Marga Ortmann an August Broil, 9. September 1943

64. Köln, den 9. September 1943.

Mein lieber August,

gestern kam Dein Sonntagsbrief zu mir. Jedes Zeichen, das von Dir kommt, und sind es auch nur wenige Worte und Gedanken, bedeutet mir so ungeheuer viel. Es geht mit mir durch die Stunden meines Tages und es ist mir dann am Abend eine Freude, es nochmal lesen und still überdenken zu können.

Ich lebe jetzt stärker noch als bisher aus dem eigenen Innern heraus, aus dem Tiefen, die sich mir erschlossen haben und je mehr ich so in mich hineinlebe, desto näher komme ich zu Dir hin, Liebster. Du wohnst nun in allen Kammern meiner Seele und da wo ich zu Hause bin, bist Du es mit mir. Das Erfahren des eigenen Lebens und seiner wundersamen Neugestaltung durch das Erleben unserer Liebe ist so vielfältig und tiefgreifend, daß ich keiner Anregung von außen mehr bedarf; ja, daß ich sie meide so viel es geht. Und doch trägt das Leben täglich so viel an mich heran; durch die Begegnung mit den Menschen, den Dingen und Zeitgeschehnissen. All das gräbt sich noch in das Menschenherz ein und mir scheint es oft zu klein, um all diesen Dingen Raum zu geben.

Da bin ich oft versucht, mich gegen alles, was von außen an mich herankommt, bewußt abzuschließen, damit alle Kräfte frei werden um möglichst intensiv dem Eigenen, Persönlichen, d. h. alles was Dich und mich angeht, leben zu können. Manchmal ist dieses Bemühen unerläßlich, um im Ansturm der Geschehnisse überhaupt noch zu sich selbst zu kommen und nicht von den Dingen erdrückt zu werden. Aber vielleicht steckt auch eine egoistische Haltung dahinter, der Egoismus zu Zweien, der den Liebenden so oft vorgeworfen wird. Daran habe ich auch in unseren gemeinsamen Tagen oft denken müssen, wenn wir so darauf bedacht waren, möglichst viele Stunden für uns zu ergattern – manchmal auf Kosten der anderen. Du, die Gedanken Deines Briefes waren mir wie eine Rechtfertigung zu diesem unserem Tun. Gewiß, es geht zunächst um uns, aber nicht allein und letztlich. Das Wissen um die Verantwortung , mit der wir das Persönliche gestalten wollen, hebt es über den kleinen eigenen Bereich hinaus in den größeren, der auch uns so sehr am Herzen liegt. In dem Maße, wie wir im Bewußtsein unserer Verantwortung vor Gott unser gemeinsames Werk tun, dienen wir zugleich der großen Entwicklung des Zeitgeschehens und wir wollen es so tun, als ob seine Hinwendung zum

guten, wahren, reinen und gottgewollten Leben allein von uns abhinge. Du mein August, es ist doch etwas wunderbar Schönes, daß wir unserem gemeinsamen Wirken mit der gleichen Freude, aber auch mit dem gleichen Ernst und dem gleichen Verantwortungsbewußtsein entgegensehen.

In diesen Tagen steht unser Volk 4 Jahre im Krieg, im gewaltigen Ringen von Geist und Materie, und es blutet aus tausend Wunden, die der Krieg ihm geschlagen hat, hier und draußen, an Seele und Leib. Alles scheint in Frage gestellt zu sein, alles in die Entscheidung des Geschehens einbezogen. Auch an uns geht diese Entwicklung nicht vorüber; wir wollen auch nicht an ihr vorüberleben, sondern wissen uns ganz lebendig da hineingestellt. Wenn der Herr gerade in die Zeit der Entscheidung unseres Volkes die Stunde unserer Entscheidung hineingelegt hat, so ist das Wagnis, das wir damit eingehen gewiß besonders groß. Doch wir sagen unser Ja zu diesem Wagnis aus ganz bereitem Herzen und wenn uns Gott die Gnade gibt in allen schweren Stunden, die unser in der Gemeinsamkeit noch harren, das Ja mit der selben Bereitschaft zu sprechen, dann ist dem Wagnis die Tragik eigentlich schon genommen.

Sieh, mein Liebster, so leuchtet über allen noch so

ernsten Erwägungen, zu der die Stunde uns gemahnt, die Freude. Denn das Wissen um die Geborgenheit in Gottes Vaterhand, und daß er alle Geschicke lenkt, die der Menschen und Völker, läßt uns froh und zuversichtlich den Weg gehen, den er uns gewiesen hat.

Der Sommer leuchtet nochmal auf mit letzter Kraft. Ich möchte die letzten Strahlen festhalten und in mich hineinholen. Mittags ist es oft noch so schön warm, daß man garnicht glauben kann daß der Herbst vor der Türe steht. Ob die Sonne noch Kraft genug hat den vielen Beeren die fehlende Süße zu schenken, damit sie zur vollen Reife gelangen? Es ist Erntezeit, Höhepunkt des Jahres und seines Schaffens und Wirkens. Die zarten, blassen Kelche der Herbstzeitlosen, die erst vereinzelt, nun aber überall hervorsprießen, künden den unabänderlichen Ablauf der Monde und Zeiten. Sie wollten mich erst etwas wehmütig stimmen. Wir Menschen klammern uns zu sehr an das Heute und machen dem Morgen, das uns anderes bringt, das Kommen oft so schwer. Und es ist doch alles so gut wie es kommt, denn nicht wir kleinen Menschen, sondern die ewige Weisheit hat alles so eingerichtet, in uns und um uns.

Liebster, ich grüße Dich von ganzem Herzen

Deine Marga.