Marga Ortmann an August Broil, 5. August 1943

57. Köln, den 5. August 43.

Du, mein lieber August,

Meine Gedanken waren voll Freude noch ganz bei Deinem Brief v. 25.7., den ich Samstag erhielt, da durfte ich mir gestern Deinen Brief v. 11.7. abholen, den Du zu meinem Namenstag geschrieben hast. Er hat mir den gestrigen Tag so recht zu einem Festtag gemacht und ich habe ihn auch als solchen begangen. Liebster, wie gut hast Du mein Rufen verstanden und wie fein hast Du darauf zu antworten gewußt. Durch das Erleben der Not ist es mir zum ersten Mal klar geworden, daß ich nun nicht mehr mit all dem allein stehen kann und darf. Früher war ich bemüht mit allem allein fertig zu werden – vielleicht war ich zu stolz bei einem anderen Menschen hilfe zu suchen. Nun nach der schweren Prüfung unserer Familie tat es not daß ich stark blieb, ein frohes, ermunterndes Wort sagen konnte wenn das Zagen nahe war. Oft habe ich mir sagen müssen: nur jetzt nicht schwach werden. Und doch habe ich innerlich danach verlangt – es waren nur Augenblicke, aber die schwersten – von der ungeheuren Anspannung des Willens frei zu werden, selbst einmal ganz klein und hilflos sein zu dürfen und bei Dir Hilfe zu suchen und ausruhen zu können. Als Du

dann bei mir warst, hat sich das alles mit einem Mal gelöst und in reiner stiller Freude wurde mir ein Ausruhen geschenkt, wie es schöner und besser garnicht sein konnte. Ist das wohl die recht Entwicklung der Liebe, wenn sie wahr und echt ist, daß sie zunächst den anderen empfängt um seiner selbst willen, daß sie zunächst nur die Hingabe des eigenen an ihn sucht, bis schließlich aus der gegenseitigen Hingabe ein fortwährendes Geben und Empfangen erwächst, wovon man bald nicht mehr weiß was davon das Beglückendere ist? In Aachen hast Du Dir einmal Gedanken darüber gemacht, ob das Maß des Gebens und Nehmens bei uns recht verteilt sei. Inzwischen hast Du erfahren, daß diese Bedenken keine Berechtigung haben; denn Du siehst in der Hingabe meiner ganzen Liebe eine Forderung an Dich, und jeder Brief, jedes Zeichen, das von Dir kommt, sagt mir, daß Du dieser Forderung voll und ganz gerecht wirst. Alles was Du darin zu mir sagst, geht mir nach durch viele Stunden meiner Tage und Nächte, bis ich es ganz fest und tief in mir trage. Mein Liebster, es fällt mir so schwer Dir nur so selten schreiben zu können; es lastet augenblicklich zu viel auf mir, daß ich garnicht zur Ruhe kommen kann. Es ist schwer, wenn täglich viele hilfesuchende Menschen zu mir kommen, die ihr Heim verloren haben und ich kann so selten helfen.

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Größer noch ist die Sorge für die eigene Familie. Leider hat uns die junge Frau, in deren Wohnung die Eltern untergebracht sind, ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, daß unser Aufenthalt kein Dauerzustand sein kann. Wir haben trotzdem die Möglichkeit in Berg. Gladbach zu bleiben, wenn die Eltern in unsere Wohnung ziehen und ich bei Therese unterkomme. Ich hatte nun Gelegenheit in dem Block an der Aachenerstr. eine Wohnung zu mieten und habe das, trotzdem die Eltern zuerst nicht so recht dafür waren, kurzerhand getan. Nun haben wir wenigstens die Aussicht neue Möbel zu bekommen und das ist doch wichtig, wenn wir auch die Wohnung in absehbarer Zeit noch nicht beziehen.

Für uns beide besteht in der Möbelbeschaffung nun auch eine günstige Aussicht; der Besitzer von Möbel Zimtal hat sich um ein Lokal in unseren Häusern bemüht und mir Küche und Schlafzimmer zugesichert, wenn ich ihm dazu verhelfen würde. Um mir den Vorwurf einer Bestechung zu ersparen habe ich ihm mit H. Fielch verhandeln lassen und da sie auch ohne mein Zutun übereingekommen sind, kann ich wohl das Anerbieten annehmen, wenn die Gelegenheit da ist. Das wäre ja auch ein kleiner Schritt unserem gemeinsamen Ziel entgegen.

Wo ich Dir jetzt so selten schreiben kann, konzentriert sich das Erleben unserer Gemeinsamkeit in meinen Gedanken. Die Zeit der Bahnfahrt morgens und abends und die vielen Wege, die ich zu machen habe, geben mir dazu Gelegenheit. Wie lieb sind mir diese Stunden des geistigen Alleinseins mit Dr. Dann werden die Gedankengänge Deiner Briefe und das Erleben unserer gemeinsamen Stunden immer wieder neu in mir lebendig. Weißt Du wie sehr ich mich dann danach sehne, Dir wirklich nahe sein zu können, geistig und leiblich? Ich möchte es Dich immer spüren lassen, wie stark dieses Sehnen in mir ist, doch in Worten kann ich das so schlecht. Aber wie Du an unserem schönen Sommersonntag die innersten Regungen meines Herzens erfahren hast, so wirst Du es auch jetzt aus dem noch so ungelenken Wort vermögen.

Was Du mir über unser Beisammensein an jenem Sonntag geschrieben hast, entspricht ganz meinem Erleben, wenn ich mir dessen am Tage selbst auch noch nicht so bewußt war wie heute. Solche Stunden stillen, feinen Beieinanderseins sind für unsere Gemeinsamkeit ebenso unerläßlich wie der Austausch der Gedanken von Mund zu Mund. Beidem werden wir mit der Zeit immer mehr entgegenreifen und so werden wir uns mit immer größerer Offenheit und Freiheit begegnen. Es ist mir jedesmal eine große Freude, wenn ich in Deinen Briefen eine Ähnlichkeit mit

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meinen Empfindungen und Gedanken feststellen kann. Mir ist das in unseren letzten Briefen ganz besonders aufgefallen. Ist es nicht ein Zeichen dafür, daß die Verschiedenheit unseres Seins mehr und mehr zur Einheit wird, trotzdem keiner seiner persönlichen Veranlagung untreu wird. Ich weiß nun, daß die Gefahr jetzt endgültig überwunden ist, die ich im Anfang unserer Gemeinsamkeit gesehen und von der ich Dir auch damals geschrieben habe: der Verlust der Selbständigkeit im Denken und Urteilen. Es ist vielmehr so, - das spüre ich jetzt immer mehr – daß durch meine Liebe zu Dir das Letzte und Tiefste meines Ich erst wach gerufen wird. Ich bin nirgens so ganz Ich-Selbst als in der Gemeinschaft mit Dir; denn alle Schranken der Verschlossenheit, die in jeder Begegnung mit anderen Menschen unüberbrückbar sind – selbst in der eigenen Familie kann ich die Scheu vor dem Offenbaren des Inneren nicht überwinden – sind Dir gegenüber gefallen. Du, es ist doch ein beglückendes Erleben, daß wir die Tiefen so einander öffnen durften und wir hoffen und wollen darum beten, daß wir es in unserem gemeinsamen Leben immer mit der gleichen Ehrlichkeit und vertrauensvollen Offenheit vermögen wie jetzt.

Nun sind wir in unserem Gespräch über die Liebesfähigkeit doch, trotz der anfänglichen Verschiedenheit der Ansichten, zu einer befriedigenden, wenn auch nicht endgültigen Lösung gekommen.

Es wäre sicher nicht so aufschlußreich geworden, wenn ich von vorneherein meine Ansicht der Deinen angeglichen hätte. Je mehr wir jeder sein ganzes Sein in seiner Einmaligkeit in unsere Gemeinsamkeit hineingeben, umso größer wird die Bereicherung sein, die wir beide in ihr erfahren.

Mein lieber August, der gestrige Tag, der mir durch die Freude über Deinen guten Brief wie ein Fest war, hat einen so feinen Abschluß gefunden. Ich war schon um 9 h bei den Eltern aufgebrochen und hatte, da Frau Höller jetzt fort ist, zum ersten Mal einen Abend ganz für mich allein. Auf dem Tisch lag ein Brief von Dir. Ich hielt ihn erst lange sinnend in der Hand, ehe ich ihn öffnete. Der warme, stille Glanz der großen Wachskerze fiel auf die Blätter, auf denen mir Deine Hand Deine Gedanken über Vorsehung und Leid aufgezeichnet hatte. Ich habe Deine Worte leise vor mich hingesprochen, so gingen sie ganz tief in mich ein und ließen mich spüren wie sehr Deine ganze Seele dahintersteht. Lange habe ich über Deine Worte nachgedacht, mit denen Du mir so viel geschenkt hast. Ich danke Dir, mein Liebster. „All meine Gedanken, die ich hab die sind bei Dir…“ Das Lied war meine Antwort an Dich in dieser festlichen Stunde. Dann habe ich auch die Kerze vor dem Bild des Herrn angezündet und Deine Gedanken in dem betrachtenden Gebet über die Liebe Gottes (aus „Im Herrn“) fortgeführt. Doch auch das genügte

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dem übervollen Herzen noch nicht: erst in den Worten, die die eigene Tiefe geformt, konnte es das letzte vor den Herrn tragen. Du warst mir so ganz nahe in dieser Stunde. Als letztes habe ich noch leise das Claudiuslied gesungen und dann die Kerzen ausgelöscht. Der süße Geruch der Wachskerzen erfüllte den Raum, bis er von der Kühle der hereinströmenden Nachtluft verdrängt wurde. Du, ich kann Dir garnicht sagen wieviel Glück und innere Freude in mir war. Beim Einschlafen dachte ich noch, ob es uns wohl einmal vergönnt sein wird, solche Stunden gemeinsam zu gestalten? Wenn die geistige Verbundenheit, die uns jetzt die Trennung überwinden läßt, schon so beglücken kann, wieviel mehr wird sie uns bedeuten, wenn sie durch das Hinzukommen der leiblichen Verbundenheit noch gesteigert wird. Ich denke jetzt so oft daran und will alles daransetzen, um mich recht gut darauf vorzubereiten.

Ich wollte Dir noch erzählen, daß ich am Sonntag eine stille Weile auf dem Baumstamm gesessen haben, wo wir miteinander waren. Es war der gleiche Sommertag, doch jetzt mußten die Gedanken ersetzen, was da Wirklichkeit war. Deine Eltern haben den ganzen Tag bei uns zugebracht. Es war ein recht schönes Beisammensein und es war mir eine Freude, wie gut die Väter und Mütter miteinander auskommen.

Ich bin ja augenblicklich in beiden Familien einziges Kind, da werde ich von beiden Müttern ordentlich verwöhnt.

Noch eins wollte ich Dir sagen. In Gladbach sind einige Soldaten in Urlaub, die sogen. Rhein-Rur-Urlaub haben; dieser Urlaub würde auf Antrag allen in Köln oder dem Rurgebiet beheimateten Soldaten gewährt, die noch im Reich sind. Erkundige Dich doch mal danach.

Mein Liebster, für heute muß ich Schluß machen.

Ich grüße Dich von Herzen und bin in Gedanken immer mit Dir verbunden

Deine Marga.

Auch unsere Eltern lassen Dich herzlich grüßen.

Anbei 250 gr. Fl. Marken