Gisbert Kranz an seine Mutter Berta, 16. Juni 1938

Essen-Steele, den 16.VI.1938.

Lieber Mutter!

Es ist in den Tagen, seitdem Du abgereist bist, außer zwei Ereignissen hier nicht viel vorgefallen, wovon ich Dir schreiben könnte. – Das erste war der Bekenntnistag der kath. Jugend am letzten Dreifaltigkeitssonntag. Morgens war die Gemeinschaftsmesse. Das Beten war, wenn man die große Zahl der Jugendlichen, die die Kirche füllten, berücksichtigt, gut. Vikar Sch. meinte, soviel Jugendlichen hätte er schon lange nicht mehr die Kommunion reichen können. Groß war die Kundgebung am Abend, an der nach vorsichtiger Schätzung 1800 Jugendliche aus Groß-Steele teilnahmen. Die Feierstunde dauerte 1 ½ Stunde. Der Prediger meinte, im Angesichte sovieler Jungmänner und Jungfrauen dürfe man wieder Hoffnungen über unsere Jugend haben. Er hat damit recht, zumal da auf den Ruhrwiesen zur selben Zeit Kirmes und Schützenfest war. –

Das zweite Ereignis war die Fronleichnamsprozession. Man darf sich heute über nichts mehr wundern. Auch nicht darüber, daß das Zeigen der kirchl. Fahnen – sogar an den Segensaltären – verboten ist. Ich sah aber in der ganzen Stadt keine einzige Hakenkreuzfahne; wohl waren die Häuser zum großen Teil geschmückt. Auch viele Altäre waren aufgebaut, wie das auch sonst immer war. Wenn man auch zumeist Kitsch sah (ich bemerkte nur ganz wenige Altäre in Fenstern, wo ein künstlerisches Kruzifix oder eine gute Figur stand), die Gesinnung und die Liebe, mit der die Fenster geschmückt waren, ist die Hauptsache. Sicher haben die meisten Leute nicht soviel Geld, sich ein neues Bild anzu-

schaffen (obwohl man bei diesen Dingen nicht geizen dürfte; bei gutem Willen würde sich auch das Geld für einen künstlerisch wertvollen religiösen Gebrauchsgegenstand erübrigen.). Meistens liegt es daran, daß die Leute entweder nicht empfinden, daß eine geschmacklose Herz-Jesu-Figur aus Gips Kitsch ist, oder daß viele solche Figuren nicht wegwerfen können, da sie Geschenke sind von Leuten, die noch leben. Ich halte es auf alle Fälle für besser, wenn jemand seinen Glauben bekennt, indem er eine – wenn auch kitschige – Figur zwischen Blumen und brennenden Kerzen aufs Fensterbrett stellt, als wenn einer garnichts tut. – Manche hatten statt Fahnen Zweige in die Fahnenhalter gesteckt. In der Bachstraße und am Paß standen am Bürgersteig wieder die Fahnenstangen, aber mit Birkenbäumchen. – Bevor ich Dir, lb. Mutter, die Prozession selbst schildere, muß ich etwas anderes erzählen. Ich sagte vorhin, man dürfe sich heutzutage über nichts mehr wundern. Ich habe mich heute Morgen doch gewundert, als ich sah, daß Spenrath die Messe zelebrierte. Schon seit 4 Wochen haben wir keinen Religionsunterricht mehr und mit der Prozession ist Spenrath auch nicht gegangen. So wunderte ich mich nicht, daß kein Schüler über die Prozession Bescheid wußte. Am Mittwoch Morgen ließ ich auf eigene Faust durch die Jungen der Gruppe in allen Klassen den kathol. Schülern Bescheid geben, um ¼ 9 sammelten wir uns an der Schule. Ich wunderte mich auch nicht, daß Stdrt. Linnenborn auf meine Frage, ob einige Herren aus dem Lehrerkollegium zur Aufsicht mitgingen, antwortete, das sei verboten. So wunderte ich mich nicht, daß kein einziger kathol. Lehrer mit uns ging. Die Mittelschüler jedoch wurden von

ihrem Direktor Dr. Leggerie und drei andern Herren begleitet! So wunderte ich mich auch nicht, daß es bei der Aufstellung heute morgen großes Durcheinander gab, daß während der ganzen Prozession keiner von den 60 Gymnasiasten mitbetete und mitsang (auch als ich, von drei andern unterstützt, ein ganzes Gesetz betete, fiel es keinem ein, mitzumachen.), daß die meisten dauernd redeten und lachten. Ich hatte mehrmals Jungen zurechtgewiesen. Sie könnten austreten, es zwinge sie keiner, mitzugehen. Wenn sie aber mitgingen, sollten sie auch Haltung bewahren. Es sei ein Gottesdienst, keine Demonstration. Rektor Rinke und die andern Lehrer, die mit der Mittelschule vor uns hergingen, kümmerten sich nur um ihre Schule und nicht um unsere Jungen. So wunderte ich mich auch nicht, daß „Stutz“ mit grinsendem Gesicht aus einer Wirtschaft sich die Prozession ansah. Bei unserm Anblick mag er wohl gedacht haben: So ein Sauhaufen! Leider muß ich ihm darin zustimmen. – Ich habe mich aber gefreut über die große Beteiligung und die zuchtvolle Haltung der männl. u. weibl. Jugend. Die Männer waren nicht so stark, wie im letzten Jahr vertreten; das kommt wohl daher, daß die Glashütte heute zum erstenmal am Fronleichnamstage ihre 500 Angestellten arbeiten läßt! – Zuerst hatte ich mich geschämt wegen der Haltung unsrer Schule. Doch als ich nachher am Grendplatz, wo wir hielten, die ganze Prozession vorbeiziehen sah, da war es doch ein Trost, die vorbildliche Haltung der Jungmänner und das geschlossene Beten und Singen der Männer zu sehen. Da hatte man wirklich den Eindruck eines Triumphzuges des eucharistischen Heilands! – Obwohl es heute morgen regnete und der Himmel auch bis heute

Mittag bedeckt war, regnete es während der Prozession nicht. Augenblicklich (4 Uhr) scheint die Sonne. Das Konzert des Kirchenchores im Stadtgarten ist nicht mehr gestattet. Statt dessen ist ein SA-Konzert bei Klaus! –

Nun habe ich Dir wohl genug geschrieben. Ich hoffe, daß Du gutes Wetter da unten hast, damit du die Zeit Deiner Erholung ganz ausnutzen kannst.

Ich grüße Dich herzlich

Gisbert

 

den 16.VI.1938

Liebe Mutter!

Gestern und heute hatte ich mit Hans Wienands gepaddelt. Heute Nachmittag hatten wir bis 6 Uhr das Boot in Ordnung gemacht, dann waren wir noch ein wenig hinaus gefahren. Gestern Nachmittag war sehr starker Wind, die Wellen an mehreren Stellen waren 75 cm hoch; es war herrlich, durch das Wasser zu flitzen. Als wir gegen den Sturm fuhren, hatten wir den Wind im Rücken, so daß wir ohne zu paddeln fahren konnten. – Ich habe eine Wirtschaftsgeographiearbeit 3+. Wir haben eine Steno- und Englischarbeit geschrieben. Die Englischarbeit wird höchstwahrscheinlich „sehr gut“ werden. Wenn Du nach Hause kommst, wirst Du Dein Portefeuille zücken müssen. Ich wünsche Dir und Frau Berthold gute Erholung sende Euch die herzlichsten Grüße

Karl Heinz

 

den 18.VI.1938

Liebe Mutter!

Ich habe heute die Englisch- und Stenoarbeit wiederbekommen. Englisch: „sehr gut“; Steno: genügend. Sonntag gehe ich wieder paddeln. Das Wetter ist besser geworden.

Herzliche Grüße

Karl Heinz