Marga Ortmann an August Broil, 15. Juli 1943
52. Köln, den 15. Juli 1943.
Mein lieber August!
Ein Geschehen hetzt jetzt das andere. Wir waren froh mit den Eltern zusammen in der Erftstr. untergekommen zu sein, nun will die Hausfrau wieder zurück und wir stehen trotz Mietvertrag auf der Straße. Am Samstagabend in der Komplet sagte uns Herm. Engeländer, er wolle mal in Berg. Gladbach versuchen etwas für uns zu finden. Ich will gleich mit Vater rausfahren, ob er etwas erreicht hat. In Köln selbst ist ja unmöglich etwas zu finden, höchstens in Braunsfeld in meinen Häusern eine leere Wohnung, aber damit ist uns ja nicht gedient, da wir weder Möbel noch Hausgerät haben. Wir hängen also augenblicklich richtig „in der Luft“ doch ich mache mir keine Sorgen. Der Herr, der uns in schwerer Stunde das Leben neu geschenkt hat, er wird uns auch die Möglichkeit zur Erhaltung des Lebens geben. Ich mache es jetzt so, daß ich morgens zum Büro gehe (die größte Strecke zu Fuß, da die wenigen Autos, die verkehren überbesetzt sind und die Menschen zu 100 an den Haltestellen warten), dann mittags bei Deinen Eltern esse und abends wieder zur Erftstr. bei den Eltern schlafen gehe. Als Recht der Erstgeburt haben mir die Geschwister das einzige Bett eingeräumt, während die drei auf dem Boden schlafen müssen. Deine lb. Mutter versorgt mich mittags immer
so gut, ich weiß garnicht wie ich mich dankbar zeigen kann. Ich war so froh ihr heute mit einem Strauß Blumen, den Finni mir vorgestern geschenkt hatte, eine Freude machen zu können. An meinem Namenstag hat sie alles aufgehoben, um es mir schön zu machen; sogar die letzten Kaffeebohnen hat sie geopfert. Dann holte sie ganz geheimnisvoll einen Karton aus dem Keller mit einem feinen Service, das sie einmal von Dir bekommen hat. So ein großes Geschenk an dem ernstesten Namenstag meines Lebens war eine frohe Überraschung und ich habe es gleich gut verpackt in den Keller gebracht. Die Kiste mit unseren anderen Sachen habe ich Cordula mit nach Odendorf gegeben. Sie ist jetzt dreimal mit umgezogen und ich habe mich fast dran verhoben. Bei Gilliams ist sie gut aufgehoben. Du, ich habe mich in der Nacht eigentlich geschämt, daß ausgerechnet die Sachen gerettet werden konnten, die ich auf Treiben der Eltern am Tag vorher verpackt hatte. Aber sie sollten uns eben erhalten bleiben und so dürfen wir uns darüber freuen. – Am Abend meines Namenstages haben wir bei Kerzenlicht zusammengesessen und mit den Eltern recht vergnügt geplaudert und sogar herzlich gelacht. Wie schön waren solche Feste bei uns immer, Mutter verstand es so gut auch mit wenigen Mitteln sie zu gestalten. Dann sah man dem ganzen Heim an, daß Festtag war. Auf all
diese Dinge heißt es nun verzichten und jetzt spürt man erst wieviel sie uns bedeutet haben. Die Eltern hatten uns wirklich ein schönes Heim geschaffen, in dem wir uns wohl fühlten und ganz daheim waren. All das Äußere ist uns genommen worden, aber die Menschen, die das zu Hause im wesentlichen ausmachen, sind uns geblieben und gerade das, was wir nun gemeinsam erleben mußten, ließ uns fühlen wie stark wir zusammengehören. Nur Du hast mir gefehlt in all den bangen Stunden; wenn Du neben mir gestanden hättest, und ich Deine Hand hätte fassen können dann wäre gewiß alles leichter gewesen. Ich bin aber auch wieder froh, daß Dir dies alles erspart geblieben ist. Und ich habe ja die feste Gewißheit, daß alles was einen von uns betrifft, sei es allein oder im gemeinsamen Erleben, nun von uns gemeinsam getragen wird, und daß Du an dem Geschehen der letzten Tage zutiefst Anteil nimmst.
Gestern abend hatte ich Gelegenheit einem armen, einsamen Menschen beizustehen. Ich hörte ein Stöhnen von meinem Schreibtisch im Büro aus und fand im Nebenraum die Kunstgewerblerin, die dort ihr Atelier hat, elend in den Kissen liegen. Sie krümte sich unter furchtbaren Schmerzen, die ein Geschwür am Magenausgang verursachte. Ich ließ einen Krankenwagen bestellen, der schließlich nach 3 Std. kam. Lange habe ich am Bett des armen Menschenkindes gesessen, das ganz abgeschlossen in die Kunst
den Umgang mit dem Menschen verlernt hatte. Sie hielt sich an meiner Hand geklammert und sah mich so hilfesuchend, dankbar an. Nun ist sie diese Nacht einsam wie sie gelebt gestorben, ohne daß ein Mensch ihr eine Träne nachweint. Ich bin so froh, ihr noch einen kleinen Liebesdienst erwiesen zu haben. Wie viele dieser Einsamen kreuzen unverstanden unseren Lebensweg. Möchten unsere Augen doch immer hell und wach bleiben, damit wir ihre flehenden Hände sehen und ihre suchenden Augen uns nicht vergebens anblicken.
Am 16. Juli. Mein lieber August, so schnell ist alles gekommen. Gestern abend habe ich mir mit Vater die kleine Wohnung in Berg. Gladbach angesehen. Küche, Schlafzimmer u. Wohnzimmer für die Eltern, alles sehr schön eingerichtet, fast so wie ich mir unser Heim einmal vorstellen könnte. Die Wohnung steht uns für die Dauer des Krieges zur Verfügung, da der Mann Soldat und die Frau bei den Eltern in der Eifel ist. Finni und ich haben unser Quartier eine ¼ Stunde entfernt in einer wunderschönen 2 Zimmerwohnung aufgeschlagen, wo die Verhältnisse ähnlich sind wie bei der ersten. Da haben wir gleich heute morgen unsere wenigen Sachen aufgeladen und sind damit den Weg gefahren, den wir bei vielen Fahrten schon genommen haben, diesmal so ganz anders. Es wird uns allen recht schwer werden
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unserem lieben Köln nun für absehbare Zeit lebewohl sagen zu müssen, aber wir wollen dankbar sein, daß wir diese Möglichkeit gefunden haben. Von der Anhöhe aus, auf der unser neues kleines Heim liegt, hat man einen weiten Blick auf Köln. Es ist nicht mehr die Stadt der Türme wie ehedem. Die wenigen, die noch emporragen, sind wund, das Feuer hat ihnen die Kronen und Helme geraubt. Nur der Dom zeigt aus der Ferne das altvertraute Bild. So traurig die Beschädigung des nördlichen Querschiffes ist – wir können froh sein daß sie im Vergleich zu den übrigen Verwüstungen nicht ein größeres Maß angenommen hat. Unversehrt ragen die Türme wie Schwurfinger in den Himmel, solange sie noch stehen bleibt Köln, selbst wenn es ob all der Trümmer den Menschen keine Wohnstatt mehr zu bieten vermag; es bleibt unsere Heimat solange der Dom noch Heimstatt Gottes ist.
Du, mein lieber August, nun habe ich dir wieder manches erzählt aber zu dem letzten und eigentlichen was ich Dir sagen möchte bin ich wieder nicht gekommen. Aber ich wage mich wirklich nicht daran ehe ich wieder ganz zur Ruhe gekommen bin. Die Dinge, die uns beide zutiefst angehen sind mir zu wertvoll, um so „zwischendurch“ mit abgetan zu werden, und darum schreibe ich mir mir erst einmal alles andere von der Seele; wenn ich es Dir gesagt habe werde ich sicher bald für die anderen Dinge innerlich
wieder ganz frei und ruhig werden. Drum sei nicht enttäuscht wenn Dir dieser Brief so wenig von dem sagt, was Du von mir hören möchtest und worauf Du vielleicht gewartet hast. Es ist eben so, daß mich alles Geschehen, das Große und auch das scheinbar Bedeutungslose in einem stärkeren Maße einfordert als die meisten Menschen und so habe ich manchmal Zeit nötig um alles recht zu verarbeiten. Ich bin oft versucht die Menschen zu beneiden, die alles Geschehen wie vom Zuschauerraum aus betrachten, an sich vorübergehenlassen und nachher mit der Bemerkung ob es gefallen hat oder nicht den Schlußstrich darunter ziehen. Ja, solch ein Leben ist einfacher aber es ist arm, denn es bleibt ja an der Oberfläche.
Du mein Liebster, ich freue mich auf den Sonntag. Wenn die Sonne es noch so gut meint wie heute möchte ich mich irgendwo allein in eine Wiese legen, träumend in die ziehenden Wolken schauen und schlafen, schlafen, denn das habe ich seit dem Angriff noch nicht wieder so recht gekonnt. Mach auch Du Dir den Sonntag so schön wie möglich. Wenn unsere Gedanken dann hinüber und herüber gehen, wollen wir recht froh miteinander sein.
Du, sei mir von Herzen gegrüßt
Deine Marga.