Marga Ortmann an August Broil, 11. Juli 1943

51. Sonntag, den 11. Juli 1943.

Du, mein lieber August!

Erst heute am Sonntag ist es mir möglich in einer stillen Stunde zu Dir zu kommen und Dir von den neuen ungeheuren Forderungen zu erzählen, die die vergangene Woche wieder an uns gestellt hat. Die Eltern hatten es in der Herm. Beckerstr. so eingerichtet, daß wir alle dort schlafen konnten. So waren wir die erste Nacht wieder alle zusammen und diese Nacht stand der ersten, in der wir unser Haus hergeben mußten, an Furchtbarkeit nicht nach. Gleich nach dem Alarm, wir waren kaum mit den wenigen Sachen die uns noch geblieben im Keller, setzte ein Bombenregen ein, der sich nicht beschreiben läßt. Die gewaltigen Erderschütterungen ließen das Haus in seinen Fundamenten erbeben und von dem Luftdruck wurden wir hin und her geschleudert. Wir hörten dauernd das Aufklatschen der Brandbomben und Kanister vor dem Haus; keiner von uns hat geglaubt aus dieser Hölle noch lebend herauszukommen. Was man in solchen Stunden, in denen alles an einem Fädchen zu hängen scheint, körperlich und vor allem seelisch durchmacht, kannst Du aus dem Gesagten wohl kaum erahnen. Mit erschreckender Klarheit wurde mir die Ohnmacht des Menschen bewußt, der dem ganzen Geschehen

durch Nichts Einhalt zu gebieten vermag. Irgend etwas in mir wollte sich einen Augenblick aufbäumen gegen dieses tatenlose Ausgeliefertsein an das Schicksal; doch dann gab mir das Wissen darum, daß ja alles in Gottes gütigen Vaterhänden ruht, einen so großen Trost und eine solch vertrauende Sicherheit, daß ich innerlich ganz ruhig wurde und auch den anderen davon durch ein kurzes Wort mitgeben konnte. Die Füller der Gedanken, die in diesen Stunden auf mich einstürmten, kann ich kaum fassen. Alles Denken war ein Gespräch mit dem Schöpfer, der mir die letzten Tiefen meiner Seele in einer solchen Klarheit offen legte, wie ich sie vorher noch nie erleben durfte. So mag es wohl ungefähr sein, wenn wir einmal am Ende unseres Lebens vor dem Herrn Rechenschaft ablegen müssen über unseren Weg. Ist diese Erkenntnis allein nicht schon alle Not und Qual dieser Stunden wert? In dem einen Wort: Vater … Dein Wille geschehe, gipfelte schließlich alles Beten und ließ mich gefaßt dem letzten entgegensehen. Einer der Männer hatte sich hinaufgewagt und sah das Haus bereits in hellen Flammen stehen. Wir versuchten noch zu löschen, aber gegen die Macht des Feuers kamen wir nicht an, zumal kein Wasser da war. Auf der anderen Seite der Straßen hatten wir ein Haus entdeckt, das noch verschont geblieben war, dorthin brachten wir die Mütter mit den Kindern in Sicherheit. Von da aus hat unsere Mutter

dann zugesehen, wie wir die ganze Einrichtung von Fam. Heinen und auch noch viele Sachen der anderen Familien aus dem brennenden Haus herausschafften. Ich weiß selbst nicht woher mir die Kraft kam solche Lasten zu tragen. Auf dem Gereonsbahnhof krepierten dauernd noch die Sprengbomben; mit einer ungeheuren Stichflamme ging ein Benzintank in die Luft und hüllte die ganze Gegend in eine dicke, schwarze Rauchwolke. Das Treppenhaus war schon bis zur 1. Etagen abgebrannt und da die brennenden Balken herunterfielen, mußten wir gegen 8 h unsere Arbeit einstellen. Wir zogen dann mit unserem Bündel in die Wohnung Erftstr. 5, die zwischen den Bränden noch unversehrt geblieben war. Den ganzen Tag über haben Finni und ich noch geholfen Möbel in Lastwagen zu verladen, bis wir abends um ½ 12 ganz erschöpft auf unser Matrazenlager fielen. An Schlaf war nicht zu denken, dazu waren die Nerven und die Phantasie zu sehr aufgepeitscht und um ½ 1 kam wieder Alarm. Mich verfolgte dauernd der Anblick einer verbrannten jungen Frau, die ein Kindlein unter dem Herzen trug und mit dem noch nicht erblühten Leben den Tod in den Flammen fand. Was ist der Verlust all der Wohnungen und der den Menschen so lieb gewordenen Dinge gegenüber der Tragik solchen Schicksals! Man möchte flehen: Herr, kürze die Zeit unserer Prüfung ab! Aber wer weiß, was wir noch durchstehen

müssen ehe das Maß voll ist, mit dem wir die Bosheit der Menschen unserer Zeit und auch unsere eigene Schuld zu sühnen haben. Wenn dieser Trank schon so bitter ist, wie mag es erst sein, wenn wir die Hefe des Kelches trinken müssen? Alles ruht in der Hand des Herrn; Er wird uns die Kraft geben das zu tragen, was Er uns schickt.

Deine lb. Mutter hat gestern morgen den weiten Weg zu Fuß nicht gescheut, um mir Deinen Brief zu bringen. Ich danke Dir für Deine guten Worte, die mir in all dem Schweren eine große Freude waren. Weißt Du was ich getan habe? Ich bin gestern nachmittag aus den Trümmern geflüchtet und habe an der Stelle am Weiher, wo wir am Samstag vor Pfingsten beieinander waren, eine ganz feine stille Stunde erleben dürfen. Mit hungrigen Augen habe ich den Frieden der Natur in meine Seele aufgenommen; es war schon eine Wohltat mal wieder reine Luft atmen zu können. Der Sturm peitschte die Äste der Espen hin und her und es war mir eine Wonne, daß er mir die Haare durcheinander wühlte. Damit blies er alle schweren Gedanken von mir weg; es erfaßte mich eine wilde Freude, daß ich nun wieder in dieser friedlichen Stille dort sein durfte und alle Worte Deines Briefes waren bei mir.

Ich weiß nicht wie lange ich so in frohmachende Gedanken versunken da gelegen habe, schließlich erinnerte mich der Gedanke an die Komplet, daß ich an die Rückfahrt

denken mußte. Ich fuhr mit dem Rad durch ein reifes Kornfeld: Mein Gott wie schön ist Deine Welt, erst zaghaft, dann aber mit innerer Kraft stieg das Lied aus meinem Herzen auf. Schwer trugen die Halme an der Last der Körner, harrend auf den Schnitter. In ihrem leuchtenden Gelb schienen sie die Strahlen der Sonne eingefangen zu haben. Ob die Menschen unserer Tage, die sich dem Licht der Liebe Gottes verschlossen haben, nun durch das Lied der Ernte des Schöpfers entgegenreifen werden? Der Herr wird all das Geschehen unserer Tage recht in seinen Plan einzubauen wissen und darum müssen wir uns dazu durchringen, daß unsere Antwort auf all das Leid und die Not nur das eine frohe, bereite Wort sei: Ja Vater!

Am Abend standen wir dann in der Krypta zur Komplet. Die Gemeinschaft ist klein geworden. Kpl. Angenendt, Dr. Frotz und alle Freunde, die uns nahe standen, sind nicht mehr in Köln. Das Beten und Singen in dem kleinen Kreis war aber von froher Zuversicht getragen und sicher waren all die Vielen im Geiste mit dabei. Aus der Not der Stunde heraus wurde jedes der längst vertrauten Worte ein persönliches Bedürfen, in das man alles hineinlegen konnte, frohen Dank, jubelndes Lob und vertrauende Bitte: alles steht in der Komplet in rechter Ordnung eingefügt. Gerade jetzt war sie mir ein besonderes Erlebnis.

Nun ist auch Dein Brief vom 25.6. noch bei mir angekommen. Du, mein Liebster, es ist so schön, daß wir uns nun, da Du einmal alles von Deiner Seele gesprochen hast, immer besser und tiefer verstehen lernen. So oft finde ich in Deinen Briefen Gedankengänge, die mir, ohne daß wir darüber gesprochen haben, so vertraut sind. Wir dürfen hoffen, daß immer mehr Einheit wird zwischen Dir und mir und unsere Gemeinsamkeit daraus jene Kraft gewinnt, aus der wir es wagen können ein Neues zu bauen. Mögen sich auch äußerlich die Schwierigkeiten häufen, unsere Liebe wird sie zu überwinden wissen. Wie froh bin ich, daß mir aus Deinem Brief der selbe Wille zur Überwindung aller scheinbaren Hindernisse spricht. Du hast mir in Deinen Briefen wieder eine solche Fülle von Gedanken geschenkt, daß ich noch etwas Zeit nötig habe, um Dir recht darauf antworten zu können.

Morgen werde ich diesen Brief Deinem Kameraden mitgeben; so wird er Dich sicherer erreichen als mit der Post. Ist mein erster Brief mittlerweile bei Dir angekommen? Die Hoffnung, daß Du Urlaub bekommen wirst, muß ich jetzt wohl endgültig aufgeben. So müssen uns die Briefe weiterhin alles andere ersetzen. Ich denke wenn ich die ersten Tage zu hause feste mit angefaßt habe, wird mir auch bald wieder Zeit für mich

kommen, und wir können uns in unseren Briefen wieder nur mit den wesentlichen Dingen unserer Gemeinsamkeit beschäftigen, die alles andere weit übertrifft. So gerne hätte ich dem Päckchen Deiner Mutter noch etwas mehr hinzugetan, aber all das was ich mir für Deinen Geburtstag erspart hatte, ist mitverbrannt.

Je mehr wir aber auf all diese Dinge verzichten müssen, wollen wir den ganzen Reichtum unserer Herzen einander schenken und damit ist ja alles getan.

Montag, den 12. Juli.
Nun bin ich bei Deinen Eltern und traf zu meinem Erstaunen Bruno an, dem es gelungen ist 3 Tage Urlaub zu bekommen, ohne daß er eine Nachricht von Hause bekommen hat. Die Freude und Überraschung war natürlich groß.

Du, mein lieber August, nimm heute wieder meine Grüße von ganzem Herzen und wisse, daß meine Gedanken immer zu Dir hingehen.

Deine Marga.

Deine und meine Eltern lassen Dich grüßen.