Marga Ortmann an August Broil, 3. Oktober 1943
66. Sonntag, den 3. Oktober 1943
Mein lieber August,
was soll ich Dir heute sagen aus der Fülle der Empfindungen und Gedanken, die in mir sind von den vielen gemeinsamen Stunden her? Das Erleben dieser Stunden mit allen Einzelheiten hat sich tief ins Herz gesenkt und ich möchte es ganz fest darin verschließen, damit nur ja nichts verloren geht. Weißt Du, das Erleben als Ganzes ist noch zu gewaltig, um ihm jetzt schon gerecht werden zu können; doch das eine oder andere Geschehen ragt daraus empor und fordert spontan nacherlebt und gedanklich verarbeitet zu werden. Nachdem sich gestern in meinem Brief an Dich die ernsten Erwägungen geltend machten, - sie drängten machtvoll durch die Vielfalt der Empfindungen – kann ich jetzt dem Glück und der Freude umso mehr Spielraum gewähren. Du, es macht mich so reich, daß ich auch den Widerwärtigkeiten des Alltags mit einer viel größeren Ruhe und Gelassenheit begegnen kann. Auch Du willst mit Freude und neuem Eifer Dein Tun wieder beginnen, denn nur so können wir uns all der köstlichen Geschenke würdig erweisen.
Gestern abend war schon Deine erste Nachricht aus Bremen bei mir, die mir von Deiner Ankunft beim
Anblick des nächtlichen Sternenhimmels und dem ersten Soldatentag erzählt hat. Ja, mein lieber August, ich bin froh darum, daß wir in so feiner Weise voneinander Abschied nehmen konnten, ohne den Blicken der vielen Menschen preisgegeben zu sein. Ich habe das Abschiednehmen noch nie so schmerzlich empfunden wie jetzt; es wird wohl immer schwerer je näher wir einander kommen und wir sind uns ja noch nie so nahe gewesen wie jetzt.
Komm, nun will ich Dir zunächst von dem wundersamen Erlebnis des heutigen Sonntags erzählen, das mit unseren gemeinsamen Tagen in unmittelbarer Beziehung steht. Ich war um ½ 8 fertig um mit Finni zur Kirche zu gehen, da kam mir der Entschluß das nachzuholen, was wir gemeinsam nicht mehr tun konnten: nach Altenberg zu gehen. So habe ich mich dann ganz allein auf den Weg durch den stillen Morgen gemacht. In Hebborn begegneten mir viele sonntägliche Menschen, die auf dem Weg zur Kirche waren. Eine wohltuende Ruhe und Gelöstheit lag auf ihren Gesichtern; welch ein Unterschied gegenüber den Gesichtern der Stadtmenschen, die mir täglich begegnen! Als ich von der Landstraße in den Fußweg abbog, war ich bald ganz alleine. Die Stille tat so gut, kein Laut war vernehmbar als nur das leise Rauschen der Bäume von denen
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die Tropfen des nächtlichen Regens fielen. Ich kam an dem Hohlweg und an dem Feld vorüber, wo wir in der sonst unberührten Schneedecke die Spuren von Hasen und Reh einmal verfolgt haben. Der gleiche Weg rief so manches Erleben aus den Anfängen unserer Gemeinsamkeit in mir wach und erinnerte mich an das, was wir damals auf diesem Weg miteinander gesprochen haben, zuerst im Schnee und dann an jenem unvergeßlichen Vorfrühlingstag im Februar. Auf der Höhe, von wo aus der Weg ins Scherfbachtal hinuntergeht, konnte ich einen weiten Blick tun über die sanften Hügel und Täler, die Wälder und Felder, aus denen sich der Nebel wie ein leichter Schleier erhob. Den Hang hinunter durch den Wald, wo wir im Schnee nur zu rutschen brauchten, war heute der Weg recht beschwerlich, denn der Boden war sehr aufgeweicht durch den Regen der letzten Tage. Im Scherfbachtal waren die Felder schon alle abgeerntet und umgepflügt lagen die braunen Schollen der Erde bereit, neue Saat zu neuem Wachsen zu empfangen. Jedes Bild, das sich dem Auge bot, gab Anlaß zu neuen Gedanken und suchte in Beziehung zu treten zu dem, was die Tiefen des Herzens bewegte. Was auf dem Weg alles in mir vor sich ging war so beglückend schön, daß ich meiner Freude im Singen einmal Ausdruck geben mußte. Bald war ich an der Stelle, wo wir im Februar die Sonne feurig rot unter-
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gehen sahen. Wie eine Vase, hast Du damals gesagt. Das Laub der Buchen und Eichen wagte schon die ersten Töne herbstlicher Färbung und in einer Lichtung war eine einsame Kastanie schon aller Blätter beraubt. Ich hätte noch lange so sinnend durch die sterbende Natur gehen mögen. Ja, der Herbst bringt ihr das Sterben, aber das Wissen darum, daß es ein Sterben zu neuem Werden ist, läßt die leise Wehmut garnicht recht aufkommen. Bald kam ich an den Weihern vorüber, auf denen Deine Mutter als junges Mädchen Schlittschuh gelaufen ist. Jetzt ist die Oberfläche mit einer stumpfen grünen Algenschicht bedeckt. An der Wegbiegung leuchtete mir schon das graue Gestein des Domes entgegen, der im Schein der Morgensonne bald vor mir aufragte. Jedesmal ist man neu überwältigt wenn man aus dem Wald kommend so plötzlich vor dem schlichten, klaren Bauwerk des Domes steht. Mit mir folgten noch viele Menschen, die von den Höhen hinabstiegen, dem Rufe der kleinen Glocke. Und wieder stand ich in den Hallen, die uns so viel bedeuten.
Das Bild der Mutter hat einen anderen Platz bekommen. Wie schön daß ich gerade zu Beginn des Monates da sein konnte, der ihr in besonderer Weise geweiht ist. Wie zu Beginn des Jahres der Mai, in dem alles Wachsen und Blühen beginnt, so auch der Oktober, in dem alles Blühen und Reifen in der Ernte seine Erfüllung findet.
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Die Menschen vom Lande dankten gestern für den Segen der Ernte und wir mit Ihnen. Zum Zeichen dafür war in der Mitte der Vierung ein Tisch mit den Früchten des Feldes und der Bäume aufgestellt. Die Menschen des Bergischen Landes, deren Tun noch im Glauben verankert ist, wissen darum, daß all ihr eigenes Schaffen vergebens ist, wenn nicht der Segen Gottes das Gedeihen schenkt. Wie ich beim hl. Opfer mit ihnen dankend vor den Herrn trat, da mußte ich Ihm auch für all die anderen Güter jubelnd Dank sagen, die Er uns immer wieder geschenkt hat. Wir durften gemeinsam durch das Jahr und seine Zeiten schreiben: von jenem strahlenden Altenberger Vorfrühlingstag, an dem wir das Aufbrechen des neuen Lebens überall in der Natur schauen und erleben durften, durch den Frühling unserer Aachener Sonntage, in denen ein zartes Blühen und stetes Wachsen begann und dann durch den Sommer schwerer äußerer und innerer Erschütterungen bis zu den letzten frühen Herbsttagen, an denen wir uns die reifen Beeren und die Früchte, die wir am Wege fanden, lachend in den Mund geschoben. Ja, mein lieber August, die Entwicklung und das Wachsen unserer Gemeinsamkeit hat dem Geschehen in der Natur, das wir beide so bewußt erleben durften, wahrlich Schritt gehalten. Wie der Schöpfer allen Lebens den Früchten der Erde das
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Gedeihen schenkte, so auch dem Wachsen unserer Liebe und Gemeinsamkeit. Dafür wollen wir Ihm recht von Herzen Dank sagen. Ach ich kann Dir garnicht sagen wieviel jubelnde Freude bei diesem Danken in mir war! Wir haben doch allen Grund mit leuchtenden Augen durch die ernste Zeit zu gehen, wenn sie auch manchmal harte Forderungen an uns stellen mag.
Nach der Feier des hl. Opfers, das der Pfarrer mit seiner Gemeinde in so feiner Weise zu gestalten weiß, habe ich noch eine Weile still vor dem Bild der Mutter gestanden und all die stürmenden Gedanken hineingenommen in ein betendes Schweigen. Dann habe ich vom Eingang aus den Blick noch einmal durch das Langhaus schweifen lassen, an den schlanken Säulen hinauf, wo auf den Kapitellen die Blätter unserer Wälder zu sehen sind, bis sich die Linien der beiden Säulenreihen im höchsten Punkt des Gewölbes schneiden. – Den Heimweg habe ich über die Landstraße gemacht, auf der wir schon so oft zu Fuß und per Rad zum Dom gezogen sind. Es ist Mittag geworden und die Sonne nahm nochmal all ihre Kraft zusammen. Das vor einigen Wochen noch so üppige Blühen in den Wiesen ist vorüber, nur hier und da stand noch ein einsames Blümlein und ich habe aus den vielen einzelnen noch einen schönen bunten
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Strauß gemacht. Für Dich möchte ich ihn pflücken, den letzten Strauß dieses Sommers, und damit Deine Soldatenstube ein wenig freundlicher machen können. Aber mag die Stube noch so unschön sein, die Gespräche der Kameraden noch so schmutzig, ich weiß, in Deiner Seele ist es dennoch hell und rein, und wenn ich an all den äußeren Dingen auch jetzt nichts tun kann, daß es in Deinem Herzen so bleibe, daß es immer lichter und klarer werde, dazu kann ich sicher etwas beitragen und will es gerne tun mit jedem Tag.
Mein lieber August, heute, am Montagabend erst kann ich den Brief für Dich beenden. Gestern abend waren wir noch eine Stunde mit Klaus Franken und den Gladbacher Mädchen zusammen. Im Mittelpunkt des Gespräches stand wieder die bange Frage um die Zukunft unseres Volkes. Wie sie doch alle in gleicher Weise beschäftigt, die da draußen und uns daheim! Mag auch das Ringen um seine völkische, politische und geistige Existenz noch nie so groß und entscheidend gewesen sein wie in dieser Stunde, kann nicht der Geist Gottes wehen wo er will und das Angesicht der Erde und das eines Volkes dann erneuern, wenn Seine Stunde gekommen ist, und sei es die des Chaos und der Vernichtung? Alles Denken und Überlegen kann uns keine Gewißheit geben, so sehr wir sie uns
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auch ersehnen. Wir können nur eines tun, unsere Kraft einsetzen, damit das Gute, Wahre, Reine und Edle in unserem Volke gewahrt bleibt, daß Christus in ihm lebendig bleibt und sei die Zahl derer, die sich zu Ihm bekennen, auch noch so klein. Unser ganzes Vertrauen aber müssen wir in das Wirken Gottes setzen, der auch in der dunkelsten Stunde noch neues Licht entzünden kann.
Liebster, manches habe ich Dir jetzt erzählt, ich möchte nur eines können: Dich spüren lassen wie froh und glücklich ich bin! Aber Dein Brief hat mir ja gesagt, daß die Freude unserer gemeinsamen Stunden auch in Dir noch nachhallt, sieh‘ und das ist mir eine ganz besondere Freude.
Gestern habe ich mich beim Standesamt wegen der erforderlichen Papiere erkundigt. Außer den Familienbüchern, dem Ehetauglichkeitszeugnis des Gesundheitsamtes und der Wehrmachtseheerlaubnis ist nichts beizubringen. Vater hat mir für die notwendigen Anschaffungen gestern einen Scheck von drei Tausend M. zur Einzahlung auf ein Girokonto gegeben. So können wir jetzt jederzeit darüber verfügen.
Mein August, ich grüße Dich so herzlich froh
Deine Marga.