Marga Ortmann an August Broil, 7. Juli 1943

50. Köln, den 7. Juli 1943.

Mein lieber August!

Heute ist mein Geburtstag. Als erster kam heute morgen mein Vater zu mir, nahm mich in seine Arme und sagte mit bewegter Stimme: Ich wünsche Dir, daß Du alle Kreuzwegstationen Deines Lebens so tapfer durchstehen mögest wie diese. Dabei liefen ihm, dem starken Mann, die hellen Tränen über die Backen. Meinen Vater weinen zu sehen, das war mir schwerer als der Verzicht auf alles, was die Schreckensnacht von mir gefordert hat. Es war dies das dritte Mal, daß ich meinen Vater weinen sah. Einmal, als die Leiche unserer kleinen Sophieliese im Sarg weggetragen wurde – ich war damals noch Kind, aber das Bild hat sich mir so stark eingeprägt. Das zweite Mal, als Vater unser Geschäft verkaufte, das er in jahrelanger Arbeit mühsam aufgebaut hatte, und nun wieder. Der Verlust des Kindes, der Verlust seiner Existenz und nun der Verlust seines Heimes und seines Habes und Gutes – das hat ihn jedesmal so gepackt, daß er sich der Tränen nicht erwehren konnte. Du, August, ich habe meinen Vater schon als Kind noch mehr lieb gehabt als meine Mutter. In den 3 Jahren, die ich mit ihm zusammen im Geschäft gearbeitet habe, bin ich ihm besonders nahe gekommen.

Da habe ich gesehen wie er in rastloser Sorge für seine Familie sich selbst vergaß. Ich habe ihm damals zu seinem Namenstag Verse gewidmet, aus denen die ganze Liebe und Hochachtung sprach, die seine Vierzehnjährige ihm entgegenbrachte. Das Büchlein ist nun mit verbrannt, vielleicht fallen sie mir aber in ruhiger Stunde wieder ein.

Mein lieber August, ich habe als Kind immer gesagt, ich würde nur dann heiraten, wenn ich einen Mann fände, der so sei wie mein Vater. Nun, da ich mit Dir auf dem Wege bin, habe ich oft lächelnd an diesen Kinderausspruch denken müssen. Jeder Mensch ist einmalig und unwiederholbar in seiner Persönlichkeit, das ist mir heute klar. Aber etwas möchte ich von dem Ausspruch aus Kindertagen ins reife Leben hinübernehmen: der Wunsch, daß Du einmal unseren Kindern so Vater sein kannst, in des Wortes wahrer Bedeutung, wie mein Vater es uns gewesen ist und auch heute noch ist.

Nun hat sich mir wieder ein Lebensjahr vollendet. Jeder Tag war ein Geschenk Gottes und wenn ich an die Ereignisse denke, die mir das letzte Jahr gebracht hat, so glaube ich, daß es das entscheidenste in meinem Leben gewesen ist; denn es hat mir eine ganz neue Ausrichtung gegeben. Am Beginn des neuen Lebensjahres steht äußerlich die größte Ungewißheit, alles scheint in Frage gestellt zu sein. In mir aber lebt das frohe

Bewußtsein, daß alles Geschehen unseres Lebens fest im Willen Gottes verankert ist. Wo aber könnten wir eine größere Sicherheit finden als dort? Es wäre mir eine große Freude wenn Du das Vertrauen, das mich beseelt, mit mir teilen könntest.

Die letzten beiden Briefe, die ich von Dir erhielt, habe ich immer wieder gelesen in diesen Tagen. In ihnen hast Du die tiefsten Fragen und Probleme aufgeworfen, die sich in unserer Gemeinsamkeit ergeben konnten. Ich habe dann in meinen Briefen versucht, Dir etwas dazu zu sagen. Noch weiß ich nicht wie Du es aufgenommen hast, denn seither bin ich ohne Nachricht von Dir geblieben. Gerade wo wir dabei waren unsere Gedanken über so wesentliche und grundsätzliche Fragen unseres Zueinanders auszutauschen, wurden wir durch das Geschehen vom 29. Juni so jäh unterbrochen. Aber im Innern beschäftigen mich die Dinge doch sehr stark, wenn ich auch noch nicht fähig bin mehr darüber zu schreiben. Dazu fehlt mir noch die Ruhe. Ich hoffe immer noch, daß es Dir gelingt Urlaub zu bekommen, und wenn es Dein Jahresurlaub ist. Ich glaube wir könnten jetzt manches miteinander besprechen, wozu wir Pfingsten noch nicht fähig waren.

Nächste Woche werden wir in der Erftstraße eine teilweise möblierte Wohnung bekommen. Wenn wir uns

da einigermaßen eingerichtet haben, fahren die Eltern mit den Zwillingen nach Sayn zu meiner Tante, um sich etwas zu erholen. Wenn Du kommen könntest würden wir zuerst noch die wichtigsten Schreibereien erledigen und dann hätten wir die übrigen Tage ganz für uns. So gerne möchte ich mal ein paar Stunden ganz aus der Stadt hinaus, nur einmal wieder den Frieden der Natur zu verspüren. Das Auge, das nun eine Woche nur Trümmer gesehen hat, sehnt sich nach der Beruhigung des frischen Grün und das Gemüt will in der Stille einmal wieder Atem schöpfen. Auch nach dem Alleinsein sehne ich mich und nach der stillfrohen Zweisamkeit mit Dir. Mach daß ihm bald die Erfüllung wird.

Es ist Abend geworden. Der Körper verlangt sein Recht, ich möchte schlafen und wenn ich mich lege lassen die Gedanken mich nicht zur Ruhe kommen. Und doch ist es wieder still geworden in mir; ich habe mir das Gleichgewicht, das in Wanken geraten war, wieder zurückerobert.

Von Herzen grüße ich Dich, mein lieber August, und hoffen bald etwas von Dir zu hören

Deine Marga.