Marga Ortmann an August Broil, 4. November 1943

Köln, Donnerstag 4. Nov. 43.

Mein lieber August!

Nach unseren schönen gemeinsamen Stunden hat mich der Alltag wieder so eingespannt, daß ich Dir erst heute einen Gruß schicken kann. Wenn die Anforderungen des Tages manchmal hart sind, eins das andere hetzt und mich garnicht zur Ruhe kommen läßt, dann möchte ich mich aus all dem Getriebe herausflüchten zu Dir und wieder so ganz still bei Dir sein, wie es uns auch in den beiden kurzen Tagen unseres Zusammenseins vergönnt war. Aber ich will dem Alltag nicht davonlaufen, (ich habe es in den letzten Monaten oft genug getan, wenn ich sinnend und träumend dasaß) sondern den Platz, auf den ich jetzt gerufen bin – wenn ich ihn auch nur als Vorübergang betrachte – ganz ausfüllen. Nur so können wir uns dankbar zeigen für all das, was wir in den Festtagen verkosten dürfen. Ja, die Stunden unseres Beisammenseins waren wieder wie ein Festtag für uns, sie haben uns reich gemacht an Erleben und innerer Freude. Nach solchem Festtag drängt es mich, alles ganz besonders gut zu machen und meist tun sich mir dann solche Kraftquellen auf, daß es auch gelingt.

Du, es ist doch fein, daß wir auch die Stunden der Bahnfahrt noch zusammen sein konnten. Wir haben sie recht gut ausgenutzt. So war der Abschied auch ein ganz anderer. Du bist doch nicht böse, daß ich gleich fortgegangen bin, es wäre mir zu schwer geworden wenn ich noch länger gewartet hätte. Ich konnte auch nicht gleich zu anderen Menschen gehen und so bin ich ganz still für mich in die Stadt gegangen. Agnes war mit ihren Eltern gerade vom Sonntagsspaziergang zurück als ich ankam. Da war die Freude groß und wir waren ein paar feine Stunden zusammen. Es hat mir gut getan, noch einmal in einem so gepflegten Haushalt zu sein, in einem Heim, das noch von den Einwirkungen des Krieges verschont geblieben ist. Am Abend wurde in der Pfarrkirche als Abschluß des Christkönigsfestes die Komplet gesungen. In dem so vertrauten Beten und Singen fand der Tag und unsere gemeinsamen Stunden seine Krönung. In stillem Gebet habe ich alles vor Ihn hingetragen. In einer Stunde, da die Welt die Königsherrschaft des Herrn schmäht, soll Er umso mehr König sein in unseren Herzen, König im Reich unserer Liebe und unserer Gemeinsamkeit und einst in dem kleinen

Reich unserer Familie, die wir in der Erfüllung Seines Willens zu gründen beschlossen haben. – Ich war so glücklich nach diesem Tag, daß es auf die Menschen um mich ausstrahlte. An Schlaf war natürlich lange nicht zu denken, denn Agnes hatte noch manches Problem auf Lager. Den Festtag Allerheiligen habe ich dann für um 6 h im hl. Opfer begangen, für uns beide, denn ich wußte ja, daß es für Dich nach außen hin der gleiche Soldatentag sein mußte wie alle anderen. Recht froh bin ich mit Agnes wieder heimgefahren. Wenn alles gut geht, wirst Du ja in 20 Tagen wieder bei mir sein, so dürfen wir von einer Freude gleich nach der nächsten Ausschau halten.

Das Gedächtnis der Toten habe ich am Dienstagmorgen im Dom begangen. Es ist als ob die Kirche an diesem Tag ihre liebende Sorge für die Brüder am Reinigungsort garnicht alle in ein Opfer zusammenfassen kann, da die Messe dreimal gefeiert wird. Mein Gebet galt besonders den Soldaten, deren Leben in der Hingabe eine geheimnisvolle Erfüllung gefunden hat. Als Glieder des corpus christi mysticum wissen wir uns mit ihnen verbunden und reichen ihnen im

Gebet die Hände über die Schwelle von Zeit und Ewigkeit, die sie überschritten haben. Am Abend auf dem Wege gingen meine Gedanken zurück zum Allerseelentag des vorigen Jahres, als wir nach einer feinen Stunde in der Gemeinschaft den Heimweg zusammen gingen und Du mich zu gemeinsamer Fahrt und Austausch der Gedanken einludest. Wir haben damals beide noch nicht die Bedeutung dieser Stunde erahnen können, oder hätten wir je geglaubt, daß mit jenem Abend der erste leise Schritt getan war, der die entscheidende Wendung in Deinem und meinem Leben gebracht hat? Was damals noch keimhaft in uns schlummerte, still und verborgen in der Tiefe des Unbewußten, ist zart und ganz allmählich ans Licht gekommen. Wir haben es einander offenbart und durften beglückt schauen, wie es wuchs und wuchs und nun mit stiller Kraft der Erfüllung entgegenharrt.

Mein Liebster, auch die scheinbar unbedeutendsten Geschehnisse aus dem Beginn unseres Weges haben sich mir tief in die Erinnerung gesenkt und es ist so schön wenn sie von da aus aufsteigen in das Licht des Bewußtseins.