Marga Ortmann an August Broil, 27. August 1943

61. Berg. Gladbach 27. August 43.

Liebster,

nun sind die Tage unseres Zusammenseins vorüber; Du mußtest wieder in die Ferne und ich bleibe hier zurück, ganz erfüllt von dem Erleben dieser Tage. Es ist noch zu viel, als daß ich Dir heute schon davon schreiben könnte, wie all unsere schönen gemeinsamen Stunden in mich eingegangen sind. Nur das Eine will ich Dir sagen: daß ich gespürt habe wie sehr ich Dir jetzt schon gehöre; nicht nur in den Gedanken, in der Hingabe des Herzens, sondern mit meinem ganzen Sein.

Du, ich stehe in ehrfürchtigem Staunen vor dem, was die Liebe zu Dir in mir gewirkt hat; sie wird weiter in mir wirken und ich glaube jetzt ganz fest daran, daß sie bald ihr Werk so weit an mir getan hat, daß ich bereit bin, seelisch und körperlich, zur letzten menschlichen Gemeinsamkeit mit Dir zu gelangen. Ich danke Dir für die Bereitschaft dieser meiner Entwicklung Rechnung zu tragen. So unterschiedlich die Forderung meiner Entwicklung an unsere Gemeinsamkeit von der Deinen ist, ich glaube daß wir in der Lösung, die wir miteinander besprochen haben, beiden in gleichem Maße gerecht werden: Wir wollen Dir die Zeit des Verharrens nicht durch unnötiges Warten allzu schwer machen, aber auch meiner Entwicklung Raum

zur Entfaltung geben und ihr nicht durch vorschnelles Handeln zuvorkommen.

Mein lieber August, ich will das Neue, das in unseren feinen gemeinsamen Stunden in mir aufgebrochen ist, wachsen und reifen lassen. Es ist ja alles so ganz ohne mein Zutun gekommen, und gerade deshalb müssen wir von Herzen dankbar dafür sein.

Ich glaube, weil wir uns in diesen gemeinsamen Tagen so viel näher gekommen sind, war auch der Abschied schwerer noch als sonst. Wenn der Krieg sonst keine leidvollen Auswirkungen mehr hätte, als die Trennung von Menschen, die sich lieben, so wäre er noch grausam genug. Doch die Freude des gemeinsamen Erlebens stand gegen die Trauer des Abschiednehmens. Als ich vom Bahnsteig den gleichen Weg zurückging, den wir zusammen gekommen waren, waren beide Empfindungen noch gleich stark in mir. Die Müdigkeit hat während der Bahnfahrt dann beide besiegt; denk Dir nur, ich bin in der Bahn eingeschlafen und erst an der Endstelle wieder wach geworden. Da mußte ich noch zwei Stationen in der Dunkelheit zurückgehen, ein Glück daß ich von Dir das Mäuschen hatte. Es war aber ein guter Weg, der Nachtwind hat mich wieder ganz frisch gemacht. Du wirst in der Zeit im dichtgedrängten Zug gestanden haben und sicher gingen Deine Gedanken ebenso in die gemeinsamen

Stunden zurück wie die meinen. Hoffentlich hast Du nachher noch einen Sitzplatz gefunden.

Du, jetzt hat die Freude unserer schönen Tage ganz Oberhand in mir gewonnen. Ich brauche jetzt viel stille Stunden des Alleinseins, um alles noch einmal ganz auf mich wirken zu lassen. Wenn ich die Tage unseres Zusammenseins noch so oft überdenke – alle Gedanken münden in den jubelnden Dank an den Herrn, der uns das alles geschenkt und uns beide zu solchem Erleben befähigt hat. Diese Dankbarkeit drängte mich auch zu dem Gebet an den Vater, das wir vor dem Bild des Herrn miteinander gesprochen haben. Es war doch der schönste Abschluß, den wir diesen Tagen unserer Gemeinsamkeit geben konnten. Durch Deine Nähe bekam mein Beten wieder die Wärme, um die ich in der letzten Zeit oft vergebens gerungen habe. Darum war mir die gemeinsame Feier des hl. Opfers die beiden Male ein besonderes Erleben.

Mein Liebster, heute ist Dein Festtag. Eigentlich sollte dieser Brief heute schon bei Dir sein, nun kann ich ihn jetzt erst beenden. Der heutige Tag soll ganz Dir gehören, die Stunden der Arbeit wie die des stillen Alleinseins. Wir wollen ihn in Gedanken ganz miteinander begehen. Heute früh hielt Dr. Frotz in der Krypta eine Gemeinschaftsmesse. Fünf Jungen und ich waren die einzigen Beter vor dem Altar. Die Stille und die kraftvolle Ruhe

des Raumes beeindruckten mich sehr und ließen das heilige Geschehen tief in mich eingehen. Ich mußte an all die vielen Stunden denken, die wir gemeinsam in diesem Raum erleben durften: die Komplet am Samstagabend, die für mich und Dich so entscheidende Feier der Weihnacht und vor allem die pfingstliche Stunde unseres Gelöbnisses. Dieser Raum ist wie kein zweiter mit unserer Gemeinsamkeit verbunden und darum war es mir eine besondere Freude am Tage Deines Namens dort das hl. Opfer feiern zu dürfen. Die ganze Liebe meines Herzens habe ich hineingelegt in das Gebet, das ich für Dich an dieser Stätte emporgesandt habe. Es ist etwas erhaben Großes und Schönes dieses Beten aus übervollem, liebendem Herzen. Ja, wir wollen täglich recht innig füreinander beten und den Segen des Herrn für unseren gemeinsamen Weg erflehen.

Du, heute möchte ich Dich so recht froh wissen, so wie ich Dich an unseren schönen Tagen so oft lachend gesehen habe. Dir Freude zu machen, Dich wirklich glücklich zu machen, danach verlangt mir. Ich muß jetzt so oft denken wie es erst sein wird, wenn ich einmal ganz für Dich da sein darf und wir immer zusammen sind, wenn uns die kurzen Tage des Beisammenseins schon so viel Glück geschenkt haben. Aber auch das gemeinsame Tragen von Schwerem und Leidvollem wird uns einander näher

bringen, wie wir es auf der kurzen Strecke unseres gemeinsamen Weges schon erleben durften.

Nun ist es über dem Brief Sonntag geworden. Der Nachmittag Deines Festtages verlief so anders als ich es mir vorgenommen hatte, und doch war es für uns beide recht erfolgreich. Mathias Heinen war für einen Tag in Köln und rief an ich möchte nach Braunsfeld kommen. Da haben wir den Kauf des Gasherdes (3 Fl. mit Backofen) endgültig abgeschlossen. Ich habe den Preis 120 RM gleich bezahlt und jetzt kann er da solange stehen bleiben bis wir ihn in unserer Wohnung unterbringen können. Für die Kochgelegenheit wäre also gesorgt. Auch wegen des Schlafzimmers habe ich mit Mathias gesprochen. Wenn er in Hannover ein neues angefertigt bekommt, können wir das andere haben. Er will mir baldmöglichst Bescheid darüber geben. Die Sache ist nach seiner Ansicht zu 90 % sicher, augenblicklich haben sie es garnicht nötig, da sie ein möbliertes Schlafzimmer gemietet haben. Die Aussichten sind für uns also denkbar günstig.

Du Lieber, heute ist ein recht regnerischer Tag, ähnlich wie der vorige Sonntag, als wir draußen in der Laube zusammensaßen. Die Gespräche, die wir da miteinander geführt haben, kommen mir immer wieder in den Sinn. Manchmal gingen unsere Ansichten weit aus-

einander und Du hast das wohl richtig auf die Verschiedenheit unserer beider Entwicklung zurückgeführt. Ich glaube es ist gut so mit uns beiden und gerade die Verschiedenheit wird uns zu einem guten Ausgleich und einer fruchtbaren Ergänzung führen.

Ich kann jetzt nicht mehr schreiben, der Brief soll gleich noch fort. Mein Geschwür macht mir viel Kummer ich bin jetzt im Krankenhaus in Behandlung, es ist ein Karfunkel. Aber die Ärztin macht es schlimmer wie es ist, es wird sicher bald gut sein. Mir ist es nur peinlich im Büro deshalb fehlen zu müssen.

Liebster, mit den Gedanken zum Leben Deines großen Namenspatrons möchte ich Dir noch eine kleine Freude machen. Komm, ich lege meine Hände in die Deinen und damit alles was ich bin. Es soll ja ganz Dir gehören, ich stelle es Dir jetzt und auch im nahen Beieinandersein vertrauensvoll anheim. Du Guter, ich weiß daß Du es recht wahren wirst und so entgegennimmst, wie es Dir gebührt. Mein lieber August, laß Dich von Herzen grüßen

von Deiner Marga.