Marga Ortmann an August Broil, 17. Juli 1943

54. Am Samstag, den 17. Juli 43.

Mein lieber August!

Der Herrgott meint es doch recht gut mit uns, daß er uns eine so feine Lösung unserer Wohnfrage finden ließ. Die Eltern fühlen sich in dem kleinen Reich recht wohl und ich habe zum ersten Mal seit dem Angriff wieder geschlafen. Wie schön war um 6 h der Gang durch den taufrischen Morgen; der Nebel stieg aus den Wiesen, die Rosenstöcke trugen schwer an ihrer duftenden Last und über allem lag eine Stille und ein Friede, der mich befreiend aufatmen ließ. Die Menschen draußen wissen ja garnicht was ihnen geschenkt ist. Du, und ich mußte denken, ob es uns einmal vergönnt sein wird in solchem Frieden zu leben! In der Zeit rastlosen Tätigseins hätte ich wohl nie geglaubt, daß mein Sehnen darauf ging: Ruhe, Stille, Alleinsein – mit Dir.

Gestern kam Dein Brief vom 6.7. in Bayental an. 10 Tage hat er für die Reise nötig gehabt. Die Zeit lehrt uns geduldig und ergeben zu sein – auch darin.

Wie Du Dich aus der Ferne sorgst um die Lieben daheim; gerade bei solchen Geschehnissen empfindet man die räumliche Trennung um so schmerzlicher. Aber Du darfst Dir auch nicht allzu viel Gedanken machen; in mir ist nun eine so große, vertrauende Sicherheit, daß der Herr endlich alles

zum Guten führen wird und so dürfen Dich die Dinge auch nicht mehr belasten, als ihnen zusteht. Ich weiß ja daß bei Dir die Gefahr besteht, daß Du alles schwerer nimmst als es tatsächlich ist. Darum habe ich mir schon Vorwürfe gemacht, daß ich Dir in meinem ersten Brief alles so unmittelbar aus dem Erleben heraus geschrieben habe. Es hat mir so gut getan, daß Du so innigen Anteil nimmst an dem was mich und die Meinen betroffen hat. Wir dürfen darin sicher eine Bestätigung der stetig wachsenden Tiefe unserer Gemeinsamkeit sehen. –

Du, Liebster, heute ist schon Dienstag und ich kann nun den Brief nicht so weiterschreiben wie ich ihn begonnen habe, denn die große Freude des Zusammenseins liegt dazwischen. Als Du am Sonntagmorgen vor der Kirchtüre standst habe ich zum ersten Mal erfahren, daß Freude weh tun kann. Die Freude Dich zu sehen, Deine Nähe zu spüren, mein Ahnen erfüllt zu sehen, durchfuhr mich wie ein Schmerz und ich hätte mich im ersten Augenblick am liebsten vor Dir verborgen. Als wir dann aber eine Weile nebeneinander knieten, rückte alles schmerzvolle weit von mir ab und meine Seele tat sich weit auf das Glück, das mir geschenkt wurde. August, mein lieber August, ja der ganze Tag war wieder ein einzig großes Geschenk der Freude, und ich glaube wir haben beide das tiefe Glück unserer Gemeinsamkeit noch nie so verkosten dürfen wie in diesen Stunden.

Darin konnten wir wieder die Güte und Liebe Gottes erfahren: Nach all den ungeheuren Erlebnissen der letzten Wochen – erst Dein Wort über Deinen Weg bis zu unserer Begegnung und dann die Geschehnisse des Krieges mit ihren Auswirkungen auf unser persönliches Leben – gewährt Er uns einen solchen Tag, der angefüllt ist mit feinem, glückhaften Erleben und uns alles Schwere, Lastende und Dunkle nicht uns vergessen, sondern wirklich überwinden läßt. Die Schale mit dem Schweren und Leidvollen schien bis zum Rande gefüllt tiefer herabgezogen denn je, doch nun ward auch die Schale der Freude gefüllt, sie hält der anderen die Waage und der Zeiger pendelt wieder, gleichmäßig nach rechts und links ausschlagend.

Du, es war eine gute Fahrt durch den abendlichen Wald, nachdem ich von Dir Abschied genommen hatte. Bald ging die Sonne als großer Feuerball unter, doch die Spuren ihrer Bahn standen lange noch am nächtlichen Himmel. So wird auch das Erleben dieses Tages lange noch in unseren Herzen eingezeichnet sein.

Ich glaube es ist gut daß uns solch feines Erleben jetzt nur so selten möglich ist. Ich weiß nicht ob Du es spürst mit welcher Wucht dieses Neue, Ungeahnte auf mich einwirkt; sodaß ich Zeit nötig habe um von Mal zu Mal tiefer da hineinzuwachsen, seelisch und körperlich. So wird jedes Zusammensein ein neuer Höhepunkt in unserem Zueinander und es wird sich vielleicht noch weiter so steigern, wie seit der

Aachener Zeit, bis wir die Hohe Zeit erreicht haben und Hoch-Zeit halten dürfen. Du, ich kann mir noch garnicht vorstellen, daß dann einmal dieses Kommen und Gehen, Empfangen und wieder Abschied-Nehmen aufhören wird und wir dann immer beieinander sein dürfen, viele viele Tage und Jahre. Weißt Du, daß mir der Gedanke daran vor unserer Verlobung manchmal noch recht schwer wurde? Jetzt aber spüre ich wie alles in mir stärker danach verlangt endgültig mit Dir vereinigt zu sein. Mögen die augenblicklichen Zustände noch so ungünstig für uns sein, wir wissen daß der Herr uns die Stunde bereiten wird, die Er für uns vorgesehen hat. Mag sie nun nahe oder fern sein, wir sollen uns dafür bereiten, mit Seele und Körper und ich will mich bemühen vor dieser Zielsetzung alles andere hintenan zu stellen.

Mein lieber August, ich habe noch lange darüber nachgedacht was wir über die Liebesfähigkeit miteinander besprochen haben. Ich kann mich mit Deiner Deutung noch nicht ganz vertraut machen, wenn ich ihr auch eine größere Berechtigung zusprechen muß als der meinen, weil bei Dir schließlich Erfahrung dahinter steht während ich es mir instinktiv so erdacht habe. Als ich Deine beiden letzten Briefe nochmal las, in denen Du darüber schreibst, kam mir erst zum Bewußtsein daß ich Dir vielleicht mit meiner Deutung weh getan haben könnte. Wenn auch alles Vergebene unwiederholbar ist, ich habe nie an der Liebeskraft in Dir gezweifelt. Liebster, ich glaube ebenso fest daran wie Du;

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habe ich sie doch jedesmal wenn wir beieinander waren mehr und mehr spüren und erfahren können. Wie hättest Du auch das Feuer in meinem Herzen zu solcher Glut entfachen können wenn nicht der Funke, den Du hineingesenkt hast, die Kraft dazu in sich trug! Du meinst zwar daß diese Kraft in Dir anders offenbar würde als Menschenerfahrung- und wünsche sie für gewöhnlich verstehen wollen. Was Erfahrung angeht, so weist Du daß ich davon nicht sprechen kann; daß ich mir es aber nie anders zu erfahren wünsche als ich es mit Dir erlebte und erlebe, das will ich Dir heute sagen.

Wie fein hast Du mir davon geschrieben, wie das erste Aufblühen der Liebe in Dir geschah. Es ist doch etwas Großes und Schönes, daß wir nun die innersten Regungen unseres Herzens so einander mitteilen können. Was mir erst noch viel gekostet hat, ist mir nun eine Notwendigkeit, ein inneres Bedürfen und ich spüre wie sich die anfängliche Scheu immer mehr verliert nicht nur im Brief, sondern auch dann wenn wir uns Aug in Aug gegenüberstehen. Du nennst die Sprache, mit der ich Dir auf Deinen langen Brief geantwortet habe, klar und bestimmt und meinst ich hätte sie schon eher anwenden müssen. Ich war manchmal versucht es zu tun, weil mich die Ungewißheit bedrückte; aber ich wollte nicht daß Du mir das sagtest, was zu sagen war, weil Du Dich dazu verpflichtet fühltest, weil Du glaubtest mir letzte Wahrheit „schuldig“ zu sein. Ich wollte warten bis Du es aus innerer Freiheit heraus zu

sagen vermochtest, weil Du es selbst als Notwendigkeit erkannt hattest; nicht nur mit dem Verstand, sondern weil die Kraft des Herzens dazu trieb. Nun ist es geschehen und damit ist die letzte Schranke gefallen, die sich immer noch zwischen uns erhob. Ich weiß nicht wer froher darum ist, Du oder ich; aber die große Bedeutung der Offenheit zueinander ist mir und gewiß auch Dir am Sonntag so recht bewußt geworden: alles was Pfingsten noch hemmend auf uns lag war nun gewichen. Ich meine Dich noch nie so glücklich gesehen zu haben wir am Sonntag. Oder hast Du Dich nur besonders bemüht froh zu sein, um mir Freude zu machen? Nein, ich glaube daß Dir diesmal unser Zugetansein Anlaß innerer Freude war. (Es dürfte Dir jetzt schwer fallen mich zu „betrügen“, ich würde es Dir doch anmerken!) Ich habe so recht gespürt, daß wir seit Pfingsten wieder einen entscheidenden Schritt weitergekommen sind und weil ich empfand, daß Du das Glück dieses Tages mit hinausnahmst in das Soldatenleben, fiel mir diesmal das Abschiednehmen nicht so schwer wie letztens. Wir können ja garnicht dankbar genug sein, daß uns in all dem Elend und Leid unserer Tage noch so viel Glück und Freude geschenkt wird und daß wir, trotzdem all das Furchtbare nicht spurlos an uns vorübergeht, doch noch fähig sind diese Freude in uns aufzunehmen.

Du, mein lieber August, früher war ich immer bemüht alle

Gefühle, die mich irgendwie bewegten, sei es Freude oder Schmerz soviel wie möglich zu verbergen. Vielleicht aus einer gewissen Scheu heraus, und aus Stolz andere in das Innere schauen zu lassen. So ist es auch jetzt noch selbst den nächsten Angehörigen der Familie gegenüber. Nur in der Beziehung zu Dir ist das so anders. Die Liebe hat alles Übersteigerte und Verkrampfte in mir gelöst und es ist mir jetzt schon zur Selbstverständlichkeit geworden, daß ich dem, was mich innerlich erfüllt auch nach außen Ausdruck gebe, auch im Körperlichen. Ich habe dadurch erst zu einer rechten Natürlichkeit gefunden, die früher durch ein übertriebenes Beherrschtsein nicht aufkommen konnte. Es war aber vielleicht gut so und es wird mir jetzt dadurch umso leichter die notwendigen Grenzen zu wahren. Es fällt mir ein, daß Du in einem Deiner letzten Briefe davon sprachst, daß oft eine ganze Zeit hindurch eine Freude und Ruhe in Dir ist, die nur manchmal durch eine verborgene Gewalt gestört wird, die Dich aus der Bahn reißen will. Dann hast Du danach gefragt, ob auch ich so etwas schon verspürt hätte. Ich muß Dir sagen, daß der Herrgott es mir bisher sehr leicht gemacht hat und kaum eine Bewährung von mir forderte. Daher war es für mich ein Leichtes die Haltung zu bewahren, um die andere schwer kämpfen und Ringen müssen. Was andere sich verdienstvoll erarbeiten ist mir als Verpflichtung gegeben und es ist sicher nicht von ungefähr, daß wir beide so wie wir sind

zusammenkamen, auch in diesem Punkt. Wenn Du glaubst, daß der Kampf nie enden wird, so weist Du jetzt daß ich ihn mit Dir führe und wenn wir uns beide recht bemühen, wird es uns sicher vergönnt sein unser gemeinsames Leben in gottgewollter Ordnung zu führen. Wenn die Triebe gegen diese Ordnung aufbegehren, dann ist es nötig daß wir ihnen Gewalt antun. Der Wille des Menschen, vom Geiste geprägt, muß alles andere beherrschen. Es ist mir immer eine Freude wenn ich Menschen begegne, bei denen man die Herrschaft des Geistes so recht spüren kann. Das macht sich in den scheinbar geringfügigsten Dingen schon bemerkbar: in der Art des Redens und der Gebärden, in der Art wie sie Maß halten im Essen, Trinken, Rauchen, Schlafen. Es ist sicher gut, wenn man sich selbst da beobachtet in wie weit man sich in der Gewalt hat. Ich muß sagen daß mir das Beherrschtsein im Essen und Schlafen heute schwerer fällt als früher. Die Männer haben ja wohl im Rauchen die beste Gelegenheit die Herrschaft des Willens über die Sinne zu bewähren; aber auch da gilt es: nicht der „Nichtraucher“ hat das größte Verdienst, sondern der es gerne tut und dennoch lassen kann.

Mein lieber August, wo bin ich wieder mit meinen Gedanken hingeraten, ich komme manchmal so recht „vom hundertsten ins tausendste“ wie man sagt. Wenn ich einmal mit Schreiben begonnen habe stürmen die Gedanken mit aller Wucht auf mich ein, und manches Problem taucht auf, das wir gemeinsam lösen müßten. Wenn wir aber zusammen sind –

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das habe ich am Sonntag wieder so recht gespürt – dann sind alle Probleme vergessen im Glück des Beieinanderseins. Es ist sicher gut so und ich meine wir hätten die Stunden am Sonntag garnicht feiner und besser nutzen können, als wir es getan haben. Du, Liebster, ich danke Dir daß Du gekommen bist. Durch das feine Erleben dieses gemeinsamen Tages ist all das Schwere und Lastende der vorigen Wochen ein gutes Stück von mir abgerückt. Ob es wohl möglich sein wird, daß wir uns bald in Bremen wiedersehen werden? Du lächelst sicher darüber und denkst: eine Freude ist noch nicht ganz verarbeitet, da hält sie schon Ausschau auf die nächste. Ja, so ist es, wir suchen von einer Freude in die andere zu leben und wenn es wirkliche Freuden sind, vermögen sie auch die Lücken auszufüllen und selbst die dunkelsten Tage hell zu machen.

Nun, mein lieber August, habe ich Dir in diesem Brief wieder so manches aus den Winkeln meines Herzens hervorgeholt. Das sind mir jetzt die liebsten Stunden und ich muß jetzt mit Gewalt Schluß machen, sonst vernachlässige ich alles andere darüber. Ich grüße Dich so froh und denke an Dich

Deine Marga.