Marga Ortmann an August Broil, 27. Juni 1943

47. Köln, am Sonntag nach Fronleichnam.

Mein lieber August!

Sonntag ist heute, schon der zweite nach dem hohen Pfingstsonntag, dem Tag unseres Gelöbnisses. Heute wird sicher mein Brief bei Dir sein und ich wünsche, daß er Dir auch wirklich das gesagt hat, was ich Dir damit habe sagen wollen. Konnte er Dich trotz der ernsten und schweren Dinge, die darin gesagt werden mußten, auch ein wenig froh machen? Eben bin ich nach dem Essen in mein Zimmer gegangen und habe noch einmal die Blätter gelesen, mit denen Du mir einen so entscheidenden Schritt nähergekommen bist. Das, was ich Dir in meinem Brief darauf erwidert habe erscheint mit jetzt viel zu wenig gegenüber dem, was ich Dir noch sagen möchte und vielleicht auch sagen müßte. Doch die Grundhaltung, mit der ich Deine Worte aufgenommen habe, wird Dir sicher daraus entgegenleuchten. Heute kann ich Dir noch nicht mehr dazu sagen; nur eine Stelle gab mir heute besonders zu denken, wo Du sagst, daß der verborgene Fehler, an dem wohl der erste Schritt zu einem Anderswerden

gescheitert ist, darin lag, daß Du Dich bedenkenlos in das Feine und Schöne hineingabst, das sich Dir darbot. Das mag schon so sein, aber ich glaube es besteht jetzt die Gefahr, daß Dich diese Erkenntnis nun ins entgegengesetzte Extrem treibt, indem Du viel zu viele Bedenken jetzt glaubst einschalten zu müssen und Dir dadurch manches Erleben verloren geht, das für unsere Gemeinsamkeit unerläßlich ist. Muß der Verstand das Drängen des Herzens zurückdämmen, um die Herrschaft des Geistes über die Sinne herbeizuführen? Ich meine sie müßte in der Kraft der Liebe selbst, wenn sie echt und tief ist, am besten gewährleistet sein.

Ich kann gut verstehen, daß es Dich hart bedrückt hat, daß all die Dinge Deines früheren Lebens bisher noch zwischen uns standen. Doch nun, da all das vor mir offenliegt, darf es für Dich ebenso wenig ein Hemmnis für unsere Gemeinsamkeit sein, wie für mich und es wäre mir die größte Freude, wenn Du Dich jetzt froher und freier – wenn auch nicht bedenkenlos – in sie hineingeben könntest.

Hast Du geglaubt mit der Frage nach dem Warum und warum gerade mir, mir zuvorkommen zu müssen? Nein, mein Liebster, die Frage ist

keinen Augenblick in mir aufgetaucht. Dafür ist der Glaube, daß der gemeinsame Weg mit Dir für mich der einzig richtige und von Gott gewollte ist, viel zu stark in mir. Ich bin ja so froh, daß Du mit solch ehrlicher Offenheit zu mir kommst und es muß auch unser Bestreben sein, daß wir uns immer mit einem bedingungslosen Willen zur Wahrheit begegnen, in unseren Worten und auch in den Zeichen unseres Zugetanseins. Darin ist ein Enttäuschtwerden, das so oft als tragische Krise im Zueinander der Menschen auftritt, von vorneherein ausgeschlossen. Wir wollen uns darum bemühen einander so zu zeigen wie wir wirklich sind, mit allen Licht- und Schattenseiten unseres Seins; wenn unsere Liebe stark genug ist beide zu umspannen, dann läßt sich das Wagnis eines gemeinsamen Lebens aufnehmen und ich meine es dürfte dann garnicht mehr als Wagnis erscheinen.

Du, mein lieber August, ich habe in diesen Tagen mit noch größerer Innigkeit für Dich gebetet als bisher und ich muß wohl noch viel mehr für Dich tun, um Dir wirklich helfen zu können. –

So, nun will ich noch etwas mit Dir plaudern. Täglich ist noch eine Menge Post zu unserer

Verlobung gekommen. Ich werde in den nächsten Tagen alles in einem Päckchen an Dich abschicken. Frau Wißdorff schickte vorige Woche einen herrlichen Strauß Nelken. Ich habe mich telefonisch bei ihr bedankt, aber Du schreibst am besten auch noch. Eine Freundin meiner Mutter brachte zwei schöne, schlichte Serviettenringe in Silber; Lore + Mathias machten mit 2 Leinenbetttüchern ein besonders wertvolles Geschenk; außerdem wurde die Aussteuer noch mit 6 Handtüchern und 6 Küchentüchern bereichert.

Ich habe heute morgen im Keller alles in eine Kiste gepackt; es macht doch Freude, daß allmählich schon allerlei zusammenkommt. Lore sagte mir, daß irrtümlich ein zweiter Gasherd an sie unterwegs ist, die sie beide behalten darf. Da will sie mir einen abgeben und wir haben damit ein wichtiges Stück für unsere Einrichtung.

Ich habe Dir noch garnicht von der Taufe des kleinen Michael erzählt, zu der wir alle eingeladen waren, auch Hede + Martchen waren dabei. Die Gebete bei der Taufe haben wir alle gemeinsam gesprochen und als Abschluß habe ich mit den Wuppertalern das Jubellied gesungen. In langem Zug gingen

wir von der Kirche zur Wohnung, wo wir dann noch eine feine, häusliche Feier hatten; der Brief, den ich dem kleinen Michael zur Taufe geschrieben hatte, diente dazu als Gerippe, das noch durch einige Lieder und Gedichte ausgeschmückt wurde. Das Lied: Kommt ein Kindlein auf die Welt, hatten wir vorher noch geübt. Bei der großen Tafelrunde ging es recht munter zu. Aus Anlaß unserer Verlobung bekam ich mit Oma und Opa sogar ein Glas Sekt und Hede trank zu Deiner Vertretung mit. Ich glaube es wird für Lore und Mathias einmal sehr schwer werden, wenn für sie das Leben in der Ehe einmal richtig beginnt und erst recht, wenn sie sich einmal auf andere Verhältnisse umstellen müssen.

Am Mittwochabend waren wir, Henny, Therese, Finni und ich im Gürzenich in Haydn’s Schöpfung. Mir ist selten ein Konzert ein so großes Erleben gewesen wie dieses. Die Töne vermögen doch mehr auszusagen und finden schneller zum Herzen als manche Worte. Mir ist bei der Musik so recht zum Bewußtsein gekommen, daß der eigentliche Sinn der Schöpfung doch die Verherrlichung Gottes ist: der Schöpfungsbericht der 6 Tage mündet jedesmal in einem gewaltigen Lobpreis auf den Schöpfer, in den alles

Geschaffene einstimmt. Der große Gesang nach der Erschaffung der Sterne hat mich am meisten gepackt: Die Himmel erzählen die Ehre Gottes und seiner Hände Werk zeigt an das Firmament. –

Wir sind immer versucht nach dem Zweck aller Dinge zu fragen – beeinflußt von dem Nützlichkeitsprinzip unserer Zeit – aber sind nicht alle Dinge unendlich sinnvoll, auch wenn sie nicht alle einen Zweck erfüllen? Der eigentliche Sinn aller Schöpfung ist, zur Freude Gottes da zu sein; die Welt ist ein Spiel vor Gott – so sagt Fuhrmanns. Diesen Sinn erfüllen auch die Blüten, die keine Frucht bringen und auch alle die Menschenleben, die für die Welt so erfolglos sind. In dem Zusammenhang mußte ich an unser Gespräch über den Zweck der Ehe denken. Das Kind ist der Zweck der Ehe, aber auch wenn dieser Zweck nicht erfüllt werden kann, hat die Verbindung der beiden einen Sinn vor Gott. So ist es auch mit unserer Gemeinsamkeit: sie ist ausgerichtet und hingeordnet auf die Verbindung in der Ehe, aber auch schon in sich, so wie sie jetzt ist, ist sie unendlich sinnvoll und selbst wenn einer von uns vor der Erreichung des uns gesteckten Zieles abberufen werden sollte,

dürfte sie nicht vergebens gewesen sein. Ich habe jetzt schon an mir erfahren dürfen, welch tiefe Wandlungen die Liebe zu Dir in mir vollzogen hat, Wandlungen, die zugleich Fortentwicklung des Angelegten sind. Wie froh wäre ich, wenn Du das Gleiche sagen könntest. Möchte unsere Gemeinsamkeit jetzt und später in der Ehe doch vor Gott bestehen können, daß wir beide, Du und ich, darin mithelfen den Sinn allen Lebens und Seins zu verwirklichen: Gott Freude zu bereiten.

Mein lieber August, Dein Brief hat mich die ganze Woche so gefangen genommen, daß alle anderen Gedanken darüber zurückgedrängt werden. Ich muß Dir sogar gestehen, daß ich 2 Tage kaum etwas getan habe im Büro, weil ich einfach nicht fähig dazu war. Jetzt, wo ich Dir schreibe, bricht alles wieder in mir auf und so ist es ein recht bunter Brief geworden, ohne einheitlichen Stil, aber Du wirst ja nicht zu streng sein in Deiner Kritik.

Noch ein paar Gedanken wollte ich Dir sagen zum Fest, das wir diese Woche gefeiert haben: Fronleichnam. Der Tag ruft uns auf dem Herrn aus ganzen Herzen Dank zu sagen für das, was er uns im Sakrament geschenkt hat. Mit wieviel Freude haben wir in

früheren Jahren seinen Gang durch die Stadt begleitet. Heute können wir ihn nur noch in uns hinaustragen in die Welt, die Er durch uns segnen will. Wie schwer muß es Dir doch sein, an solchen Tagen auf die Feier des hl. Opfers verzichten zu müssen, aber denke immer daran, daß ich es ganz bewußt für Dich mittue. Die Gnade kennt ja kein Hindernis, wenn wir uns ihr öffnen und sie wird trotz der Trennung des Raumes zu Dir hinfinden.

Du, mein August, es ist Abend geworden. Lange habe ich jetzt mit Dir erzählt und sicher wirst Du heute auch an mich gedacht haben. Ich mache jetzt noch einen stillen Weg zum Bahnhof, damit dieser Brief recht bald bei Dir sein kann.

Leb‘ wohl, Du mein Liebster, und sei von Herzen gegrüßt von

Deiner Marga.

Meine Eltern und alle Freunde lassen Dich herzlich grüßen.