Gisbert Kranz an seinen Vater Gisbert, 9. Juli 1933

E. Steele, den 9.VII.33.

Mein lieber Vater!

Wie gefällt es Dir eigentlich in Kissingen. Ich kann mir denken, dass es unterwegs recht langweilig war. Es war aber auch schade, dass Du nichts von der schönen Landschaft gesehen hast. Und es ist auch unangenehm, wenn ein Dünner zwischen Dicken sitzt. Bekommst Du nicht Langeweile beim Baden und Liegen? Oder liest du bei der Liegekur? – Du wirst Dich wohl freuen, dass Du jetzt mal wieder Ferien hast. Ich freue mich auch schon auf die Herbstferien! Weisst Du, dann machen wir ein Lager mit N. D.! Im letzten Fähnlein (Samstag) hat Hans Vollmarig gesagt, dass er spätestens Montag wissen müsste, ob wir mitgehen. Das Lager ist im Weserbergland – den Ort weiss ich nicht mehr – und die Verpflegung, die Fahrt hin und zurück, Proviant und alles, was dazu gehört, kostet zusammen 25 M. (ungefähr)! Ich habe eben Franz Jupp und Hans gesagt, ich wüsste es noch nicht bestimmt, ob ich mitgehen werde, denn Du wärst verreist, und da müsste ich erst Dich mal schreiben. Ich hab Ja gesagt, d. h., ich habe gesagt, ich würde doch mitgehen, Du würdest es mir sicher erlauben. Franz Jupp (unser Gruppenführer) sagte, ich solle meiner Mutter alles in „schönsten Farben schildern, wie es bei einem solchen Lager ist!“ Um das Zeugnis brauchte meine Mutter und ich sich wohl keine

Sorgen zumachen. Also, Du sagst doch Ja, nicht? Darf ich mitgehen? Ich sehe Dich schon im Geiste lachen, aber ich meine es ernst! Schreibe mir sofort, wie Du’s meinst! –

Wie ist eigentlich das Wetter in Kissingen? Hier hat es eben geregnet. Gleich gehe ich baden, denn das Wasser ist warm. Seit dem Du weg bist, ist hier immer eine Hitze, ganz fürchterlich! gewesen. Am Freitag sagten alle, wir hätten Hitzefrei. Herr Oberlehrer Kaps sagte, wir hätten wenn wir die Schule aus hätten, Hitze-Frei! Als wir mit lernen fertig waren und in die Klasse gehen wollten, da stürmten uns die Quintaner entgegen! „Hitzefrei!“ – „Au! sauber, dachten wir, und schon waren wir im Begriff, den Schultornister zu packen und nach Hause laufen, da sagten einige, wir hätten kein Hitzefrei! Die einen sagten wir hätten kein Frei, die andern, wir hätten Frei! Was nun??! – Da kam Herr Dr. Klausenberg und – die Erdkundestunde begann!? Mit dem Hitzefrei aber ist alles nur „blinder Alarm“ gewesen! –

Dieser Tage werden wir nach dem Flugplatz E.-Mühlheim mit der Schule fahren. Dort werden Segelflugzeuge und ein zweimotoriges Flugzeug besichtigt. Es kommen noch viele andere Schulen dort hin. In unserer Schule wird eine Verlosung stattfinden, wobei 15 Schüler

 

einen Freiflug gewinnen können. Der Flug geht über das Industriegebiet. Los 10 Pf. Weiteres schreib ich Dir noch darüber. – Lass Dirs gutgehen! – Heil! – Gisbert!

Einen lekeren Kuhs Fritz