Marga Ortmann an August Broil, 7. Oktober 1943

67. Donnerstag, den 7. Okt. 43.

Mein lieber August.

Heute komme ich nicht alleine zu Dir, ich bringe Dir Lippert’s Worte mit, die uns an jenem regnerischen Tag, den wir so planlos unbeschwert, ja spielend verbracht haben, so viel gegeben haben. Als ich sie zum ersten Mal aus Deinem Mund hörte und auch beim nochmaligen Lesen war es mir, als seien sie eigens für uns geschrieben. Es wird wertvoll sein, sie nochmal zur Hand nehmen zu können, deshalb habe ich sie für Dich abgeschrieben.

Wir wollen uns um die sorglose, ganz auf die Fügung des liebenden Vaters vertrauende Haltung bemühen, die Lippert uns vor allem am Schluß seiner Erwägungen aufzeigt. Je größer die Liebe, umso stärker kann das Vertrauen sein. Unsere Liebe aber ist angesichts der unendlichen Liebenswürdigkeit Gottes wie ein Nichts und wir müssen immer wieder darum bitten, daß der Herr sie in uns entzünden möge, daß Er den Funken in uns entfache und zu solcher Glut auflodern lasse, daß sie die Kraft gewinnt ein ganzes Leben zu formen und zu gestalten. Die Liebe zu Gott aber verlangt vertrauende Hingabe an die weise und liebend sorgende Führung seiner Hand. Wenn Liebe und Vertrauen das Band ist, daß uns mit Ihm

verbindet, dann wird uns von daher immer noch ein Licht scheinen auch auf den dunkelsten Strecken unseres Weges. Dann wird uns der Wurm nichts anhaben können, der unaufhörlich an den Menschen unserer Tage nagt, da er Mißtrauen und Haß säet, wo vormals Vertrauen und Liebe geblüht haben.

Mein lieber August, als ich die Worte Lippert’s aufschrieb war mir die Stunde wieder ganz nahe gerückt, in der Du sie mir vorgelesen hast. Draußen ging der Regen nieder und die grauen Wolken ließen das Sonnenlicht garnicht recht durchkommen. Wir saßen zusammen in der kleinen Stube und ließen uns ganz hineinnehmen in die Gedankengänge dieser Worte, die so manches klar und einfach zum Ausdruck brachten, woran wir uns in unseren Gesprächen nur herangetastet hatten. Es ist so schön und macht mich so recht innerlich froh, wenn das gemeinsam Erlebte, wie auch diese Stunde, wieder in mir lebendig wird, wenn alle Worte, Gedanken und Empfindungen aus den Tiefen des Herzens, darin sie ruhen, aufsteigen, und neu verkostet werden dürfen. Dann spürt man erst, welche Kraft dieses Erleben in sich birgt, daß man lange noch davon zehren kann. Alle äußeren Eindrücke, die der Tag so an mich heranträgt, müssen vor dem Erleben aus der eigenen Tiefe weit zurückstehen und ich möchte mich allem anderen

verschließen, um den ganzen Raum der Seele frei zu halten. Aber da stoße ich immer auf die Schwierigkeit, daß ich noch zu viel in mich hineinnehme, daß ich alles zu stark gedanklich verarbeite, bis ich schließlich dem Übermaß nicht mehr Herr werde. Man müßte ein Netz vor die Seele spannen, dessen Maschen nur jene Eindrücke durchläßt, die wert sind in das Innere hineingenommen zu werden. Doch wenn noch so viel täglich auf mich einstürmt, Großes und Kleines, Frohes und Schweres, Erhebendes und Bedrückendes, das Klingen des Herzens ist immer noch stärker und weiß alles andere zu übertönen.

Weißt Du, ich möchte Dich das alles so ganz wissen lassen wie es in mir vorgeht, Dir alles zeigen können wie ich es spüre und erlebe und doch nicht verstehen kann. Es ist aber wohl gut, daß der Verstand in die Vorgänge des Herzens nicht ganz einzudringen und sie zu erklären vermag: alles wahrhaft Große ist in den Schleier der Verborgenheit gehüllt und vermag ihn erst zu lüften, wenn seine Stunde gekommen ist.

Eines aber ist mir gewiß, daß der Grundton in allem Auf- und Niederwallen der Gedanken, Geschehnisse und Empfindungen die Freude ist. Sie mag zuweilen hell aufjubeln und sich in neuen Liedern Ausdruck suchen, oder auch nur ganz still in der Tiefe ruhn; aber sie ist immer da und das läßt mich so dankbar sein.

Das Erleben unserer gemeinsamen Tage läßt mich ganz besonders froh sein, auch jetzt noch. Nur gestern abend war ich fast ein wenig traurig, weil immer noch kein Brief von Dir da war. Nachher hätte ich mich selbst ausschellten mögen. Wie kann man nur so ungeduldig sein, wie ein Kind, das gleich den Kopf hängen läßt, wenn sein Herzenswunsch nicht sofort erfüllt wird. Ja, Du hast recht, wenn Du manchmal Kind zu mir sagst. Wenn die Entwicklung zum Frausein hin mich selbst oft erstaunen läßt, da sie mit solcher Gewalt in mir aufgebrochen ist, es ist doch noch so viel Kindhaftes in mir, das sich garnicht von heute auf morgen abtun läßt.

Liebster, ich wollte Dir noch von Dienstagabend erzählen. Ich bin Finni, Therese + Ursel im Konzert gewesen. Zum ersten Mal seit dem Geschehen am 29. Juni habe ich wieder Musik gehört, und nicht nur gehört sondern wirklich erlebt. Das Schicksalslied von Brahms und die Achte Symphonie von Bruckner waren eigentlich zuviel für einen Abend. Wie ich die Sprache der Töne in diesen beiden Werken verstanden und in mich aufgenommen habe, kann ich nicht schreiben. Du, wir müßten so etwas alles gemeinsam erleben können. Ich konnte garnicht verstehen, daß die anderen gleich nach dem Konzert in der Bahn ein Buch lesen konnten, als ob nichts gewesen wäre, während ich noch ganz bei der Musik war.

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Der Weg durch die sternklare Nacht, den ich mit Finni schweigend ging, war danach so schön. Beim Schein des Mondes werden die Räume so weit, alle Ferne wird nah, da sie der Glanz des gleichen Lichtes umschließt. Sieh‘ und immer wenn es abend wird muß ich an die feinen Stunden und Wege denken, mit denen wir an unseren gemeinsamen Tagen den Tageslauf beenden durften. Daher ist mir der gleiche abendliche Weg, den ich jetzt allein machen muß, so vertraut. Auch der erste Abend in Bayenthal wird mir unvergessen bleiben, als wir am Rhein saßen und es Dir so hart war, wie Du mir später gesagt hast, daß Du mir nicht so gut sein konntest wie an den späteren Abenden. Ich habe das wohl gespürt, aber für mich war das Glück, daß Du da warst, daß wir beieinander sein durften zu groß, um irgendwie beeinträchtigt zu werden. Und dennoch hat es mich gefreut als Du nach Tagen davon sprachst, denn es gab mir die Gewißheit, daß wenn wir im nahen Beisammensein uns die Zeichen tiefen Zugetanseins einander schenken, dies auch der ganzen inneren Haltung, dem Verlangen des Herzens entspricht. Wir wollen auch darin ganz ehrlich zueinander sein und lieber auf etwas verzichten, als daß diese zarten, feinen, gar heiligen Dinge etwas von ihrer Wahrhaftigkeit und Echtheit verlieren könnten. Mein lieber August, wenn ich so mit Dir spreche, wie es im Brief immer geschieht, dann stürmen tausend

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Dinge und Gedanken auf mich ein, die ich noch sagen und mit Dir überlegen möchte. Vielleicht ist es gut, daß die kurze Zeit mir da die Schranken setzt, sonst könnte ich wohl kaum ein Ende finden.

Ich muß Dir noch erzählen, daß Else uns allerlei Geschirr für den Haushalt besorgt hat. Es macht doch Freude, wenn man sieht wie alle an uns denken und mithelfen wollen. Gestern bin ich beim Gesundheitsamt gewesen und habe das Ehetauglichkeitszeugnis beantragt. In 10 Tagen kann ich es abholen und schicke es Dir dann gleich zu. Damit wären dann alle erforderlichen Papiere zusammen. Es geht immer weiter mit uns beiden, Schritt vor Schritt vorwärts, mit den äußeren Dingen ebenso wie mit den inneren. Sag‘ glaubst Du, daß unser geplantes Treffen in Hannover zustande kommt? Es wäre ja schon Sonntag in 4 Wochen, bald zu schön um wahr zu sein! Wenn es ja auch noch ungewiß ist, freuen können wir uns schon darauf. Du Liebster, ich bin ja so voller Freude und wünschte nur, daß es in Dir auch so hell und froh wie eben möglich werde. Alles was ich dazu beitragen kann, will ich tun, jetzt und auf all unseren gemeinsamen Wegen. Bleibe froh und stark da wo Du jetzt stehst und immerfort. Das wünsche ich Dir von Herzen und denke Dein

Deine Marga.

Den Lippertbrief schicke ich gesondert ab.