Marga Ortmann an August Broil, 24. Oktober 1943
Berg. Gladbach, am Sonntag 24. Okt.
Mein lieber August,
es ist Sonntagmorgen, vor mir liegen Deine beiden letzten Briefe und ich will nun versuchen sie Dir so zu beantworten, wie ich es die Woche über in meinen Gedanken schon längst getan habe.
Du schreibst so fein über die Bedeutung des Lesens. Gerade im Anschluß an das Buch Vorsommer hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, die ich Dir vorigen Sonntag auch kurz angedeutet hatte. Ich bin froh, daß Du etwas ausführlicher darauf eingehst. Du sprichst von der Macht des Buches über das menschliche Leben. Ich habe diese Macht abermals erfahren, wenn ich mich darauf ertappte, daß sich meine Gedanken noch lange nach dem Lesen ganz in den Gedankengängen des Buches bewegten. Es ergeht mir meist so, daß Verstand und Phantasie sich mit allen Einzelheiten des gelesenen Stoffes auseinandersetzen müssen, ehe er mich wieder frei gibt. Wenn ich andere dann über das gleiche Werk urteilen hörte, wurde mir bewußt, daß ich oft mehr herausgehört und verstanden hatte, als der Schriftsteller vielleicht beabsichtigt hatte. Das war mir wohl Veranlassung dazu, in der Auswahl der Bücher sehr wählerisch zu sein, um gleichsam von vorneherein die Sicherheit zu haben, daß alles, was ich durch das geschriebene Wort in mich hineinnahm, gut war.
Das Bestreben, aus dem Gelesenen für sich zu gewinnen, es sich nützlich zu machen, war natürlich mit bestimmend. Daß das selbst durch ein schlechtes Buch geschehen kann, ist mir eigentlich erst durch Deinen Brief klar geworden. Das Beispiel, das Du mir dazu aus Deinem Soldatenleben erzählt hast, hat mich recht froh gemacht. Sicher, es kommt letztlich auf den Geist an, auf die Haltung, mit der das geschriebene Wort aufgenommen wird. Und dennoch weiß ich, daß mir ein schlechtes Buch schaden würde, selbst wenn meine sittliche Haltung durch den hervorgerufenen Abscheu vor dem Bösen nur noch gestärkt wird. Ich bin vielleicht zu empfindsam, um mir ein solches Experiment leisten zu können. Es würde mir dabei ergehen wie bei jeder Begegnung mit dem Bösen, dem Schlechten und Sündhaften, das das Leben uns manchmal nahe bringt: daß ich zutiefst darunter leide, daß ich es seelisch als Schmerz empfinde und diesen Schmerz nicht so leicht überwinden kann. Warum soll man sich eine solche Belastung aber unnütz auferlegen? Du kannst natürlich als Mann da anders denken, weil Du die größere Möglichkeit hast das Gemüt und die seelischen Empfindungen in solchem Fall auszuschalten. Wenn man rein verstandesmäßig darangeht, kann freilich auch das schlechte Buch eine Bereicherung bringen. Man darf sich aber auch darin nicht zu viel zutrauen, indem man glaubt gegen
das Gift, das anderen schadet, unbedingt gefeit zu sein. Ich bin froh darum, daß die meisten Bücher, die ich bis jetzt gelesen habe, die eine große, klare Linie hatten und ich weiß, daß das Lesen mit dazu beigetragen hat meine Haltung zu bestimmen. Man darf natürlich nicht immer bei solchem Lesen stehen bleiben, es würde vielleicht den Gesichtskreis nicht genügend weiten und zu einer gewissen Einseitigkeit führen, die bei vielen sonst wertvollen Menschen so hemmend wirkt. Es ist freilich nicht so leicht, sich das Bleibende, Wertvolle, Gute und Wahre aus einem Buch zu erarbeiten, aus dem es nicht ohne weiteres erkennbar ist. Bedingung für ein wirklich fruchtbares Lesen ist, daß wir in Bereitschaft an jedes Buch herangehen, ohne Vorurteile, und daß wir das Gelesene zunächst einmal mit einer gewissen Naivität auf uns wirken lassen. Nur so wird uns jedes Buch seine Schätze, auch seine verborgenen Schätze offenbaren. In der überheblichen Beurteilung von Büchern, von der Du so richtig schreibst, liegt so viel geistiger Hochmut, an dem wir wohl alle kranken. Dieser Hochmut bringt uns um manchen Gewinn, den wir uns nur mit freier, gelöster Seele erwerben können.
Du August, es wird sicher einmal ein gutes Wirken geben, wenn wir später gemeinsam an die Dinge herangehen können.
Der Brief hat eine lange Unterbrechung erfahren: Herr Höller ist in Urlaub gekommen. Er ist zu Anneliese in die Berge gefahren und wird wohl morgen mit ihr zusammen nach hier kommen. Da haben wir denn unsere Sachen zusammen gepackt, haben Hausputz gehalten und sind auf die Mansarde gezogen. Du, wir haben doch durch die Geschehnisse des Sommers viel gelernt. Wenn ich denke, wie hätten früher unser Zimmer abgeben müssen, ich weiß nicht, ob wir es fertig gebracht hätten. Jetzt ziehen wir mit unseren wenigen Habseligkeiten auf das Dachstübchen und es berührt uns kaum. Nur daß ich jetzt dauernd mit Finni in einem Bett schlafen muß ist mir nicht einerlei. Ich bin vielleicht darin trotz allem noch zu eigen, zu empfindlich u. anspruchsvoll. –
Mein Liebster, Dein Brief vom vorigen Sonntag ist so reich an Gedanken und greift so vieles auf, was uns gemeinsam berührt, daß ich kaum weiß, worauf ich beim Schreiben zuerst eingehen soll. Ich will an der Stelle beginnen, die mich am stärksten beschäftigt hat, bei den Worten, die mir Dein Inneres wieder weiter aufgetan haben. Du sprichst über das Gebet und kommst über die Frage nach dem äußeren Wie unseres Betens, als Einzelner sowie in der Gemeinsamkeit, zur Frage nach dem inneren Wie unseres Betens. Du wagst Dich damit an die letzte, entscheidenste Frage unseres Menschseins heran, an die Frage, die die Wurzel
unseres Wesens zu erfassen sucht, da sich irgendwo die Eigenart und Einmaligkeit unseres Wesens und unseres Seins so äußert wie im Gebet, im Gespräch mit Gott.
Die Frage nach dem persönlichen Gebet eines Menschen ist so groß, fast ungeheuerlich, weil sie an die letzte Tiefe der Seele rührt, denn sie ist letztlich die Frage nach der Beziehung des Menschen zu Gott. Den Schleier des Geheimnisses, der darüber liegt – wie über allem, was uns über den eigenen menschlichen Bereich hinaushebt – vermögen wir nur dem zu lüften, dem wir so verbunden sind, daß wir ihn in die Beziehung zu Gott einschließen können. Das ist nur in der heiligen Vereinung der Liebe möglich und in der Beichte, die ja eine Begegnung im Hl. Geiste ist.
Da Du mir in Deinem Brief die Frage stellst, war mir erst bange darum, ob ich wohl darauf die rechte Antwort geben könnte, die so wahr und klar ist, daß sie der Wirklichkeit entspricht, die dahintersteht. Aber Du hast ja die Frage an uns beide gleichzeitig gestellt und sie von Dir aus zugleich mit solcher Offenheit und Ehrlichkeit beantwortet, daß es mich drängt – gerade weil ich weiß, wieviel damit geschieht – es in der gleichen Weise zu versuchen.
Unser ganzes Leben, all unser Denken und Tun, soll Ausdruck unserer Hinwendung auf Gott sein. Doch so vieles in unserem Leben ist unzulänglich, gar sündhaft und damit statt der Hinwendung eine Abkehr von Gott.
Das Gebet aber ist die unmittelbare Hinwendung des Menschen zu Gott. Die Art dieser Hinwendung – Du hast in Deinem Brief von den Möglichkeiten des Betens in Dank, Lob und Bitte gesprochen – wird davon bestimmt, wie der Betende Gott schaut, welches Gottesbild – Er zeigt sich uns immer neu in herrlichen und unfaßbaren Bildern – am meisten in ihm lebendig ist. Auch die augenblickliche innere und äußere Situation des Menschen hat auf das Gebet Einfluß.
Bei mir ist es nun so, daß von den unerschöpflichen Möglichkeiten des göttlichen Seins mir die Erkenntnis am meisten in der Seele brennt, daß Er uns Vater ist. Das Wissen um die Liebe des Vaters, die uns in unserem Leben immer wieder spürbar wird, drängt dazu, dieser unendlichen Liebe die ganze Hingabe unserer menschlichen Liebe entgegenzustellen. Alles was von mir aus geschieht, um die Hinwendung an Gott zu vollziehen, geschieht aus einem inneren Drang heraus, aus einer Notwendigkeit, die mich unruhig macht. Sieh‘ und darum kann es mich ganz traurig machen, wenn ich dieser inneren Notwendigkeit nicht so entspreche, wie ich gerne möchte, wenn ich den Ansprüchen des Leibes, Müdigkeit und oft auch Trägheit, nachgebe auf Kosten des Gebetes. Wenn ich z. B. daran denke, daß ich nur um ½ Stunde länger schlafen zu können morgens die Feier des hl. Opfers schon mal versäume, trotzdem ich um die
ungeheure Bedeutung und den Wert der hl. Messe weiß, so ist das doch eigentlich unverantwortlich.
Ich kann Dir garnicht sagen wieviel Freude mir gerade durch das rechte Beten beim hl. Opfer geschenkt wird. Es mir einfach ein inneres Bedürfnis alles und jedes, die vielen kleinen und großen Geschehnisse des Lebens und des Alltags da mit hineinzunehmen. Wenn uns immer das Bild des liebenden Vaters vor der Seele steht, kann das ja garnicht anders sein, dann muß unser Vertrauen alles umspannen. Wenn Liebe und Vertrauen die Grundkraft unserer Hinwendung zu Gott ist, wird auch das Bittgebet, zu dem ich mir erst die recht Haltung erringen mußte, nie ein kleinliches, der Größe Gottes unwürdiges Betteln sein, sondern letztlich, wie alles Beten, zu Seiner Verherrlichung gereichen. Die höchste Form des Gebetes scheint mir die zu sein, die jedes Wort, auch in Gedanken ganz ausschaltet; mit der sich der Mensch ganz bedingungslos in den Blick, in das Dasein, in den Willen Gottes hineingibt. Solches Beten ist nur sehr selten möglich, man kann sich nicht darum bemühen, es wird uns als Gnade geschenkt.
Mir fällt es oft schwer, bestehende Gebete wirklich andächtig zu verrichten, dagegen schenkt mir das Gebet, das so einfach aus dem Herzen aufsteigt, eine tiefe
innere Befriedigung. Ich frage mich dann oft, ob mein Beten noch die klare Ausrichtung behält, denn es besteht die Gefahr, daß man diese Befriedigung sucht und darüber den eigentlichen Sinn des Betens, die Verherrlichung Gottes, vernachlässigt. Dafür ist es gut, daß wir nicht immer so aus der Hochstimmung des Herzens zu beten vermögen, daß auch zuweilen Stunden kommen, in denen es ganz leer, ganz kalt und öde in unserer Seele zu sein scheint, in denen der letzte Funke sein Licht verbirgt. In solcher Stunde erkennt man, daß wir aus eigener Kraft uns nie in die Höhe des göttlichen Bereichs aufschwingen können. Er muß uns emporheben und an uns liegt es nur, bereit zu sein, um emporgehoben zu werden. Unsere Liebe muß aber so stark sein, daß sie die Bereitschaft auch in jenen Stunden wach hält und wenn wir nichts anderes vermögen, als den Herrn voll Vertrauen um die Gnade des rechten Betens zu bitten: Herr, lehre uns beten! – so kann dieser Ruf aus demütigem, unter der eigenen Kleinheit leidendem Herzen vielleicht mehr zur Verherrlichung Gottes beitragen als die guten Stunden, in denen das Gemüt so oft Befriedigung findet.
Die Größe und Allmacht des Schöpfers könnte uns oft verzagen lassen, mit unserer Kleinheit zu Ihm zu kommen, die Liebe des Vaters aber gibt uns den Mut
unser ganzes Sein mit seinen Höhen und Tiefen voll Vertrauen in seine Hände zu legen. Die schönste Offenbarung, die Christus uns gebracht hat, ist doch die, daß wir zu Gott dem Gefürchteten, Unnennbaren und Unnahbaren (das war er doch vor der Offenbarung) Vater sagen dürfen, daß wir also in ein ganz persönliches Verhältnis zu ihm treten dürfen, daß unser kleines, menschliches Ich zu Ihm sprechen kann: Du, Vater!
Und ich meine, dieses ganz nahe, persönliche Verhältnis zu Gott muß auch in unserem Beten spürbar werden, es muß allem Raum geben, den kleinen und den großen Geschehnissen unseres Lebens. Du, mein Liebster, und daß wir unsere Liebe zueinander, das Bitten um den Segen unserer Gemeinsamkeit, das Bemühen um die rechte Haltung auf unserem Weg in Reinheit und der von Gott gesetzten Ordnung, daß wir das alles voll Vertrauen vor den Herrn tragen, täglich neu, das muß uns eine heilige Selbstverständlichkeit sein. Du, es ist doch etwas überwältigend Schönes, und über dem Schreiben ist es mir so recht bewußt geworden, - daß sich uns immer wieder neue, immer wieder tiefere und feinere Gebiete unseres Herzens auftun, wo wir gemeinsam arbeiten und wirken können. Da, wo wir nun angesetzt haben, wird es noch so viel zu tun geben; ja, und es ist nötig, daß wir ganz
behutsam zu Werke gehen, mit aller Offenheit dem anderen die Tiefen der Seele auftun und nichts erzwingen, was nicht organisch gewachsen ist. Je mehr unsere Gemeinsamkeit alle Gebiete unseres Seins umfaßt, je mehr wir uns innerlich nahe kommen, umso größer wird das Verlangen auch das größte und heiligste Geschehen der Seele, die Begegnung mit Gott, miteinander erleben zu können. In welchem Maß wir das in unserem gemeinsamen Leben einmal erreichen werden, wissen wir nicht, wir spüren aber, daß auch da nicht jeder für sich stehen kann, wie in der Zeit, ehe wir zueinander kamen, sondern daß aus dem Ich des einzelnen ein Wir geworden ist, und das in ganzer Konsequenz.
Mein lieber August, nun ist es Dienstag geworden ehe ich den Brief an Dich abschicken konnte. So manches wollte ich Dir noch sagen, aber mit einem Mal läßt sich garnicht alles erschöpfen.
Und auch von anderen Dingen muß ich Dir noch erzählen. Heinrich Bachmann, der Verfasser des Ewigen Ring ist in Köln und hat gemeinsam mit Kapl. Angenendt einen Dante-Kreis ins Leben gerufen, in dem er im Anschluß an die „Göttliche Komödie“
Fragen unserer Zeit bespricht. Am Sonntagnachmittag waren wir da zum ersten Mal zusammen. Über das was wir uns da gemeinsam erarbeitet haben müßte ich Dir einmal besonders schreiben. –
Nun habe ich auch Deine Schwester Maria kennengelernt. Sie ist für 8 Tage zu Hause in Ferien. Wegen der frohen Dunkelheit und weil der Alarm mich abends schon öfter auf der Strecke überrascht hat, muß ich jetzt durcharbeiten und kann nicht mehr zu Deiner Mutter zum Essen gehen. Es war ihr garnicht recht, aber sie sah auch ein, daß es nicht anders geht.
Nun muß ich aber Schluß machen, sonst komme ich wieder in den Alarm.
Es ist mir so hart, daß ich jetzt so selten schreiben kann, es geht nicht öfter. Aber Du weißt dennoch, wie sehr meine Gedanken bei Dir sind.
Liebster, von Herzen grüße ich Dich und bin immer
Deine Marga.