Marga Ortmann an August Broil, 16. Oktober 1943

70. Samstag, den 16. Okt. 43.

Mein lieber August,

als ich gestern morgen das Fenster öffnete, um die frische Morgenluft hereinzulassen, bot sich mir ein wunderbares Bild: der Garten hinter dem Haus und weiterweg die Heide waren wie in einen weißen Schleier gehüllt, der die Strahlen der Sonne auffing und in allen Farben schillern ließ. Der Anblick wollte mich garnicht wieder freigeben und es drängte mich vor der Fahrt nach Köln noch einen Weg durch die Wiesen zu machen, in denen der erste Reif hing. Der erste Nachtfrost hatte die Tautropfen an den Gräsern und Blättern erstarren lassen und nun waren sie alle mit dem weißen Hauch überzogen. Seltsam plastisch hob sich in der weißen Hülle jeder einzelne Grashalm von den anderen ab und machte die Form mancher unbeachteten Pflanze in ihrer ganzen Schönheit sichtbar. Ich war so froh auf diesem morgendlichen Weg und war garnicht böse darum, daß ich ihn bis Thielenbruch fortsetzen mußte, weil die Bahn nicht fuhr. Auch im Wald gab es so viel Schönes zu schauen und ich tat die Augen weit auf, damit mir nichts verloren ging. Die erste Kälte schnitt zwar ein wenig ins Gesicht und ließ die Hände etwas steif werden, aber es tat mir richtig wohl und ich habe selten einen Tag so frisch und wohlgemut begonnen wie diesen nach einer so feinen Morgenwanderung.

Ja, wieviel köstliches Erleben wird uns doch in der Natur geschenkt, wenn wir nur ganz stille werden können, um all die Schönheiten in uns aufzunehmen. Ich bin so froh darüber, daß auch Du das Befreiende und Beglückende solchen Erlebens recht zu schätzen weißt. Sieh‘ und darum muß ich Dir immer davon erzählen.

Dein Sonntagsbrief, der meine Gedanken an jenem Abend noch lange beschäftigt hat, wartet noch auf Antwort, d. h. nur auf das Schreiben, denn in meinem Herzen hat er schon gleich sein Echo gefunden und alle Saiten zum klingen gebracht. Du, die letzte Antwort auf all die Gedanken, die von Dir zu mir und von mir zu Dir gehen, vermögen wir im Brief garnicht auszudrücken, die werden wir einander erst in den Jahren des gemeinsamen Lebens geben können, das wir in Liebe und Vertrauen, Reinheit und rechter Ordnung uns zu führen wünschen.

Liebster, was Du mir in diesem Brief gesagt und in der Darstellung des letzten Morgens unserer gemeinsamen Tage aufgezeichnet hast reicht so nahe an die Grenze dessen, was wir in Worten auszudrücken vermögen, daß ich es kaum wagen kann, dem aus der Fülle meiner Gedanken und Empfindungen etwas entgegenzustellen, was ich als Antwort betrachten könnte. So laß es Dir genügen, daß ich alles ganz fest und tief in mein Inneres hineingenommen habe und daß ich glücklich

bin, daß Du alles so siehst und erkennst wie Du es mir dargestellt hast. Je mehr ich mich da hineindenke und je länger es mir innerster Besitz geworden ist, umso größer wird mein Vertrauen, umso freudiger meine Zuversicht um das rechte Gelingen unseres gemeinsamen Weges. Daß auch in Dir diese Zuversicht immer mehr Raum gewinnt, ist mir eine besondere Freude und ich weiß auch, daß ich mit jenem Frohsein aus dem Innern nicht mehr allein stehe, wie ich manchmal empfunden habe, denn es leuchtet mir oft so warm und schön aus Deinen Worten entgegen. Mein lieber August, wie sehr haben unsere gemeinsamen Tage doch zum Wachsen unserer Gemeinsamkeit beigetragen. Ja, wir dürfen schon sagen, daß es in unserem Denken und Sehnen, in unseren Anliegen und Nöten, in unserem frohen und ernsten Erleben nichts gibt, was uns nicht gleichermaßen berührt. Es ist so schön wenn wir es im Brief dann auch zueinandertragen können. Nicht immer kann es so geschehn wie wir gerne möchten, wenn der Alltag uns keine Gelegenheit dazu läßt. Aber geistig und seelisch kann es immer geschehen und ich tue es am Ende jeden Tages, wenn ich meinen Tag mit seinem Mühen und Wirken, seinem Siegen und Erliegen mit dem Deinen vereine und so vereint vor den Herrn trage. Denke auch Du dann daran und nimm das Zeichen des Segens an, daß ich Dir über

den Raum der Trennung hinweg herübersende. So soll uns der Abend immer in besonderer Weise vereint sehen, so wie es ja auch an den Abenden unserer gemeinsamen Tage war. Wenn ich jetzt abends den Weg mache kommen mir immer die Worte in den Sinn, die Du mir über unsere gemeinsamen Wege geschrieben hast. Du, wieviel wird uns doch durch das gemeinsam Erlebte geschenkt und wieviel dürfen wir uns gegenseitig schenken; immer mehr und stets soviel, wie es dem Wachsen des Einandergehörens entspricht. Es ist so beglückend zu spüren, wie es immer mehr wächst und uns damit dem endgültigen Einssein in der letzten, gottgesegneten Gemeinsamkeit immer näher bringt.

Der Samstagnachmittag neigt sich dem Ende zu. Ich hätte Dir in der Zeit des Schreibens so viel mehr sagen können, doch die Gedanken verweilten so oft bei dem Gesagten und den Worten Deines Briefes, der vor mir liegt. Aber auch dieses Sinnen und Träumen ist so schön und ich gebe es Dir mit hinein. – Gleich ist die Stunde der Komplet, dann gilt Dir ein besonderes Gedenken. Wieder hat damit eine Woche ihr Ende und wir bereiten den Tag des Herrn. Möge es für Dich auch ein rechter Sonntag werden. Liebster, sie mir von Herzen gegrüßt

Deine Marga.