Marga Ortmann an August Broil, 26. Juni 1943

46. Samstag, den 26. Juni 43.

Mein lieber August.

Vier Tage ist nun Dein Brief bei mir. Ich habe ihn gelesen, immer wieder gelesen bis er mir zuletzt kein geschriebenes Wort mehr war. Es wurde lebendig, ich höre den Klang Deiner Stimme, in der die ganze Not schwingt, die Dir diese Aussage bereitet. Du bist mir ganz nahe und es ist mir, als säßen wir wieder unter den Espen am Weiher in jener wundersamen Stille, die mich dem Pochen Deines Herzens lauschen läßt, und aus dieser Stille des Beieinanderseins lösen sich Deine Worte, um mir einen Blick zu gewähren in die letzten Tiefen Deiner Seele; ja mehr noch, nun all das unendlich Schwere, das Du als dunkles Geheimnis bisher allein mit Dir herumgetragen hast, aus den Tiefen heraufzuholen, auf daß wir es nun gemeinsam tragen. Es ist ja viel zu schwer für Deine Schultern allein. Komm, bleibe ganz nahe bei mir, da ich nun alles was Du mir gesagt hast als festes Eigentum in mir habe. Höre was ich Dir darauf erwidern möchte, und was ich nicht recht ausdrücken vermag das sollst Du erspüren aus dem Druck meiner Hand, die die Deine hält. Verzeih‘ wenn ich die Tränen nicht immer zurückdämmen kann; ich habe in diesen

Tagen erfahren, daß sie nicht als Schwachheit abzutun sind, sondern selbst für den Tapferen eine erlösende Kraft besitzen.

Du hast mich eine Strecke weit mit auf Deinen Lebensweg genommen und hast versucht manche geheime Zusammenhänge aufzudecken, die von daher ins Heute hinübergreifen. Erschüttert stehe ich vor der Schwere dessen, was diese ganze Entwicklung Dir aufgebürdet hat.

Du, mein August, wie groß ist doch die Güte Gottes, die Dich davor bewahrte ganz unter der Last zu zerbrechen und Dich nicht am Boden liegen ließ, sondern Dir immer wieder half aufzustehen. Nun weiß ich, woher die dunklen Schatten Dir auf alles noch so glückhafte Erleben fielen, und kann mir die herben Züge Deines Gesichtes deuten als Widerschein des Kampfes der beiden Kräfte in Dir. Wie habe ich in den pfingstlichen Tagen trotz aller Freude den Druck gespürt und erahnt, der auf Die lastete. Ich habe mich danach gesehnt ihn von Dir zu nehmen, doch vermochte es nicht, weil Du ihn mir krampfhaft zu verbergen suchtest. Wie war es nur möglich, daß mich ein tiefes Glück erfüllte, während Du unter dem gleichen Dach, in der selben Nacht Deine feuchten Augen hilflos in die Kissen grubst?

Du durftest nicht länger schweigen, Du durftest die Last nicht länger alleine tragen ohne unsere Gemeinsamkeit damit zu verletzen. Muß mein Glück nicht leer und schal werden, wenn Du es nicht mit mir teilen kannst; wäre das Läuten meines Herzens nicht zur schrillen Schelle geworden, hättest Du ihm länger das Echo, den Widerhall – wenn auch in anderen Tönen – versagt? Es wäre falsche Rücksichtnahme gewesen, hättest Du noch länger geschwiegen, um mich nicht mit den Dingen zu belasten. Was Dich angeht, geht auch mich an; was Du trägst, das muß auch ich tragen, und sei es noch so schwer – ebenso wie all mein Erleben, mein Denken und Fühlen Dir gehört; es geht nicht an, daß einer von uns auch nur in einem Punkte für sich dasteht: da wir das Ja zu unserer Gemeinsamkeit gesprochen haben – in uns und auch nach außen hin – wollen wir es auch zu verwirklichen suchen bis in seine letzte Konsequenz. Ich weiß ja wie schwer es Dir geworden ist all dies aus Deinem Innern heraufzuholen, und die Last damit auf unserer beider Schultern zu verteilen.

Mein August, ich danke Dir, daß Du es getan hast; ich danke Dir um Deinetwillen, denn es tat Dir Not – ich danke Dir aber auch um meinetwillen, denn es ist viel härter dauernd unter einem Druck zu stehen

ohne zu wissen woher er kommt, als die Dinge – und seien sie noch so schwer – bewußt aufnehmen zu können und in froher Bereitschaft zu tragen. Ich sehne mich danach mit Dir, Deinem ganzen Menschsein, eine möglichst innige Gemeinsamkeit zu erlangen, und da hinein gehören neben den heilen, blühenden Stellen unseres Seins vor allem die wunden, die voller Schmerzen und Bitterkeiten; weil wir da einander am meisten nötig haben. Hast Du meiner Liebe die Kraft nicht zugetraut, all das mit Dir zu tragen. Und hast Du es nicht gewagt all das auf mich zu legen, da dadurch einmal einem Menschen der Glaube an Dich zerbrach? Es wäre Vermessenheit, wollte ich mir selbst mehr zutrauen als jenem; aber ich glaube fest, daß Gott, der unsere Wege aufeinander zugeordnet hat, uns auch die Kraft gibt das zu tragen, was Er von uns fordert.

Eine große Traurigkeit und Verlassenheit schaut mich aus Deinen Worten an. Du Armer, was hast Du nicht alles durchleben müssen; wie sehr hat der Sturm an Dir gezerrt und hat Dich hin und her gerissen. Wie teuer hast Du Dir die Lichtstellen in dem großen Dunkel erkaufen müssen. Ach, ich kann Dir

nicht sagen wie tief sich das alles in mein Herz eingegraben hat. Ich spüre, daß meine Liebe zu Dir dadurch eine Läuterung erfahren hat, die sie immer reiner und selbstloser werden läßt.

Du, mein Lieber, Du darfst nicht glauben, Du habest mir mit dem Gesagten den Glauben an das Ideal, das Du mir darstellen solltest, genommen. Freilich ist die Wirklichkeit, die Du mir darin aufzeigst, anders als das Bild, das ich mir von Dir erträumt und erdichtet habe. Und dennoch trage ich dieses Bild von Dir weiterhin in meinem Herzen; denn ich glaube daran, daß es nicht nur irgend ein Traumbild war, sondern die von Gott angelegte und gewollte Möglichkeit Deines Seins, die durch das Leben verschüttet wurde. Ich durfte sie mit dem Scharfblick der Liebe, die ja nicht blind sondern hellsichtig macht, schauen, und erblicke darin meine Aufgabe, mit der ganzen Treue und Zähigkeit darum zu ringen, um jenem hohen Bild, das ich von Dir im Herzen trage – das Du jetzt erst unvollkommen darstellst – zur Wirklichkeit zu verhelfen. Ich will immer wieder mit ganzer Inbrunst darum bitten, Dir wirklich helfen zu können, damit Du am Ende unseres Weges einmal sagen kannst, daß Du mir nicht vergebens begegnet bist.

Über all dem, was Du mir gesagt hast, leuchtet mir der eine Satz wie ein heiliges Versprechen: Ich arbeite an mir, ich höre nicht auf mit mir zu kämpfen. Aber nicht gegen Dich sollst Du kämpfen – Du stehst ja auf Seiten der stillen, geduldigen Kraft, die Dich allem Guten nahe bringt und zur Höhe führt – sondern gegen jene Kraft in Dir, die Dich hinabziehen will in die Tiefen, in denen alle menschliche Schuld verankert ist, die Dich allem Guten, Edlem und Wahren entfremden will und auch versucht Dich von mir loszureißen. Ist sie wirklich so stark in Dir, die Macht, daß Du ständig vor ihr auf der Hut sein mußt, damit sie nicht Gewalt über Dich gewinnt? Wie furchtbar mußt Du doch darunter leiden und ich leide zutiefst mit Dir. Komm, wir wollen nun gemeinsam den Kampf aufnehmen und wenn er es erfordert, daß Du hart sein mußt gegen Dich selbst, so bitte ich Dich darum es zu sein, auch dann wenn mir diese Härte Entbehrung auflegt.

Der Kampf besteht aber nicht nur in der Unterdrückung der dunklen Kraft in Dir; es ist vielleicht noch viel wichtiger ihr positiv entgegenzuarbeiten, indem Du der anderen, stillen Kraft immer mehr Raum gibst,

daß sie sich hell und froh entfalten kann. Es war mir eine trostvolle Genugtuung, daß die Hoffnung auf ein endgültiges Anderswerden auch in den dunkelsten Stunden in Dir noch lebendig war; ein Zeichen dafür, daß jene stille Kraft trotz aller Unscheinbarkeit nie ganz von Dir gewichen ist. Aus ihr heraus hast Du denn auch wohl den Schritt tun können zur Begegnung, von der Du ein neues, anderes Leben erwartet hast. Ich möchte diesen Menschen segnen, daß er Dir solch feines, tiefes Erleben schenken durfte, das mir vielleicht nie gegeben ist – nicht weil mir die Fähigkeit fehlt es zu geben, aber weil Du, eben durch die ganze Entwicklung, die Du angenommen hast, nicht mehr so die Möglichkeit hast es in Dich aufzunehmen. Ich habe das schon empfunden, als ich am Abend ehe Du nach Aachen mußtest zu Dir sagte, daß Du wohl garnicht weißt wieviel Liebe ich Dir schenke und daß Du sie mir so garnicht erwidern kannst. Früher habe ich schon darüber nachgedacht, daß es vielleicht so ist, daß jeder Mensch nur ein bestimmtes Maß an Liebesfähigkeit erhält und alles was er davon weggibt, unwiederholbar vergeben ist. Aber wie Du bei dem ersten Schritt alles aus Deinen

verborgenen Schätzen heraufzuholen vermochtest, so bitte ich Dich, es auch jetzt zu tun und ich glaube sicher, wenn wir beide das letzte herzugeben gewillt sind, daß dann die Kraft unserer gemeinsamen Liebe stark genug sein wird, um ein gutes, glückhaftes, gemeinsames Leben darauf aufzubauen, so wie es für uns im Willen Gottes beschlossen liegt. Mein lieber August, mir ist die Trennung von Dir noch nie so schwer geworden, wie in diesen Tagen; denn das was ich Dir in diesem Brief zu sagen versucht habe, es hätte von Mund zu Mund gesagt werden müssen, damit Du auch wirklich daraus spüren kannst, wie ich Dich ganz mit allem was Dein Leben bisher an Schwerem auf Dich geladen hat, in mir tragen will. Nicht wie eine Belastung, sondern als ein frohes, bereites Dürfen.

Möge es Dir eine Erleichterung sein, daß nun nichts Trennendes mehr zwischen uns ist, daß Du nun mit alledem nicht mehr alleine stehst; Wir wollen das Gewesene gemeinsam mit starken Händen aufnehmen um daraus ein gutes Neues zu formen und den Herrn bitten, daß Er uns beiden seine Kraft und Seine Gnade dazu gibt. Liebster, ich komme zu Dir mit all meiner Liebe

Deine Marga.