Marga Ortmann an August Broil, 30. Juli 1943

56. Freitag, den 30. Juli 1943.

Mein lieber August!

Als ich eben von Bayental zum Büro ging, hörte ich ganz von Ferne Glockengeläut. Drei Uhr, Sterbestunde des Herrn. Wie ein großer Frost drangen die Töne in meine Seele, während das Auge nur Bilder der Zerstörung wahrnahm. Alles was uns tagsüber begegnet trägt Spuren von Not und Leid. Eine gequälte alte Mutter spricht mich auf der Straße an, um endlich einmal über ihr Leid sprechen zu können. Wie eine Flut überschüttet sie mich mit dem, was sie bedrückt: der Tod all ihrer Lieben – 2 Söhne an der Front, Mann, Töchter und Enkel daheim – dazu der Verlust all ihrer Habe. Da sie niemand mehr hat kommt sie eben zu einem fremden Menschen und schon das Anhören in Geduld und ein teilnehmendes Wort tun ihr wohl. Die Not hat die Menschen einander nähergebracht, in der Straßenbahn, beim Warten an den Ämtern, überall teilen sie ihre Sorgen und Nöten einander mit. Das Leid, was sich da vor einem auftut, ist oft erschreckend groß. Doch was ist alle Not und das Elend, das heute über die Menschen gekommen ist, gegenüber dem Geschehen, an das das Geläute der Kirchenglocke mich eben gemahnte, das Leiden und der Tod des Gottessohnes? Alles was heute den Menschen zugefügt wird, verblaßt vor dem Unrecht, das mit diesem Geschehen

Gott angetan wird. Wenn der Anblick der Not der Menschen um uns unser tiefstes Mitleid wachruft, sodaß wir all ihre Last auf die eigenen Schultern legen möchten, wieviel mehr müßte das Gedenken an das Leid des Herrn aus uns herausholen. Er, der die größte Liebe von allen hatte, hat auch das Übermaß des Leidens getragen. Ist es überhaupt so, daß die Liebesfähigkeit des Menschen die Leidensfähigkeit bestimmt, daß das Maß der einen in der anderen gegeben ist? Wir sind versucht das Leid zu sehr nur als Züchtigung und Strafe anzusehen. Das kommt auch in einer Stelle der Komplet zum Ausdruck: Nur sollst Du es schauen mit Deinen Augen und sehen wie den Frevlern vergolten wird. Dieses Wort kann ich nie aus ganzer Überzeugung mitsingen. Mir leuchtet heute die Wahrheit des Sprichwortes viel eher ein: Wen Gott liebt, den züchtigt er. Und daß das Leid geschickt wird, damit die Herrlichkeit Gottes daran offenbar werde, wie es in der Schrift heißt.

Mein lieber August, heute ist schon Freitag, die Woche neigt sich dem Ende zu ohne daß ich Dir seit Sonntag wieder schreiben konnte. Jeder Tag bringt so viel neues Erleben, Fragen und Gedanken, die ich im Brief zu Dir bringen möchte, doch der Tag gibt kaum eine Stunde dafür frei und am Abend wird mit vereinten Kräften aus Altem Neues gemacht. Ich bin manchmal noch recht ungeschickt beim Nähen, aber ich habe ja Gelegenheit bei Mutter

- 2 -

das zu lernen was ich noch nicht kann. Am liebsten nehme ich mir abends die Arbeit mit in meine Wohnung, wo ich jetzt ganz allein bin und über dem Nähen so fein denken und träumen kann. Die „drahtlose Telegraphie“ vermag dann manches zu ersetzen. Der abendliche Gang von der Wohnung der Eltern bis zu unserer ist mir nach dem Tag in den Trümmern, der sich oft wie ein Alp auf die Seele legt, täglich neu ein wohltuendes Geschenk. Der Körper hat noch die Hitze des Tages eingefangen, da tut der kühle Windhauch so gut und nimmt die Ermüdung hinweg. In den Häusern ist es still geworden, kein Laut dringt nach außen. Ob die Menschen, die hier noch ihr Heim besitzen, seinen rechten Wert jetzt zu schätzen wissen, da Tausende es verloren haben? Die Gärten blühen in sommerlicher Pracht. Noch prächtiger ist das üppige Blühen in den Wiesen; ich schreite langsam hindurch und es ist mir eine Wonne wenn die feuchten Halme an mir vorbeistreichen. Der Blick geht über ein wogendes Kornfeld hinweg in die Ferne, wo der letzte Glanz der sinkenden Sonne die sanften Hügel des Bergischen Landes aufleuchten läßt. Langsam aber stetig senkt sich die Nacht auf die ruhende Welt. Gespenstiglich heben sich die Umrisse der hohen Baumkronen vom nächtlichen Himmel ab. Die ersten Sterne blinken auf und bald gelingt es mir das eine oder andere Sternbild zu erkennen.

Der gleiche Sternenhimmel wölbt sich nun über der Stadt, wo Du jetzt bist, Liebster. Aber während ich noch zu ihm aufschaue wirst Du schon längst schlafen. Ob dann noch der frohe Zug unseres feinen Sommersonntages auf Deinem Gesicht liegt? Ich wünschte es von Herzen. Wie ich da so sinnend stehe und den nächtlichen Sternenhimmel betrachte, kommt die Erinnerung an jenen Winterabend, als wir von Altenberg kommend gemeinsam zu den Sternen aufgeschaut haben und Du mir die Sternbilder erklärt hast. Du standest ganz dicht hinter mir und als Dein Kinn leise meinen Scheitel berührte, wußte ich nicht recht ob ich deinem Nahesein wehren oder mich darüber freuen sollte. Was damals noch fragend und dunkel war, liegt heute klar und offen vor uns. Wie fein und gut ist seitdem unsere Gemeinsamkeit gewachsen. Wenn uns heute wieder solch gemeinsame Abendstunde geschenkt würde wäre das Erleben größer und tiefer als damals, seelisch und körperlich. Wir können garnicht dankbar genug sein, daß alles so gekommen ist.

Gestern kam mir Dein Brief v. 20.7. Ich bin damit draußen auf die Wiese gegangen, habe mich unter einen Pflaumenbaum gesetzt und gelesen. Du weißt ja garnicht was mir Deine Briefe bedeuten, besonders jetzt, nachdem Du in dem einen Brief Deine letzten Tiefen offengelegt hast. Vorher kam es mir manchmal vor, als ob Du jene

- 3 -

Tiefen, wenn sie aufbrechen wollten, gewaltsam zurückgedrängt habest. Doch jetzt spüre ich immer mehr, daß es Dir wirklich darum geht das Letzte zu sagen; daß Du mich ebenso an Deinem innersten Erleben teilnehmen lassen willst, wie ich Dich an dem Meinigen.

Den Versen über das pfingstliche Erleben hatte ich, nachdem sie an Dich abgegangen, eine Strophe 17 zugefügt:

Mög ferner dieses Lachen mir noch künden,
daß alles Schwere sich gelöst von Dir,
daß gleiche Freude, gleiches Glück wir finden
im Beieinandersein von Dir und mir. –

Daß wir zu dieser Gleichheit des Denkens und Fühlens an jenem feinen Sommersonntag ein gutes Stück weitergekommen sind, hat mir Dein Brief bestätigt. Meine Freude ist ja erst dann vollständig, wenn sie uns beide erfüllt, und das habe ich an jedem unvergeßlichen Tag zum ersten Mal spüren dürfen. Deine zuversichtlichen Worte in Bezug auf unseren gemeinsamen Weg haben mir recht gut getan und entsprechen ganz meiner Einstellung zu den Dingen. Du meinst wir sollten nun nicht mehr lange zögern, nach den äußeren Möglichkeiten und inneren Gegebenheiten fragen, von denen wir ja immer abhängig sind.

Mein lieber August, Du weißt daß es auch mich dazu drängt die endgültige Lebensgemeinschaft mit Dir bald zu beginnnen,

doch müssen wir heute nicht nur dem Verlangen des Herzens folgen, sondern auch die Vernunft ernsthaft zu Rate ziehen. Wir wollen einmal ganz offen miteinander davon sprechen und überlegen – mündlich ginge das allerdings viel besser und leichter.

Sieh‘ wir haben unsern gemeinsamen Weg als den für uns einzig möglichen und gottgewollten erkannt und all unser Streben geht dahin, dieses unser gemeinsames Ziel mit Gottes Hilfe zu erreichen. Wir sind beide gewillt, wenn wir vor dem Altar des Herrn den unlösbaren Bund geschlossen haben, zu dem wir uns Pfingsten das Wort gaben, unser gemeinsamen Leben so zu gestalten, wie es im Plane des Schöpfers zur Erfüllung des vollen Menschenlebens eingesetzt ist. Wir sind uns der ungeheuren Tragweite eines solchen Lebens bewußt, das ja dann nicht mehr nur unser beider Leben umschließt, sondern auch das Leben derer, denen der Schöpfer durch unser Werk Leben schenken will.

Die ungeheuren Erschütterungen der Zeit und des Krieges haben in diesen Tagen ein Maß erreicht wie nie zuvor. Ihre Auswirkungen hat jeder von uns zu tragen, seelisch und körperlich. Müssen wir da nicht die Frage allen Ernstes erwägen, ob wir es verantworten können, gegenüber dem Schöpfer, uns selbst und dem nachkommenden Geschlecht, gerade in dieser Stunde die so schwerwiegende Entscheidung zu treffen?

- 4 -

Wie die Dinge heute liegen, ist wohl anzunehmen daß das, was wir bisher erleben mußten, der Eingriff des Krieges bis in unsere letzte Existenz, vielleicht nur der Anfang war von dem, was uns noch bevorsteht. So furchtbar die ganze Entwicklung dahin ist, so entscheidend sie sich für uns persönlich auswirkt, ich meine die elfte Stunde ist sicher schon vorüber. Mag die zwölfte sie auch an Grausamkeit übertreffen, auch sie dauert nicht länger als das Maß der sechzig Minuten, das ihr gesetzt ist. Sieh‘ und ich glaube, daß wir diese Spanne noch abzuwarten haben. Dann aber in der Frühe der ersten Stunde des neuen Tages wollen wir unser Neues beginnen, mit der Dämmerung gegen das Dunkel der Nacht ankämpfend, nicht abwartend bis endlich der strahlende Morgen angebrochen ist.

Du, mein August, wir wollen den Herrn bitten, daß Er uns in all dem äußeren Geschehen und inneren Erleben den rechten Sinn für uns und unser Leben erkennen läßt. Nach dieser Erkenntnis wollen wir dann handeln, ganz im Vertrauen auf die gütige und weise Führung Gottes. Sie ist mehr als alle ängstliche Vorsicht der Menschen und wenn wir unser Tun nach ihr ausrichten, dann dürfte selbst die schwerste Entscheidung kein Wagnis mehr sein. Liebster, wenn wir mutig und froh dem Ende der zwölften Stunde entgegenharren, und mögen uns die sechzig Minuten noch so lange vorkommen, dann ist diese Zeit des

Wartens keineswegs eine „verlorene Zeit“ für uns. Ich habe bisher an mir erfahren dürfen, wie harmonisch eins nach dem anderen gewachsen ist, immer zur rechten Zeit aufbrechend. So wird es auch mit der letzten Spanne vor unserer endgültigen Vereinigung sein: der Herr wird sie uns so geben, wie wir sie nötig haben und uns sicher zur rechten Stunde die Möglichkeit zum endgültigen Einswerden nicht versagen.

Mein lieber August, wenn mich die äußeren Schwierigkeiten auch manchmal bedrücken, - ich komme ja täglich viel unmittelbarer damit in Berührung als Du – so sehe ich doch mit einer großen, freudigen Zuversicht und mit sehnendem Herzen der Stunde entgegen.

Du Liebster, jetzt ist es über dem Brief schon Samstagabend geworden. Als ich eben nach der Komplet nach Hause kam fand ich Deinen lb. langen Brief vor. Am liebsten möchte ich Dir gleich darauf antworten, aber es ist bereits 12 h und morgen früh soll dieser Brief gleich zur Post, damit Du nicht noch länger zu warten brauchst.

Nimm all meine Liebe und guten Wünsche hin – ich weiß ja garnicht wie ich es Dir immer sagen soll.

Der morgige Sonntag wird uns trotz aller Ferne wieder in Gemeinschaft finden. Ich bin ja so froh

Deine Marga.