Marga Ortmann an August Broil, 5. November 1943
Freitag, den 5. Nov.
Nun muß ich doch wieder sündigen, um den Brief an Dich fertigzuschreiben, aber ich darf Dich nicht länger warten lassen. Du hast sicher von dem neuen Angriff auf Köln gehört, durch den zu den alten Zerstörungen noch manches hinzugekommen ist. In Bayenthal hat alles gut gegangen. Die Häuser am Oberländerwall sind zum größten Teil wieder abgedeckt und die kaum behobenen Schäden an Türen und Fenstern sind in größerem Umfang neu eingetreten. In meinem Büro sind durch den Luftdruck einer Mine, die am Bahndamm in den Anlagen gefallen ist, die Fenster völlig zerstört und alle Akten durcheinandergeworfen worden. Du kannst Dir denken, daß ich steif gefroren bin, wenn ich ein paar Stunden in dem offenen ungeheizten Raum gesessen habe. Ich will Dir damit nichts vorklagen, aber aus unserem Gespräch im Zug habe ich doch einen leisen Vorwurf herausgehört, daß es Dir nicht recht ist wenn ich solch unangenehme Dinge verschweige.
Der Dom hat diesmal wieder an zwei Stellen etwas abbekommen, an der nördlichen Ecke der Westseite
und an der Südseite. Die Bombe an der Südseite ist im Innern erst krepiert und muß starke Beschädigungen verursacht haben. Die Menschen sind alle so bedrückt und mutlos, es drängt sich die Frage auf, ob wir nicht schon genug des Furchtbaren erlebt haben. Ist unsere Stadt nicht schon über und über mit Wunden bedeckt? – Wie tief stecken wir noch in unserer Menschlichkeit, daß wir nach all dem Geschehen noch so fragen können. Der Herrgott wird noch schärfere Werkzeuge und Instrumente nötig haben, um in unseren Tagen das Bild des Menschen, Sein Bild, aus dem harten Gestein unserer verweltlichten Menschlichkeit herauszuhauen. Hat Er darum selbst dem Satan den Meißel in die Hand gegeben, der damit das Fundament Seines Hauses angeschlagen hat? Groß und tief klafft die Wunde – wenn doch nur ihr Anblick genau so tief ins Herz der vielen Menschen eingreifen würde, die da vorübergehen, und die Klage ihrer Sprache verstanden würde! Wenn der Haß solche entsetzliche Werke vollbringt, wie groß muß dann die Kraft der Liebe sein, die dem
Werk des Grauens das Werk der Herrlichkeit Gottes gegenüberstehen soll? Mir kommt all das Elend und Leid, das heute die Menschen bedrückt, und dem wir täglich begegnen, vor wie ein einziger Aufschrei nach dieser Liebe. Wir wissen, daß sie mächtiger ist als die Macht des Hasses und daß das Werk satanischer Zerstörung nur durch sie beendet werden kann.
Gestern abend wurden wir schon um 7 h unterwegs vom Alarm überrascht. Es war ein schauriges Bild als wir einen Kampf in der Luft beobachteten. Ich fahre jetzt immer schon um ½ 6 nach Hause, denn es war doch ungemütlich bei solch einem Rollen und Rumoren in der Luft draußen zu sein.
Mein lieber August, die neuen Geschehnisse drängen wieder so manche Gedanken auf, die ich Dir sagen mußte. Wenn wir die Auswirkungen des Hasses als den Ruf nach Liebe verstehen, nach der Liebe, die von der ewigen Liebe ausgeht, dann wissen wir auch unsere Liebe zueinander da hineinzustellen. Damit wird sie über den kleinen persönlichen Bereich hinaus fruchtbar auch im Hinblick auf die allgemeine Entwicklung in unserem Volk und im Reiche Gottes.
Gestern abend kam mir Dein Brief, ich danke Dir dafür.
Nimm meinen Gruß und ein herzliches Gedenken
Dein Marga.
Das Päckchen wirst du wohl inzwischen erhalten haben. Die Adresse von Dr. Hiß lautet:
Altenessen, Westerdorfstr. 32.
Sepp Will hat uns vorgestern in Gladbach besucht, er läßt Dich herzlich grüßen.