Marga Ortmann an August Broil, 31. August 1943
62. Berg. Gladbach, den 31.VIII.43.
Du, mein lieber August!
Weißt Du wie sehr ich mich über Deine wenigen Zeilen, die gestern schon bei mir waren, gefreut habe? Gerade das Unvermögen hat mir gezeigt, daß das Erleben unserer feinen, sommerlichen Tage in Dir ebenso stark nachklingt wie in mir. Gegenüber der Tiefe solchen Erlebens müssen doch alle Worte wie ein Stammeln sein, wie ein leises Rauschen gegenüber der Fülle der Akkorde, die im Herzen klingen. Du, ich bin recht dankbar, daß ich durch mein Geschwür jetzt ein paar Tage gewaltsam aus dem Getriebe des Alltags herausgehoben bin, so bleiben mir nach der morgendlichen Tortour im Krankenhaus noch ein paar stille, besinnliche Stunden, in denen ich all die Freuden unserer gemeinsamen Tage so recht überdenken kann. Könnte ich Dir doch sagen, wie es nun in meinem Herzen aussieht! Es ist eine so wohltuende Ruhe, eine innige Freude und eine jubelnde Dankbarkeit darin. Es ist das, wonach das Sehnen aller Menschenherzen geht: ein wahres, tiefes Glücklich-Sein.
Gestern habe ich einen so wunderschönen Nachmittag ganz allein am Birkenbusch verlebt. Auf den Rat der Ärztin hin habe ich mich etwas gelegt und da konnte ich so schön sinnen und träumen. Es drängte mich
in einem Brief zu Dir zu kommen, aber ich war einfach nicht fähig Worte zu finden, und auch jetzt wird es mir noch schwer. Vor dem größten Geschehen im Menschenleben – dazu können wir das Erleben dieser sommerlichen Tage getrost rechnen – kann das Menschenherz nur schweigend stille stehn und in ehrfürchtigem Staunen die Ungeheuerlichkeit des Erlebens verkosten. Ich bin ganz still geworden in den Tagen seitdem Du wieder in die Fremde mußtest und es ist eine Scheu in mir vor allem Lauten und Betriebsamen, das mich stören könnte in dem In-mich-hineinhorchen und mit roher Gewalt das sanfte Klingen des Herzens überhören möchte. Aber dieses innere Klingen ist stärker als alles Laute, das von außen an mich herankommt.
Mein Liebster, jetzt ist mir Berg. Gladbach erst recht vertraut geworden, denn all die Wege, die wir miteinander gegangen sind, erzählen mir von den wundersamen gemeinsamen Stunden dieser Sommertage. Die leuchtende Kraft dieser Tage hat auch in unseren Herzen sommerliche Glut entfacht, die den Samen, den der Frühling uns ins Herz gesenkt, wachsen und reifen läßt. Wunderbar ist dieses Wachsen und Reifen unserer Liebe und wir wollen den Herrn bitten, daß er daraus die Frucht eines guten Lebens der Gemeinsamkeit
zur rechten Zeit erstehen lasse.
Wenn auch gestern die Gedanken des ganzes Tages immer wieder zu Dir hinübergingen, der Abend läßt uns in ganz besonderer Weise einander nahe sein. Als die Dämmerung hereinbrach habe ich mir Deine Briefe wieder zur Hand genommen, zuerst den einen, in dem Du mir mit einer Ehrlichkeit bis zum letzten Dein bisheriges Leben offenlegst, und dann all die späteren bis zu unserem Zusammensein. Aus all diesen Briefen leuchtet mir Dein Bild entgegen, eindringlich und klar. Die gemeinsamen Tage haben mir manche Linie in Deinem Bild deutlicher gemacht und wie ich diese Linie einbaue in das Bild, das ich von Dir in meinem Herzen trage, erkenne ich auch mein Bild klarer als je zuvor; so wie es ist, wie es sein soll, wie Du es brauchst und wie Dein Bild es von mir fordert. Du, erst in der Gemeinsamkeit mit Dir erfahre ich mein eigenes Wesen mit allen seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Je klarer ich Dein Bild und auch das meine vor Augen habe, umso froher und zuversichtlicher schaue ich unserem gemeinsamen Weg entgegen. Wie schön hast Du einmal geschrieben: Es ist kein Zufall, daß solche Menschen wie wir zueinanderfanden, sondern gottgefügtes Schicksal. Wir wollen dem Lenker aller
Geschicke für die Fügung von Herzen dankbar sein.
Mein August, das Sträußlein Wiesenblumen, daß Du mir auf unserem Gang durch Feld und Wald gepflückt hast, ist verwelkt. Ein anderes, stilleres schmückt nun das Bild des Herrn. Die Blumen unserer Liebe aber, die wir uns in diesem Sommer geschenkt haben, werden in unseren Herzen fortblühen und Frucht tragen; haben sie doch im Herzen des anderen einen bereiten Boden gefunden. Mag auch der Sommer vergehen – die Stürme, die ums Haus toben gemahnen daran – findet er doch erst im Herbst, zur Zeit der Ernte seine Erfüllung.
Was müßte ich Dir noch alles sagen, Liebster. Das Herz ist ja so übervoll und sagt es Dir immer wieder in seiner stillen Sprache, vor der alle Worte schal sind und schweigen müssen.
Du, dem ich alles zu geben bereit bin, ich grüße Dich so herzlich froh
Deine Marga.
All unsere Lieben lassen Dich grüßen.