingstsonntages unter den Bäumen am Ring hergingen, da mußte ich an den Abend denken, der für uns beide eine gleich große Entscheidung gebracht hat wie dieser Tag, daß die eine Erkenntnis, die uns da geworden, die Grundlage zu dem letzten Schritt war. Damals standen wir beide fassungslos vor dem, was sich zwischen uns
aufgetan hatte. Schweigend gingen wir den Weg von der Universität bis zum Ring und ich höre noch Deine Worte, die mir tief aus der Seele sprachen, daß wir dies alles als ein großes, unverdientes Geschenk von Gott annehmen müßten. Damals waren die Bäume noch winterlich kahl, als ich mich zum ersten Mal danach sehnte Dir ganz nahe zu sein. Nun, am Abend dieses für uns einmaligen Pfingstfestes, breiteten sich ihre Blätterkronen wie ein schützendes Dach über uns und ließ uns inmitten der Stadt still mit uns selbst allein sein. Was hat sich in der kurzen Spanne, die zwischen diesen beiden Abenden lag, alles in uns vollzogen. Ja, wir wollen es wirklich als Geschenk hinnehmen und recht von Herzen dankbar dafür sein. Du, mir ergeht es ebenso wie Dir: es bedarf noch einer Zeit der Ruhe und Einkehr um dem Übermaß des Erlebens Herr zu werden. Die vier Tage unseres Zusammenseins waren angefüllt bis zum Rande und es war alles so gut so wie es war. Wer weiß wie lange wir noch davon zehren müssen. Ich danke Dir für die Offenheit mit der Du mir sagst, daß Dir das Erleben unseres Zusammenseins zunächst so wie es war nicht selbstverständlich ist. Einmal, im Beieinandersein bei Euch zu Hause, hast Du mir mit einem ganz fremden
Blick in die Augen geschaut, der mich innerlich fast vor Dir zurückschrecken ließ. Da kam mir ein Ahnen, was Leidenschaft ist und von dem Kampf des Geistes wider das Fleisch, dessen Härte ich eigentlich noch nie empfunden habe. Wir wollen den Herrn bitten, daß wir einander nie zur Versuchung werden, sondern einer dem anderen Halt und Stärke sei jetzt und erst recht wenn wir das Leben in voller, letzter Gemeinsamkeit führen dürfen. Alle Kräfte, die in uns ruhen, haben einen Wert vor Gott, auch die Leidenschaftlichkeit des Blutes; wir müssen sie nur in der Rangordnung bestehen lassen, die ihnen gegeben sind. Da aber stehen die Kräfte des Geistes über denen des Blutes.
Mein lieber August! Mit dem Gelöbnis, das mein Leben für immer an das Deinige bindet, habe ich mein ganzes Sein, Seele und Leib, in Deine Hände gelegt, und in mir lebt die frohe Gewißheit, daß es nirgendwo besser geborgen ist, als in Deinen lieben, guten Händen. Auf alle Fragen, die der wägende Verstand nur ersinnen kann, jubelt mein ganzes Sein ein frohes, bereites Ja. Du weißt, daß dieses Ja Dir gehört!
All mein Denken ist eine Zwiesprache mit Dir. Der Brief kann nur ein Bruchteil davon sein. Doch er wird auch die Gedanken zu Dir tragen, Liebster. Deine Marga.