Marga Ortmann an August Broil, 17. August 1943
60. Köln, den 17. August 1943.
Mein lieber August,
Gestern hatte ich einen recht schweren Tag; von einer Behörde zur anderen muß ich, um Material zur Herstellung der beschädigten Wohnungen zu bekommen. Das Alleinsein bei der stillen Arbeit im Büro kann ich jetzt nur selten genießen und doch befriedigt dieses Tun mehr, im Bewußtsein so vielen Familien dadurch helfen zu können. Viel Betrieb ist jetzt den ganzen Tag um mich her und darum sind mir die wenigen Stunden des Alleinseins um so kostbarer. Ich suche diese Stunden recht gut auszunutzen, auch die Zeit der Bahnfahrt ist mir jetzt keine verlorene Zeit mehr. Gestern abend war sie besonders schön. Es war schon 8 h vorbei und die Sonne nahm vor dem Versinken noch einmal alle Kraft zusammen. Die Blätter der Bäume glänzten im strahlenden Licht, obschon eins das andere zu beschatten schien. In einem Waldstück waren die Blätterkronen so dicht, daß die Stämme unten ganz im Dunkel lagen. Nur hier und da brach sich ein Lichtstrahl hindurch, wie eine Bahn von tausend Funken. In solchem Licht sieht die Welt
so viel schöner aus, die hellen Häuser am Waldrand, die Gärten, in denen die bunten Farben der Blumen die Kraft der Sonne aufgesogen haben. Über den anderen recken sich überall die hohen Sonnenblumen empor, in ihrem leuchtenden Gelb es dem großen Vorbild nacheifernd. Die satten Kühe auf der Weide, das Lämmlein am Wegrain, die lustig flatternde Wäsche auf Leine und Bleiche: wie tut solch ein friedliches Bild dem Herzen wohl, das tagsüber beim Anblick der Trümmer und all der Not so bitter schmerzt. Wenn diese friedlichen Bilder abends an mir vorüberziehen, möchte ich all das andere darüber vergessen. Nein, Vergessenwollen ist wie Flucht undn wir dürfen nicht feige davonlaufen, wir müssen lernen uns für beides zu öffnen, für Leid und Schmerz ebenso ganz wie für das Frohe und Schöne. Beiden soviel Raum in uns geben, wie ihnen zusteht, nicht mehr und nicht weniger: das ist wohl die Kunst zu leben, an der wir immerfort lernen müssen.
So gerne habe ich den spielenden Kinder auf einer Wiese zugeschaut. Die Sonne hat ihnen die Haare gebleicht und die Haut gebräunt; unbekümmert führen sie ihr zweckloses und doch so sinnvolles Dasein gleich den Gräsern und Blumen der Wiese, auf der sie sich tummeln. Wie anders können
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die Kinder hier draußen aufwachsen, so frei in der Natur. Kinder brauchen viel viel Sonne für das Gedeihen des Leibes und der Seele, wohl denen, die so in ihr aufwachsen können und wenn den Herzen dazu noch die Sonne eines guten Elternhauses und seiner Liebe strahlt, dann sind wohl die Voraussetzungen für ein gutes Wachsen gegeben. Ich mußte an ein Bild aus den letzten Tagen in Köln denken: Kinder spielen verwahrlost in den Trümmern ihrer ausgebrannten Heimstätten. Der zertrümmerte Herd eignet sich noch zum Sandkuchenbacken und der Rest eines Kinderwagens ist für die Puppenkinder immer noch ein gutes Bett.
Hier wie dort die gleiche unbekümmerte Sorglosigkeit kindlichen Spiels. Wie gut, daß sie noch nicht um die Höhen und Tiefen des Lebens wissen, in die sie doch alle schon hineingestellt sind.
Von dem feinen Weg, den ich jetzt abends von oben nach unten mache, läßt sich nicht viel schreiben. Du hättest dabei sein müssen, wie er gestern abend alle Hast von den müden Gliedern nahm, so daß ich noch lange so hätte weitergehen mögen, obschon ich vorher zu nichts mehr fähig war. Bei allem Erleben meine ich, Du müßtest neben mir sein, Liebster, und ich könnte Dir von all dem sagen
und Dir alles zeigen, was ich schaue und erlebe. Dadurch wir mir alles Geschehen viel bewußter. Gestern stand die Mondsichel in weißer Helle am Himmel, nicht aufrecht zum Bogen des A oder Z als zu- oder abnehmender Mond, sondern liegend, so wie man ihn oft zu Füßen der Königin des Himmels abgebildet sieht. Ich mußte an die Stelle der Geheimen Offenbarung denken: Ein Weib, mit der Sonne umkleidet, der Mond zu ihren Füßen …. Am Tag vorher haben wir das Fest ihrer Himmelfahrt gefeiert. Ein frohmachender Gedanke, daß der Leib, aus dem der ewige Sohn des Vaters Fleisch angenommen hat, nicht der Verwesung preisgegeben wurde, sondern gleich mit der Seele vereint zur Anschauung des Vaters gelangen sollte. Ich brach ein paar Blumen am Weg, um nachher damit ihr Bild zu schmücken. Gern wäre ich an diesem Fest nach Altenberg gegangen, doch es ging nicht wegen der Familie. Vielleicht dürfen wir es bald einmal zusammen tun, um all unsre Anliegen, die der großen Gemeinschaft in Volk und Kirche und die glühenden unserer Gemeinsamkeit vor sie hinzutragen, der Frau vom Berge. Komme bald, komme solange noch Sommer ist über dem Bergischen Land, seinen Hügeln, Wiesen und Wäldern, die wir beide so
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sehr lieben. Du, wieviel Freude wird uns Dein Kommen wieder schenken. Weißt Du, wie ich mich jetzt schon darauf freue?
Heute abend gehe ich zu Therese. Wir sind wenig zusammengekommen und am Sonntag sprach sie mir davon, wie schwer es ihr ist, einsam zu sein. Klaus wurde mit dem ganzen Urlauberzug – er hatte sich schon angesagt – nach Orel abgestellt. Das war natürlich ein schwerer Schlag für Therese. Mit dem Berg. Gladbacher Kreis hat sie schnell Fühlung genommen und allmählich kommt sie wieder in den alten Betrieb hinein. Sie hat aber Verständnis dafür, daß ich nicht mehr alles so mitmachen kann, darum bin ich froh. Gestern bekam ich einen Brief von Georg. Er hat sich in Siebeldingen/Westmark niedergelassen und frug an, ob ich seine Schadenssache hier regeln wolle. Das ist unmöglich, da es Tage erfordert und ich mir unmöglich dafür frei nehmen kann. Er läßt Dich herzlich grüßen; auch Erich Mendler hat einen Gruß geschickt. Jupp Steinbach’s Glückwunsch zu unserer Verlobung schicke ich Dir heute zu.
Vorige Woche bekam ich im Büro unerwartet Besuch von Herrn Raskop. Wir haben ein gutes Gespräch mitein-
ander geführt. Ich wünschte Du könntest ihn einmal kennenlernen, ihr würdet euch sicher verstehen. Er war eigentlich der erste Mensch, mit dem ich über tiefer gehende Dinge Gedanken ausgetauscht habe. Die kurzen Stunden in seiner Familie haben mir viel gegeben. Mit seiner Frau habe ich eine Zeitlang eifrig im Briefwechsel gestanden. Sie hatte uns auch zur Verlobung so fein geschrieben. Schade, daß Du die meisten Briefe garnicht gesehen hast.
Eben war ich in der Stadt und kam an unserem Haus vorbei. In Gedanken verloren wäre ich bald gewohnheitsgemäß die Haustürstufen heraufgesprungen, wie ich früher so oft getan, da aber sah ich den Schutt und die kahlen Höhlen der Fenster und Türen. Das Geschehen ist nun schon über 6 Wochen her und doch noch so lebendig in mir wie gestern. Und doch habe ich mit einer gewissen Dankbarkeit an den Mauern heraufgeschaut; wir haben eigentlich nur Schönes in diesem Haus erleben dürfen. Die schweren Jahre waren mit unserem Einzug dort vorüber. Wie viele schöne Festtage haben wir dort in der Familie gestaltet; unser gemeinsames Fest, Deines und meines war dann das letzte. Ob wir je ein Fest nach außen hin nochmal so begehen können, wissen wir nicht, aber daß unsere Herzen fähig bleiben zum Feiern und Freuen,
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darum wollen wir uns bemühen.
Du, mein lieber August, das ist ein rechter Plauderbrief heute geworden. Ich habe mir zwischen der Arbeit dafür ein Stündchen erhascht, es ist nicht so leicht, wenn zwischendurch Telefon und Türe nicht stille stehn. Aber heute mußte ich Dir schreiben, wenn ich es auch bei der Fülle der Arbeit eigentlich nicht verantworten kann. Aber in Bezug auf all die Überstunden will ich es doch wagen.
Der freien Stunden sind viel zu wenige und die Stunden, in denen man ganz auf sich selbst umschalten kann, viel zu kurz. Wie schön wird es einmal sein, wenn alle Stunden meines Tages ausgefüllt sein werden mit der Sorge und dem Tun für Dich, Liebster, für unsere Gemeinsamkeit und das kleine Reich, das uns der Herr daraus erstehen läßt.
Meine Gedanken finden immer wieder da hinüber und ich lasse ihnen so gerne freien Lauf.
Du, mein Liebster, es wird Abend und ich muß an die Heimfahrt denken. Ich grüße Dich herzlich
Deine Marga.