Marga Ortmann an August Broil, 6. September 1943

63. Köln, den 6. September 1943.

Mein lieber August.

Die Woche eilt dahin wie im Flug. Jeder Tag bringt neue Erlebnisse, von denen ich Dir sagen müßte, damit sie sich Dir mit der gleichen Eindringlichkeit ins Herz senken wie mir. Doch nach den 2 Tagen Ruhe forderte mich die Woche mit doppelter Gewalt ein und ließ mir selbst abends keine freie Stunde mehr. Manchmal ist es recht schwer sich der Unerbittlichkeit des Alltags zu beugen.

Durch den Besuch gestern in Leverkusen, wo wir recht feine Stunden miteinander verlebten, bin ich sogar um den Sonntagsbrief an Dich gekommen. Weißt Du, alles andere mag noch so schön sein, aber die Stunden wenn ich briefschreibend zu Dir komme, sind mir doch die allerliebsten und es fehlt mir etwas am Sonntag, wenn es mir nicht möglich ist.

Vor mir liegt Dein Brief vom vorigen Sonntag, der in meinem Herzen eine vielfältige Antwort gefunden hat; sowohl auf die vernunftgerechten Erwägungen im Hinblick auf unsere künftige Gemeinsamkeit, in der Alltag und Sonntag die Forderung zu rechter Gestaltung an uns stellen werden, sowie auf die glückhafte Rückschau auf unsere gemeinsamen Tage,

die sicher noch lange in uns beiden nachklingen werden. Du, auch mich hat es gedrängt, all das Erleben dieser Tage im Worte festzuhalten. Ich habe den Versuch gemacht, da überkam es mich aber mit solcher Gewalt, daß ich kein Wort mehr fand, das dieses Erleben auch nur anzudeuten vermochte. Wie leer und bedeutungslos erschien mir jedes Wort gegenüber der Größe und Schönheit dessen, was die Tiefen der Seele bewegt. Und das Letzte und Tiefste kann und darf auch nicht ausgesprochen werden; es schwingt so unmittelbar hinüber und herüber von Dir zu mir, von mir zu Dir, daß es des Wortes, das sonst ja die Brücke bildet von hüben nach drüben, nicht mehr bedarf.

Liebster, noch ist die Freude über unsere schönen gemeinsamen Tage so groß und tönend in mir, wie ein gewaltiger Akkord, da stellst Du mir wieder ein paar Tage des Zusammenseins in Aussicht. Hoffentlich gelingt es! Ach, ich brauch Dir ja garnicht mehr zu sagen; Du weißt, wie sehr ich mich darauf freue!

Am Samstagmittag bin ich mit dem Rad nach Altenberg gefahren, um endlich den Sack zurückzubringen. Diesmal schien die Sonne nicht so freundlich auf die Hügel und Täler unseres geliebten Bergischen Landes wie an jenem unvergeßlichen Tag, als wir die gleiche Wegstrecke gemeinsam machten. Doch auch diese Fahrt war recht schön, riefen doch die gleichen

Bilder der Landschaft die Erinnerung an das Erleben jenes Tages so lebendig in mir wach und in meinen Gedanken erstanden aufs neue all die Gespräche, die wir auf dem Wege miteinander geführt haben. Wir haben sie alle noch nicht zu Ende geführt, wir müßten noch so vieles miteinander besprechen, um all die Probleme zu lösen, die sich darin erhoben haben. Manches freilich, werden wir niemals im Gespräch lösen können, sondern erst im gemeinsamen Erfahren der Wirklichkeit, wie sie uns einmal begegnen wird. Es ist vielleicht gut, daß Du mir diese Wirklichkeit, die unser harrt, zuweilen recht klar und sachlich dazustellen versuchst, denn an ihr wird sich einmal die Begeisterung allen glückhaften Erlebens zu bewähren haben. Du, mein Liebster, ich sehe dieser Wirklichkeit mit ihren Höhen und Tiefen, dem Erleben der Menschlichkeiten mit all ihren Licht- und Schattenseiten an sich selbst und dem anderen, mit vertrauensvoller Zuversicht entgegen. Die Fügung Gottes, die unsere Wege bisher so spürbar aufeinander zugeordnet hat, wird uns auch helfen den Anforderungen der Wirklichkeit unseres Lebens gerecht zu werden. Wir wollen uns diese Gnade in innigem Gebet täglich erflehen und wenn wir dann nach besten Kräften das Unsrige dazu tun, brauch uns um das Gelingen des gemeinsamen

Werkes nicht bange zu sein.

Mein lieber August, nun ist es schon Dienstag und ich konnte den Brief immer noch nicht an Dich abschicken. Solange habe ich Dich noch nie warten lassen müssen. – Als ich gestern abend bei Alarm glücklich um ½ 12 zu Hause ankam – die Hausbesuche bei den Mietern hatten sich bis 9 h hingezogen – war mir nach der Hast des Tages Dein lieber Brief ein besonderes Geschenk. Wie fein hast Du gespürt, was jetzt in meinem Inneren vor sich geht, und wie gut hast Du alles verstanden und aufgenommen, was ich Dir in meinen letzten Briefen gesagt habe. Aus den Tiefen des Unbewußten aufsteigend, gewann das Neue immer mehr Raum in mir und hat jene Umwandlung bewirkt, die der Entwicklung unserer Gemeinsamkeit entspricht. Ich bin ja so dankbar, daß Du dieses Geschehen, das die letzten Tiefen meines Seins erfaßt hat, nicht einfach als Selbstverständlichkeit hinnimmst, wie ein Wissender, dem kein Neuland mehr etwas bieten kann, sondern daß Du ihm in der ehrfürchtigen Haltung des Staunens gegenüberstehst, in der einzig möglichen Haltung, in der wir als Menschen in der Begegnung mit allem Großen bestehen können.

Du schreibst: „Du gibst Dich so selbstverständlich in meine Gewalt.“ Ja, und daß es geschieht erscheint mir

noch nicht einmal gewagt, sondern einfach notwendig. Denn der einzige Schutz vor aller „Gewalt“ ist die Liebe. Wo die Beziehung zweier Menschen dieses Wort in seiner ganzen Bedeutung noch verdient, da muß doch der eine des anderen Schutzengel sein, der alle Gefahr, die gewißt auch da auftauchen kann, eben in der Liebe, die ja nicht sich selber sucht sondern das Wohl des geliebten Menschen, überwindet. Für manche mag die Liebe eine schwere Prüfung mit sich bringen, - das habe ich in Deinen Briefen erst verstehen gelernt – sie ist aber selbst zugleich der wirksamste Schutz dieser Prüfung standzuhalten. Vielleicht wird auch von uns in unserem gemeinsamen Leben in dieser Hinsicht mancher Kampf gefordert werden; wenn wir ihn in echter, tiefer Lieber zueinander und mit dem unbedingten Willen zu einer gottgewollten, reinen und guten Lebensgestaltung führen, wird uns der Herr das Gelingen sicher nicht versagen. Ich bin ja so froh, daß Du all diesen Schwierigkeiten nun mit größerer Zuversicht entgegensiehst.

Wie fein hast Du mir von dem Erleben der Musik erzählt, die Dir soviel Freude in die Eintönigkeit des Soldatentages gebracht hat. All diese feinen Freuden müßten wir nun gemeinsam erleben können. Mir ergeht es bei allem Schönem und Gutem, das ich

täglich erleben darf so, daß ich es gleich zu Dir hintragen möchte, denn im Glück der Gemeinsamkeit wird jede Freude erst vollständig.

Du, ich freue mich mit Dir über die Begegnung mit dem jungen Menschen, mit dem Du dort in der Fremde Gedanken austauschen kannst und von dem Du weißt, daß er dort in der anders denkenden Umgebung mit Dir unseres Geistes ist. Wie Du von ihm sprachst mußte ich an einen Soldaten denken, den Finni in Wesel gepflegt hat. Er war auch Musikstudent und hatte sich hohe Ideale gesteckt. Vorgestern bekam Finni einen Brief von ihm zurück mit der Aufschrift: „Gefallen für Großdeutschland“. Die Nachricht ist Finni sehr nahe gegangen und ich muß ihr viel helfen, daß sie damit fertig wird. Man hört jetzt von so vielen Gefallenen, Jupp Tillmann erzählte in dem kleinen Ort haben in einer Woche 3 Familien die Nachricht bekommen. In dem Zusammenhang will ich Dir von der jungen Kriegerwitwe sagen, die mich so stark beeindruckt hat.

Sie saß mir gegenüber in der Straßenbahn. Zuerst sah ich nur das schwarze Kleid der Trauer und das goldene Pfand der Treue zweimal am Finger der jungen, weißen Hand, die das Tätigsein der Hausfrau nicht verleugnete. Dann schaute ich in das frauliche

und doch noch so mädchenhafte Antlitz, aus dem jede Spur der Farbe gewichen war. In die hohe Stirn schienen die Falten wie mit Messern eingeschnitzt, ein Widerspruch zu dem sonst so jugendlichen Gesicht. In den großen, braunen Augen lag ein seltsames Leuchten; es müssen einmal lachende, strahlende Augen gewesen sein. Nun aber sah mich daraus wie aus dunkler Tiefe eine grenzenlose Traurigkeit und Verlassenheit an. Aber keine Spur von Bitterkeit war in diesem Antlitz, auf den Lippen lag stille Ergebung. Ich mußte sie unverwandt anschauen und es war mir als ich in ihrem Gesicht las, ich schaute bis auf den Grund ihrer Seele. Sie spürte meine Blick und sah mich lange fragend an. Ich hielt ihren Blick aus, da kam eine ganz leise Bewegung um ihren Mund; für ein Lächeln reichte sie noch nicht. Dann begann sie zu sprechen mit leiser, aber fester Stimme. Von dem, was an uns vorüberging, die Stätten der Zerstörung. Über dem Sprechen löste sich die Starrheit in ihren Zügen, die das Gesicht älter erscheinen ließen als es in Wirklichkeit war. Endlich war der entscheidende Satz gesagt: mein Mann ist bei Orel gefallen. Damit begann sie mir das Bild des geliebten Menschen zu zeichnen, wie es nur die Liebe vermag. Es tat ihr wohl so sprechen zu können und die

Innigkeit, mit der es geschah, griff mir ans Herz. Sie suchte nicht Trost und Hilfe bei mir, - bei der Größe solchen Schmerzes muß aller menschlicher Trost versagen – nur die Bereitschaft zum Anhören und Mitleiden, die sie vielleicht aus meinem Blick gelesen hatte, ließ sie sprechen. „Wir sind ganz eins geworden in unserer Ehe, besonders seitdem das Kind uns geschenkt ist. Nun, da mir das zweite Ich benommen wurde, ist es mir, als sei die Hälfte meines Seins mir aus dem Innern gerissen.“ Ich vermochte, überwältigt von der Last der Anderen, kaum etwas zu erwidern, und ich spürte, daß sie dafür dankbar war. Nur auf das Kind und der ihr damit gestellten Lebensaufgabe habe ich hingewiesen. Als die Bahn unser Ziel erreicht hatte, drückte sie mir fest die Hand und wir empfanden es beide schmerzlich, auseindergehen zu müssen. Diese Begegnung hat mich zutiefst ergriffen und ging mir noch lange nach. Ach, man möchte all diesen schwergeprüften Menschen, denen der Krieg alle Hoffnungen des Lebens zerschlug, helfen die ungeheure Wucht ihres Schmerzes zu tragen. Müssen wir angesichts all der Leiden, die die Menschen um uns zu tragen haben, nicht doppelt dankbar sein für das Glück, das wir in Gemeinsamkeit kosten dürfen!

Du, August, es ist weit über Mitternacht; eine schöne sternklare Nacht. Ich denke daran, wie wir zu nächtlicher Stunde in Bayenthal auf dem Balkon gestanden haben

und schweigend zu den Sternen hinaufsahen, während die Gedanken als Gebet zum Vater über den Sternen emporstiegen. Wie all diese feinen Erinnerungen uns immer wieder mit der Kraft des Erlebens erfüllen. Sie graben sich immer tiefer ins Herz ein und bleiben da unverlierbar haften. Wenn irgendetwas, das mit ihnen Zusammenhang hat, uns berührt, tun sich die letzten Kammern des Gedächtnisses auf und geben die Erinnerungen frei zu neuem Erleben.

Liebster, eigentlich müßte ich schon längst schlafen, aber über dem Schreiben ist alle Müdigkeit von mir gewichen und so will ich noch etwas mit Dir plaudern. Diese Woche bekamen wir die Nachricht, daß Henny ein Sonntagsmädchen bekommen hat.

Nächsten Sonntag soll sie auf den Namen Adelheid getauft werden. Wenn es sich möglich machen läßt, werden wir zu diesem Tag dorthinfahren. Die Botschaft vom Beginn eines neuen Lebens macht uns froh in den Tagen, da so viele Menschenleben, teils kaum gelebt, ausgelöscht werden. Trotz allem noch so furchtbarem Geschehen geht das Leben weiter in dem ihm vom Schöpfer gegebenen Rythmus.

Du, und ich habe Dir noch eine günstige Nachricht zu geben. Richard Heinen hat mir einen Küchenschrank besorgt. Er ist klein, Naturholz, ohne Seitenschränke;

doch fürs erste wird er uns gute Dienste tun. Wenn sich nun noch Tisch und Stühle auftreiben lassen, wäre das Allernötigste schon bald zusammen. Vorige Woche habe ich mit Herrn Fieth unsere Wohnung besichtigt; er war mit allem einverstanden und jetzt bemühe ich mich um Handwerker, damit ich zum Winter wieder mit dem Büro nach oben komme. Dann wird die Wohnung wohl gleichzeitig fertig werden.

Du Liebster, nun muß ich aber Schluß machen. Sei bitte nicht böse, daß ich so lange geschwiegen habe, aber ich bringe es nicht fertig, Dir nur so eben zwischen dem Betrieb des Tages zu schreiben. Vielleicht muß ich das noch lernen. Ich grüße Dich so von Herzen froh und warte nun schon auf die Nachricht „dann und dann bin ich da!“

Deine Marga.