Marga Ortmann an August Broil, 13. Oktober 1943
69. Köln, den 13. Oktober 43.
Mein lieber August,
Dein kleines Brieflein mit der Nachricht, daß Du den Angriff auf Bremen gut überstanden hast, hat mich wieder einer Sorge enthoben und recht froh gemacht. Denn etwas besorgt war ich doch als ich von dem Angriff erfuhr. Diese Sorge tragen um den liebsten Menschen ist ja so selbstverständlich in unseren Tagen, da uns jede Sicherheit genommen ist, und es ist etwas so Menschliches, dieses Sorgen, zumal für den fraulichen Menschen. Uns ist nur die Mahnung gegeben, nicht ängstlich besorgt zu sein, sondern unsere Sorge in die Hand dessen zu legen, der uns in seiner Vatersorge hält und erhält. So war mein Beten für Dich in diesen Tagen inniger noch als sonst. Du, das Gebet füreinander ist vielleicht mit der Arbeit am eigenen Ich das Kostbarste, das wir uns jetzt in der Zeit der Trennung schenken dürfen. Wenn all unser Mühen und Wirken täglich in vertrauendem Gebet vor den Herrn getragen wird, dann wird es uns sicher gelingen unser Leben so zu führen, daß es vor Ihm Bestand haben kann, ja, daß es beiträgt zu Seiner Ehre. Ach, wir tun ja noch viel zu wenig. Wie viel haben wir jeden Tag den Menschen um uns zu sagen und wie wenig Zeit nehmen wir uns zum Gespräch mit Gott, ja wann machen wir uns einmal wirklich inner-
lich frei zu diesem Sprechen mit Gott. Täglich ruft es uns der Priester vom Altar aus zu und auch die Geschehnisse der Zeit sagen es uns mit eindringlicher Stimme und wir selbst möchten den Ruf aufnehmen und weitertragen an die, die ihn dennoch nicht gehört haben: Betet Brüder! Komm, wir wollen dem Rufe Folge leisten, und mag die Schar der Beter auch noch kleiner werden, wir wollen miteinander und füreinander beten, denn nur betend erlangen wir die Kraft, die uns not tut um alle Kämpfe zu bestehen.
Sonntagmorgen bin ich wieder in Altenberg gewesen, diesmal nicht alleine, Finni, Maria u. Franz Weyerstraß waren mit dabei. Welch ein herrlich strahlender Herbstmorgen war das doch! Wie deutlich konnte ich die Veränderung in der Natur seit dem letzten Sonntag beobachten. Der Wald steht jetzt in seiner buntesten Farbenpracht: vom frischen Grün der jungen Birken bis zum fahlen leblosen Ton vergilbter Buchenblätter hinein ins stumpfe Braun der wie eine welke Hand zusammengeballten Blätter der Kastanie. Doch die Sonne schenkt heute den mattesten Farben noch einmal neues Leben und läßt sie golden und rötlich glänzend aufleuchten in neuer Pracht. Der Wind geht sacht durch das Geäst des großen Eichbaumes und läßt die kleinen reifen Früchte um uns herunterpurzeln. Am Wegrain, wo
ich letzten Sonntag noch einen kleinen bunten Strauß finden konnte, wagt sich nur hier und da noch verstohlen ein Blütchen hervor. Das sonst so üppige Gerank ist verdorrt fast wie verbrannt an den letzten Strahlen der Sonne ineinander verwirrt. Das Bild aber, das sich dem Auge bietet, da es über Wiesen und Täler, Wälder und Hügel hinweggeht, ist reicher noch, stiller und bewegter als in den Tagen des Sommers. Ach, ich möchte all diese Bilder, die ich so schauend in mich hineingenommen habe, zu Dir hintragen können, daß Du Dich mit mir daran erfreust.
Der Nachmittag dieses späten Sonnentages gehörte ganz den Eltern, denen es eine Freude war mit der Ältesten und Jüngsten gemeinsam einen Spaziergang zu machen. So konnte ich mir recht viel gute Luft und Lust für die Arbeit der Woche holen, die nun wieder begonnen hat. Unsere Sonntage, besonders die ganz stillen, sind doch so rechte Kraftquellen. Manchmal scheint die Last der Woche am Samstagabend mich noch einmal ganz zu überfallen. Aber nach dem Sonntag ist es stets ein neues gutes Beginnen. Was ist es denn, was unsere Sonntage so erfüllt? Das Erleben des sonntäglichen Opfers, das Schauen all des Schönen in der Natur, das Gelöstsein von den Dingen des Alltags, das Freisein für sich selbst und nicht zuletzt die größere Freiheit der Gedanken, die über die Trennung hinweg die Brücke schlagen zu
dem geliebten Menschen hin. Das Atmen der Seele kann soviel freier und ungehemmter geschehen als im Getriebe des Werktages, das trotz aller Bemühung des Fernhaltens immer noch ein Wenig ins Innere hereindringt. Darum fühlte ich mich Dir an den Sonntagen ganz besonders nahe und ich freue mich so sehr darüber, daß Du sie Dir trotz des Alleinseins in der Fremde so fein zu gestalten weißt. Hoffentlich ist Dein Schott noch zum Sonntag bei Dir angekommen, damit Du wenigstens den Text der Liturgie lesen und betrachten kannst, wenn Dir das wirkliche Erleben nicht möglich ist. Ein Wort aus der Lesung des Sonntags, das Paulus an die Epheser schreibt, (Epheser 4, 1-8) ist mir besonders haften geblieben und hat mir zu denken gegeben: Ertragt einander in Liebe! Die Mahnung des Apostels gilt sowohl für das Leben in der großen Gemeinschaft, wie für das Leben des Einzelnen in der Gegenüberstellung von Ich und Du. Zuerst schien mir das Wort für solche Situationen gesagt zu sein, wo mir ein Mensch begegnet, der mir unsympathisch, lästig oder gar zuwider ist. Aber vielleicht gilt dieses Wort auch jenen, deren Bindung zueinander eben die Liebe ist, also auch uns beiden.
Ertragt einander in Liebe! Gibt es nicht oft Stunden, in denen wir selbst unter dieser oder jener Eigenart unseres Wesens zu leiden haben, in denen wir uns selbst ertragen müssen, in denen wir ein Stück unseres Seins als Last
empfinden, ja als Belastung? Mögen diese Stunden selten sein oder häufig – sie werden kommen wenn uns ein Fehler oder eine Schwachheit einmal wieder besonders zum Bewußtsein gekommen ist. Wenn uns das mit dem eigenen Wesen so ergehen kann, - das es möglich ist habe auch ich schon erfahren und wenn es nur in der Frage lag: warum habe ich viele Dinge so viel schwerer als andere Menschen? – so wird es gewiß auch mit den Eigenheiten, Schwächen und Fehlern des Menschen uns einmal ergehen können, den wir lieb haben, ja, den wir „lieben wie uns selbst“. Sieh‘ und deshalb glaube ich, geht uns dieses Wort besonders, Dich und mich. Du, ich spüre so manchmal wie Du Dich darum sorgst, daß Züge Deines Wesens, die ich noch nicht recht kenne, eines Tages offenbar würden und mich ernüchtern oder gar enttäuschen könnten. Um das zu verhüten oder gar vorwegzunehmen versuchst Du immer wieder mit einer Ehrlichkeit, die mich fast erschüttern könnte, mir das Bild Deines Wesens zu zeichnen, lieber etwas zu dunkel als heller. Als das zum ersten Mal geschah in Deinem langen Brief nach unserem Pfingstfest durfte ich gerade daran, wie diese offene Bloßstellung auf mich gewirkt hat, meine Liebe zu Dir neu und tiefer erfahren. Ich sage Dir ganz ehrlich, daß mich trotz des Schmerzes den ich dabei um Dich empfand, nichts, aber auch gar nichts irgendwie abgestoßen hat,
sondern daß ich Dich so, und gerade so erst recht lieb haben mußte, noch viel mehr als vordem. Und wie bei diesem ersten Mal so ist es auch bei jedem späteren Erkennen gewesen und auch bei der Erkenntnis, die mir unsere letzten gemeinsamen Tage gebracht haben. Ich bin so froh darum daß es so war und möchte wünschen, daß es immer so sein kann. Und dennoch müssen wir vielleicht heute schon erwägen, - und Du hast es mir in Deinen Briefen manchmal viel zu sehr getan – daß es auch einmal anders kommen kann, daß im täglichen Zusammenleben auch einmal Stunden eintreten, in denen Dir Züge meines Wesens wie eine Last erscheinen mögen und mir die Deinen. Vielleicht birgt jede Ehe solche Stunden und wir müssen sie verkosten wie einen Kelch voll Bitterkeit. Aber ich glaube, daß die Liebe auch dann noch, wenn sie wirklich rein, wahr, tief und selbstlos ist, ihr Trotzdem dazu sagen kann. Sieh‘ und wenn für uns wirklich einmal solche Stunden kommen sollten, dann wollen wir der Mahnung des Apostels eingedenk sein: Ertraget einander in Liebe! Wieviel Geduld, Langmut und Güte liegt in solchem Ertragen, das er da meint, nicht keuchend und stöhnend wie unter einer Last soll es geschehn, sondern in Liebe. Die Liebe allein macht solches
Ertragen möglich, sie ist es ja, von der Paulus in seinem Hohen Lied sagt: sie trägt alles, duldet alles, die Liebe hört nimmer auf. Ja, und daß unsere Liebe solche Kraft habe und immerfort wachse und tiefer, reiner und größer werde, darum wollen wir den bitten, der die Liebe ist und von dem alle Liebe ausgeht.
Mein lieber August, der Tag ließ mir keine Zeit mehr den Brief zu beenden, nun ist es spät darüber geworden. Vor mir auf dem Tisch liegt Dein Sonntagsbrief, zwar geöffnet aber noch nicht gelesen, das soll erst geschehen wenn dieser Brief beendet ist. So hast Du mir also auch etwas zum Freuen und zum „Beherrschen-Üben“ geschickt! (Wenn Du jetzt bei mir wärest würdest Du sicher wieder Lump zu mir sagen, und ich hörte es sogar ganz gerne.)
Ich wollte Dir noch sagen, daß ich für mein Morgenprogramm eine recht gute Lösung gefunden habe. Auf Wunsch von Herrn Fieth beginnt mein Büro im Winter erst um 9 h, so kann ich mir leisten erst um ½ 7 Aufstehen, 7.15 Fahrt ab Kieppemühle, 8 h Messe in der Krypta von Kapitol, dann kann ich schon ¼ vor 9 im Büro sein. Wenn es abends jetzt auch schon mal etwas später wird, dunkel ist es ohnehin meist wenn ich in Gladbach ankomme, doch der
Morgen ist so viel besser ausgenutzt.
Liebster, für heute will ich nun Schluß machen und dann ganz still Deinen Brief noch lesen. So vieles habe ich Dir in diesen Blättern wieder nebeneinandergestellt, daß es ein recht bunter Brief geworden ist; so bunt wie das Laub draußen an den Bäumen, so ist es auch in meinem Herzen miteinander; miteinander, nicht gegeneinander und darum doch trotz aller Unterschiede nicht ohne Harmonie.
Du mein lieber August, ich grüße Dich von Herzen froh und bin immer
Deine Marga.