Marga Ortmann an August Broil, 23. Oktober 1943
Samstag, den 23. Okt. 43.
Mein lieber August,
ich hab mir Deine Briefe bisher doch noch nicht genug angesehen, wenigstens von außen nicht, wie wäre es sonst möglich, daß mir erst auf dem dritten Umschlag die veränderte Anschrift auffällt. Du bist also in den Augen des Militärs eine Stufe höher gerückt und ich muß in Zukunft die Adresse anders schreiben.
Wo Du in meinen Augen stehst, das weißt Du ja. Meinst Du, daß es da auch noch Stufen gibt, auf denen man aufsteigen kann? Ich glaube es nicht, es sei denn das gemeinsame Emporsteigen. Du, und dazu wollen wir uns ja fortwährend Ansporn und Hilfe sein.
Nun habe ich Dir seit Sonntag nicht mehr schreiben können, und ich wollte Dir doch so vieles sagen! Jeden Abend mußte ich mein Ohr ein paar Stunden baden und hatte oft so starke Schmerzen, daß ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Es ist ein Forunkel im Gehörgang aber seitdem der Arzt dem Aufgehen gestern etwas nachgeholfen hat, sind die Schmerzen erträglich. Wie lang kann doch eine Nacht werden, wenn man so herumwandelt, wie ich es in den letzten Tagen getan haben, und man freut sich morgens über den ersten zagen Lichtschein, der den neuen Tag ankündigt.
Da ich den Brief nun einmal so im Plauderton begonnen habe, will ich erst weitererzählen, denn meist vergesse ich das über den anderen Dingen.
Gestern abend hatten wir am Birkenbusch ganz hohen Besuch: Dr. Hiß. Er wollte endlich mal wieder Tuchfühlung nehmen und von den Freunden etwas erfahren. Die Geschehnisse der Angriffe sind auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen, es hat ihn ernster gemacht. Aber es ist soviel guter Mut, soviel vertrauende Zuversicht für das Werden in Kirche und Reich in ihm, und noch genau die gleiche überschäumende Freude wie früher. Therese war mit dabei. Es waren für uns alle recht feine, frohe Stunden. Nachdem er diese Nacht bei uns im „Jungenzimmer“ geschlafen hat, haben wir heute früh in Gladbach gemeinsam die Messe gefeiert. Es war für ihn seit Monaten das erste Mal, daß er wieder an einem Altar zelebrieren konnte, in Essen steht ihm nur ein ganz notdürftig erhaltenes Zimmer zur Verfügung. Er sagte mir nachher, daß er beim Opfer besonders an Dich gedacht habe. Er hat so sehr nach Dir gefragt und mußte mir immer wieder sagen, wie sehr er sich über unsere Gemeinsamkeit
freue. Er hätte am liebsten ganz genau gewußt wie alles mit uns gekommen ist und war nicht zufrieden, daß ich nicht mehr erzählt habe. Als ich ihm die Bilder aus dem Urlaub zeigte, hat er gleich eins von Dir und eins von mir bei Seite getan und bat darum, sie behalten zu dürfen. Ich habe sie ihm geschenkt und er hat sich sichtlich darüber gefreut. Zum Frühstück waren wir bei den Eltern oben noch eine Weile zusammen.
Am 5. Dezember will er uns in Gladbach einen Einkehrtag halten. Die Zeit, die wir im Kreis mit ihm zusammen gearbeitet haben, war doch für uns alle sehr fruchtbar. Für uns beide war sie – ohne daß wir es ahnten und wollten – der Grundstein zu unserer Gemeinsamkeit. Wie dankbar müssen wir doch dem Herrn für all das sein!
Vorgestern abend war Anneliese Höller bei uns. Ich glaube sie sehnt sich sehr nach ihrem Heinz und fühlt sich bei den Bauern nicht mehr wohl. Ihr Mann kommt im November in Urlaub, dann müssen wir natürlich für die Zeit nach oben ziehn. Ich habe schon mit Finni überlegt, ob wir nicht dann überhaupt mit dem Zimmerchen vorlieb nehmen wollen, um Annelies das Heimkommen zu ermöglichen. Die Sache mit dem
Putzen hat sie uns doch nicht so übel genommen wie es schien. Lange hat sie an dem Abend mit uns erzählt und ich habe über ihre feine Einstellung gestaunt. Sie hatte so richtig das Bedürfnis, sich mit uns 6[?] unterhalten und sagte, sie müsse bei ihrem Alleinsein mit den Bauern, mit denen sie kaum einmal reden könne, noch lange davon zehren. Um 2 h konnten wir dann endlich ans Schlafengehen denken.
Mein lieber August, zwei ganz feine Briefe habe ich von Dir, die ich Dir beantworten möchte. Aber es wird heute nicht mehr gehen. Ich habe durchgearbeitet, es ist schon Spätnachmittag und gleich ist’s Zeit zur Komplet.
So nimm heute mit diesem Plauderbrief vorlieb. Morgen ist Sonntag, da werde ich mehr Gelegenheit haben. Liebster, jetzt dürfen wir uns schon wieder auf ein Zusammensein freuen. Wenn es mit Hannover nicht klappt, dann gib doch bitte Lore + Matthias Bescheid, und schreibe mir genau wann Du kommst, damit ich Dich am Bahnhof abholen kann. Auch wenn es abends spät ist oder morgens früh, das macht nichts. Bisher mußte ich Dich immer nur wegbringen, das Abholen muß doch viel schöner sein, mach mir die Freude. Von Herzen grüße ich Dich, Liebster, und wünsche Dir einen guten Sonntag
Deine Marga.