Marga Ortmann an August Broil, 9. Oktober 1943
68. Samstag, den 9.X.1943.
Mein Liebster,
gestern abend war Dein Brief bei mir. Ich habe ihn lange in den Händen gehalten, zuerst noch das letzte Werk verrichtet, das zu tun war, um dann ganz bei Dir sein zu können. Dann aber war es ein wirklicher Feier-abend, es war still um mich her – wenn ein Brief da ist läßt Finni mich immer allein – und auch in mir begann es ganz still zu werden. In diese Stille konnten die Bilder und Gedanken Deines Briefes so stark eingehen. Du, laß mich Dir gleich heute früh Dank sagen für die feinen Worte, mit denen Du Dein und mein Erleben aus dem Herzen hervorgeholt hast, um es wieder neu und eindringlicher noch in uns erstehen zu lassen. Wie ich mein eigenes Erinnern in Deine Worte hineinlegen konnte und es mir daraus so wundersam wieder entgegenleuchtete, waren sie mir ein Zeichen für das tiefe innere Einswerden, das mit uns begonnen hat. Das Herz tut sich weit auf bei solch gemeinsamem Erinnern und Wiedererleben und die Freude darüber durchpulst den ganzen Menschen mit ihrer Wärme und Kraft. Ach, es ist doch ein großes Geschenk, daß wir all das Erleben der Natur, all der Berge und Wälder, Wiesen und Felder, und unserer Gemeinsamkeit darin mit solcher Freude und Innigkeit, mit so beglückender Tiefe
und Inbrunst in uns hineinnehmen dürfen. Es überwältigt mich oft so, daß ich es garnicht zu fassen vermag.
Mein lieber August, wie haben wir einander schauen dürfen in diesen gemeinsamen Tagen. Mit so großer Deutlichkeit und Offenheit, mit solcher Klarheit und Ehrlichkeit wie nie zuvor. Wenn ich mich frage, welche von all den gemeinsamen Stunden mir die liebsten waren, so sind es jene, in denen ich Dein liebes Antlitz ganz fest in meinen Händen hielt und immerfort darin lesen durfte, ganz tief in Dich hineinschauen durfte und all das Geschaute und Erahnte tief in die eigene Seele hineintrug. Da steht nun Dein Bild schöner und klarer als je zuvor, aber auch wahrer und wirklicher. Solches Schauen geschieht ja nicht nur mit den Augen, sondern mit dem ganzen suchenden, tastenden Herzen und empfängt mit dem Blick nicht nur das Antlitz, sondern den ganzen Menschen, vor allem die Seele, die sich darin spiegelt. Wenn ich Deine Fotos vom vorigen Jahr zur Hand nehme und mit dem geschauten Bild vergleiche, das in mir lebendig ist, so fällt mir immer wieder mit einer gewissen Genugtuung und Freude die Veränderung auf, die selbst fremde Menschen schon wahrgenommen haben.
„In jedes Menschen Gesichte
steht seine Geschichte
sein Hassen und Lieben
deutlich geschrieben,
sein innerstes Wesen
tritt hier ans Licht.
Doch nicht jeder kann’s lesen,
verstehen jeder nicht.“
Du, mein Liebster, ich glaube wir können dieses Lesen und Verstehen jetzt schon recht gut und wollen um die Gnade bitten – es ist gewiß eine Gnade – , daß unser innerstes Wesen einander immer mehr offenbar werde.
In diesem Zusammenhang kam mir noch folgende Erwägung: Wenn das Schauen des geliebten Menschen, dieses Schauen von Seele und Leib schon so beglückend sein kann, muß uns da nicht aufleuchten, daß die höchste Beseligung des Menschen dereinst im Schauen liegt, in der Anschauung Gottes, der ja die Fülle des Guten und Schönen, von dem der Mensch nur ein Bruchteil tragen kann, in sich birgt?
Möge Er all unserem gemeinsamen Mühen und Wirken seinen Segen geben, dann wird es dereinst in diesem gemeinsamen Schauen seine letzte Erfüllung finden. Du, ich grüße Dich ganz herzlich Deine Marga.
Fast hätte ich über diesen Gedanken die anderen Dinge wieder vergessen, wovon ich noch schreiben wollte. Bei dem Angriff auf Hagen ist das Geschäft unserer Bekannten zwar verschont geblieben, das Privathaus jedoch ganz ausgebrannt. Durch das eigene Erleben empfindet man das leidvolle Geschehen bei anderen Menschen doppelt stark mit.
Deinen Schott habe ich Dir gleich als ich ihn zu Hause fand geschickt. Hoffentlich kommt er gut an. Von all unsern Lieben soll ich Dich herzlich grüßen. Laß den morgigen Sonntag recht gut für Dich werden.
Deine Marga.