Marga Ortmann an August Broil, 12. August 1943

59. Köln, den 12. August 1943.

Mein lieber August,

nach langer Zeit habe ich in diesen Tagen zum ersten Mal wieder ein Buch zur Hand genommen, um während der Straßenbahnfahrt darin zu lesen: Ruth Schaumann, Siebenfrauen. Ich fand es im Bücherschrank meiner Wirtin und da ich Ruth Schaumann bisher nur in ihren Gedichten kennengelernt habe, zog es mich an. Es wurde mir schwer, mich auf die Gedankengänge des Buches zu konzentrieren, zu machtvoll ist noch der Sturm der eigenen Gedanken, die in den letzten Wochen und Monaten mich ganz erfüllten und nichts anderes neben sich duldeten. Sie gingen auch über dem Lesen immer wieder mit mir durch, trotzdem Inhalt und Sprache der Dichterin schon zu fesseln vermögen.

Mir ist es beim Lesen häufig ergangen, daß mir ein einziger Satz mehr bedeutet hat als ein ganzes Buch, weil er gerade da ansetzte, wo die eigenen Gedanken nach Klärung suchten. So war es auch jetzt. Anstatt mich dem eigenen Denken und Erleben zu entfernen, hat mich ein Satz in der Novelle „Die Heiden“ erst recht in die Tiefen der persönlichen Fragen und Gedanken gebracht. Ich will ihn Dir hier wiedergeben, um dann mit

Dir über das Problem selbst sprechen zu können.

„…Es ist nur, daß ich dich gar so sehr liebe. – Sie sagte nicht: zu sehr, sie wußte nicht, daß es Grenzen gebe für Liebe auf dieser Welt, Grenzen, die dort erst aufgehoben sind, wo die kleinen Flammen in der einzigen Flamme vergehn.“

Weißt Du, daß es mir oft bange ist um diese Grenze, daß sie mich gerade in den letzten Tagen beunruhigt hat? Ich habe manchmal das Empfinden, daß ich diese Grenze nicht recht zu wahren weiß, daß ich der Liebe zu Dir zuviel Raum gebe in meinem Herzen; auch von dem Raum, der eigentlich nur Gott versteht. Muß die „kleine Flamme“ nicht auch jetzt schon eingetaucht sein in die „einzige Flamme“, in der sie einmal vergehen wird?

Ich habe Dir nach Aachen schon einmal geschrieben, daß es mir schwer wurde die Liebe zu Dir in die rechte Beziehung zur Gottesliebe zu bringen. Deine Antwort damals: In der Erfüllung des vollen Menschenlebens auch die letzte Erfüllung der Liebe zu Gott zu erwarten, war mir ein großer Trost. Nun aber ist das Problem brennender geworden, in dem gleichen Maße wie mein Herz sich Dir öffnete. Ich spüre, daß meine Beziehung zu Gott eine ganz andere geworden ist, seitdem ich mit Dir auf dem Wege gehe. Ist das Menschenherz zu eng um neben der Liebe zum Schöpfer noch der Liebe zu dem von ihm gegebenen Menschen gerecht zu

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werden? Muß mit dem Wachsen der einen, der anderen notwendig Raum genommen werden? Diese Fragen greifen ein in die letzten Tiefen des Menschenherzens und vielleicht kannst Du garnicht verstehen, wieso sie mir Schwierigkeiten bereiten; denn Du empfindest da als Mann ganz anders, an Dich werden die Dinge nicht mit solchem Totalitätsanspruch herantreten wie an mich als Frau. Doch ich möchte mir Klärung verschaffen und muß deshalb Dir davon sagen.

In der Zeit des Alleinseins, des Wartens und Bereitens für die Höhe des Lebens – darin liegt doch der Sinn der Mädchenjahre – konnte ich dem Schöpfer mit der Hingabe der uneingeschränkten Liebeskraft gegenüberstehen. Ich habe es getan, und es war eine gute Zeit. Nun aber hat die Fügung Gottes uns zusammengeführt, ich stehe nicht mehr allein, auch nicht vor Gott. Aus dem Du-und-ich ist ein unlösliches Wir geworden durch die Kraft der Liebe, die wir einander geschenkt haben und immerfort schenken wollen. Dieses Geschehen ist so gewaltig, daß es nicht nur eine Umgestaltung unseres Lebens, des inneren und äußeren, mit sich bringt, sondern sogar eine Änderung der Beziehung zu Gott zur Folge hat. (notwendig haben muß?) In der unmittelbaren Hingabe der gesammelten Liebeskraft an den Schöpfer hat der jungfräuliche Mensch sicherlich die

höchstmögliche Gottbeziehung erreicht. Das ist aber nur möglich, wenn wirkliche Berufung dahintersteht. Mit der Erkenntnis, daß mir der Herr einen anderen Weg vorgezeichnet hat – Du weißt wie klar sie mir zuteil wurde – muß sich nun auch die neue Beziehung zu Gott gestalten. Darum dürfte es mich jetzt nicht beunruhigen, sondern ich muß darin die Erfüllung der gottgewollten Ordnung sehen, wenn ich jetzt die gesammelte Liebeskraft meines Herzens nicht mehr unmittelbar dem Herrn schenken kann, da sie Dir zugewandt ist.

Wenn Gott uns die Gnade gibt, daß unsere Liebe zueinander immer reiner und stärker erglüht, dürfen wir dann nicht hoffen gerade in dieser Liebe den Weg zum Herzen Gottes zu finden? Ja, ist nicht sogar die Hingabe an den geliebten Menschen direkt Hingabe an Gott, dem ich von Herzen danke daß Er mir diesen Menschen so geschenkt hat? Je mehr ich darüber nachdenke umso klarer wird es mir, daß meine Liebe zu Dir garkein Hemmnis für die Gottesliebe sein kann, sondern nur die Weise, wie Gott sie von mir fordert. Wenn ich mich beim hl. Opfer frage, welches die beste Gabe ist, die ich als meine Gabe auf die Patene legen kann, dann weiß ich, daß ich dem Herrn nichts Schöneres schenken kann, als meine Liebe zu Dir und

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die Bitte, daß sie so sein möge, daß sie ein Beitrag werde zu Seiner Verherrlichung. Ist damit nicht schon der Anfang gemacht für das Eintauchen der Flamme in die „einzige Flamme“? Muß uns dann noch um die Wahrung der Grenze, von der wir zu Beginn sprachen, bange sein? Liebster, über das was ich Dir jetzt gesagt habe, habe ich viel und lange nachgedacht und ich habe es mir sicher viel schwerer gemacht, als nötig war. Wir machen uns selbst mit unserem Verstand die Dinge oft so schwer und Gott will sie uns leicht machen; wir müssen nur die Lösung all unserer Fragen nicht so sehr bei uns suchen, sondern bei Ihm.

Mein lieber August, jetzt am Samstagnachmittag will ich den Brief für Dich zu Ende schreiben. Gestern abend kam Dein Brief vom letzten Sonntag schon zu mir. Die Post schafft es jetzt also schon in fünf Tagen.

Weißt Du wie sehr mir die Worte Deines Briefes zu Herzen gegangen sind? Ich habe ihn wieder und wieder gelesen und über den sinnenden Gedanken wurde es sehr spät. Wie haben Deine Worte wieder das ganze Sehnen in mir wach rufen, Dir nahe zu sein, Dir alles sagen zu können und Dich spüren zu lassen was ich für Dich

empfinde. Ja wir brauchen viele gemeinsame Stunden und wollen hoffen, daß sie uns geschenkt werden.

Ach, ich bin ja so froh, daß Du meinen Brief, auf den Du mir nun Antwort gibst, so gut aufgenommen und recht verstanden hast. Du hattest gewiß erst etwas anderes von mir erwartet und vielleicht waren Dir meine Gedanken im ersten Augenblick sogar eine leise Enttäuschung. Umso größer ist meine Freude darüber, daß Du Deine und meine Gedankengänge über die Gestaltung unseres Weges bis zur endgültigen Verbindung in so feiner Weise miteinander verknüpft hast, daß damit nun für uns beide das Rechte klar und bestimmt gezeichnet ist. Du, mein Liebster, es ist doch etwas Schönes und wir müssen recht dankbar dafür sein, daß uns solche Übereinstimmung möglich ist. Mit welcher Zartheit hast Du zu empfinden vermocht, was in meinem Herzen vorgeht, und wie treffend hast Du das in der Gegenüberstellung meines und Deines Bildes zum Ausdruck gebracht. Du hast recht gesehen, daß ich den neuen Schritt nicht beginnen kann, ehe der eine getan ist, aber Du weißt auch, daß ich jeden Schritt ganz tun will, bis in seine letzte Konsequenz.

Ich danke Dir, daß Du das so positiv gewertet hast und ich glaube, daß wir gerade dadurch zur rechten Erfüllung

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dessen gelangen werden, was uns beiden innigstes Verlangen ist. Ich möchte es Dir immer wieder sagen können, wie stark dieses Verlange in mir ist; Du, glaube es mir, trotz all der Gründe zum Verhalten, die ich Dir sagen mußte.

Bei der Gegenüberstellung Deines und meines Bildes bist Du nur nicht ganz gerecht zu Wege gegangen: In das Meine denkst Du Dich mit liebender Sorgfalt hinein, während Du das Deine nur ganz nüchtern und wahr offenlegst.

Aber weil daraus eine so große Sauberkeit und Ehrlichkeit des Bemühens spricht, wächst mir das Bild Deines Ich, gerade so wie Du es mir darstellst, mit jedem Mal tiefer ins Herz. Die Art wie Du zu mir sprichst, mein Liebster, sagt mir oft mehr von Deinem Wesen aus als die Worte selbst es vermögen. So nehme ich Deine Briefe immer wieder zur Hand und wenn ich darin lese bist Du mir ganz besonders nahe. Vor dem Schlafengehen am Abend schaue ich immer noch in Deinen letzten Brief hinein, ehe der Tag in der Zwiesprache mit Gott seinen Abschluß findet. Wenn ich dann mit dem geweihten Wasser das Kreuz nehme, schicke ich auch Dir das Zeichen unseres Heils herüber über den weiten Raum der Trennung. Sieh, das ist dann mein letztes Tun am Ende des Tages; möge alles andere von Dir und

mir darin den Segen des Herrn erfahren.

Nun ist es über dem Brief Sonntag geworden, hell und strahlend nach den Regenstürmen der Woche. Gestern kam Finni aus den Bergen zurück, mit leuchtenden Augen und voll Freude des Erlebens, das sie garnicht allein verarbeiten kann; das Erzählen fand kein Ende. Auch Vater ist mit den Zwillingen zurückgekommen, so ist die Familie bald wieder vollzählig beisammen und dann ist es doch am schönsten. Mutter und ich sind uns in den 8 Tagen des Alleinseins viel näher gekommen. Sie braucht ein warmes, herzliches Wort und freut sich über jedes Zeichen kindlichen Zugetanseins, das ihr als Mutter zukommt und das sie von mir oft lange hat entbehren müssen.

Jetzt sind alle nach Bensberg gegangen und ich bleibe allein hier. Gleich will auch ich noch einen kurzen Gang in den Wald machen. Du, ich habe manch feinen, stillen Weg gefunden und all diese Wege müßten wir einmal gemeinsam gehen können. Manchmal gehe ich am Abend noch etwas in die Heide, die gleich hinter dem Haus beginnt, und in den Birkenwald. Das ist dann ein rechtes Erholen, so langsam ohne Ziel voranzuschreiten und dabei den Gedanken freien Lauf lassen können. Du müßtest dabei sein, dann

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wäre es noch viel viel schöner. Und ich könnte jetzt ganz ruhig mit Dir Schritt halten, nicht im Marschschritt Dir 2 Schritt voraus wie damals, als wir zum ersten Mal gemeinsam draußen waren. Ach es ist so vieles anders geworden seitdem; das Mädchen Marga blieb was sie war und ist doch eine andere geworden, seitdem sie Deine Marga ist. Ja, und ich spüre daß dieses Anderswerden ein fortwährendes Voranschreiten ist und ich freue mich über jedes Zeichen dieses Vorwärtsschreitens, das ich an mir erfahren darf.

Eine kleine Spanne Zeit vom Morgen zum Mittag, wir haben es manchmal miteinander gesungen. Eine kleine Spanne Zeit – wir wollen in ihr Verharren, mein Liebster, bis die Sonne vom Frührot aufsteigend ihre Bahn genommen und senkrecht ihre Strahlen auf uns schickt. Dann aber bricht Mittag an und wir wollen ihn recht zu halten wissen.

Mein lieber August, nimm mein sonntägliches Gedenken und sei mir von Herzen gegrüßt

Deine Marga.

300 gr. Fl.