Marga Ortmann an August Broil, 8. November 1943

Montag, den 8. Nov. 43.

Mein lieber August,

der gestrige Sonntag war ein rechter Novembertag: wie mit einem grauen, undurchsichtigen Vorhang war der Himmel verhangen, der Boden aufgeweicht vom Regen der Nacht und die bunten Blätter, an deren Rascheln ich mich am Abend noch erfreut hatte, waren vom Wasser in den weichen Waldboden eingetaucht worden. Mancher Baum reckt seine Arme schon kahl in den grauen Himmel, und die ihr buntes Laub noch nicht verloren haben, werden es dem Sturm bald nicht länger vorenthalten können. Auf dem Weg von der Kirche nach Hause trieb uns der Wind den Regen ins Gesicht. Mit roten Nasen und steifgefrorenen Händen kamen wir oben an. Ja, es wird Winter. Wie haben wir uns früher über die ersten Anzeichen des Winters gefreut; nun aber denken wir an die vielen Menschen, die kein Heim mehr haben und mit banger Sorge dem Winter entgegensehen. Wir merken es ja an uns selbst, wie sich die Entbehrungen, die im Sommer noch leicht zu ertragen waren, jetzt viel fühlbarer auswirken. Je unwirtlicher es draußen wird, umso mehr verlangt es

den Menschen nach dem Geborgensein im Heim, und man spürt den Verlust dann doppelt. Ich kann es darum gut verstehen, daß die Eltern fast fieberhaft bemüht sind recht bald wieder ein eigenes Heim zu haben. Vater hatte das Glück ein altes Wohnzimmer kaufen zu können, wenn nun noch die Wohnung einigermaßen hergerichtet wird, könnten wir zur Not beginnen. Wann wird unser kleines Heim wohl so weit sein, daß wir darin den Anfang machen können zu neuem gemeinsamen Wirken? Durch die neuen Beschädigungen wird das Vorwärtskommen natürlich immer schwieriger. Aber den äußeren Vollzug zur Gründung unserer Gemeinsamkeit wollen wir unabhängig davon machen und wenn wir dann wieder zusammen sind, müßten wir die weiteren Möglichkeiten gemeinsam überlegen.

Mein lieber August, nun ist es schon Mittwoch geworden, ich muß mir die Zeit zum Schreiben stehlen, sonst komme ich garnicht dazu. Ich bin oft ganz traurig darüber, so viel möchte ich Dir sagen und dann scheitert es daran, daß ich äußerlich keine Möglichkeit dazu habe. Im Büro wächst mir die Arbeit über den Kopf, abends

sind wir kaum in Gladbach, dann kommt Alarm, wir essen und besprechen das Notwendigste mit den Eltern und gehen dann zum Birkenbusch. Da aber sind wir gezwungen bald ins Bett zu gehen, denn es ist recht kalt in unserem Dachstübchen. Die äußeren Entbehrungen beginnen eigentlich erst schmerzlich zu werden, wenn sie die inneren zur Folge haben, so auch hier. Umso mehr wollen wir jede Stunde, die wir ganz uns selbst leben dürfen, dankbar als Geschenk zu werten wissen. Gestern abend, als Dein Brief von Samstag bei mir war, war mir wieder eine solche Stunde geschenkt. Erst nachdem alle notwendigen Verrichtungen des Tages, Schuhputzen, Strümpfestopfen und die abendliche Wäsche verrichtet waren, habe ich mich still auf den Bettrand gesetzt und dann konntest Du zu mir kommen; es war Feierabend und ich war nur noch für Dich da. Du, was wir uns gerade in unseren letzten Briefen zu sagen versucht haben, war mehr als das Hinüber und Herüber der Gedanken von einem zum andern. Die Gedanken gingen so in die Tiefe, daß damit die Wurzel unseres Wesens und unserer Eigenart ein wenig zu Tage tritt; denn sie ruht in dem Punkt, von dem aus der Mensch den Bogen spannt zur Verbindung mit Gott.

Von unserem letzten Zusammensein hatten wir wohl beide gehofft, das war wir in den Briefen begonnen, im Gespräch fortführen zu können, doch es ist nicht dazu gekommen. Gerade weil es die heiligsten Bezirke unseres Inneren sind, in die wir uns da begeben, müssen wir ganz behutsam voranschreiten. Wenn wir auch jetzt noch im Beieinandersein das Unvermögen verspürt haben das auszudrücken, was uns im Brief schon möglich war, wir haben beide die Bereitschaft dazu und mit ihr werden wir einmal die Stunde recht zu gestalten wissen, in der wir einander im nahen Beisammensein die Seele weit auftun können und gemeinsam durch den innersten Bereich unserer Herzen schreiten, von dem wir ahnen, daß es heiliges Land ist.

In Deinem letzten Brief hast Du die Verschiedenheit und das Gemeinsame unseres Betens darzustellen versucht und zwar so, wie ich sie auch aus unseren Briefen erkannt habe. Aus diesem Erkennen spüren wir ein wenig von der Größe und Bedeutung dessen, was unserem gemeinsamen Wirken aufgetragen ist. Dieses Wirken mit allen uns innerlich und äußerlich verfügbaren Mitteln zu fördern, muß unser ganzes Bestreben sein. Ich glaube sicher, daß die endgültige Vereinigung in der Ehe uns

auch ein gutes Stück weiterbringen wird in unserem Bemühen um ein geistig-seelisches Einssein. Um zu diesem Einssein zu gelangenn ist es nötig, daß wir vertrauend und unbeirrt von allen Schwierigkeiten den erkannten gottgewollten gemeinsamen Weg weitergehen. Das scheint mir der zwingendste Grund dafür zu sein, neben dem alle äußeren Begründungen, die wir an dem Samstagnachmittag am Fenster besprochen haben, nur als zweitrangig Bestand haben. Du, so groß und weit ist das Neuland, das sich uns zu gemeinsamem Tun auftut. Möge uns der Herr ein gutes, glückhaftes Wirken schenken, jetzt und im endgültigen Vereintsein. Weißt Du mit wieviel Freude ich darauf Ausschau halte?

Du hast einmal so fein geschrieben: die Erwartung ist etwas Großes in jeglichem Leben. Wir stehen eigentlich unser ganzes Leben in der Erwartung; wir beide jetzt in der Bereitung auf die Gemeinsamkeit in der Ehe ganz besonders. Oft muß ich noch an die Worte vom bräutlichen Novizial denken, die uns der Priester am Tage unseres Gelöbnisses mit auf den Weg gegeben hat. Ja, wir wollen es ernst nehmen, dieses Novizial, und alles tun, jeder für sich und gemeinsam, um es

recht zu benutzen, damit der Erwartung bald die Erfüllung werde.

Wenn ich die Tage unseres äußeren Getrenntseins betrachte, so sind sie getragen von der Erinnerung an das gemeinsam Erlebte und von der Ausschau, der Erwartung, dem Sehnen auf das Kommende. Die beiden Kräfte sind so stark, daß die Gegenwart ganz davon erfüllt ist und sich wie eine Brücke vom einen ins andere spannt. Jedesmal, wenn wir dann wieder wirklich beieinander sein dürfen, ist es für mich zunächst ein umwälzendes Geschehen, daß Erinnerung und Erwartung ausgelöscht sind im Erleben des Augenblicks und ich fast ausschließlich aus ihm heraus lebe. Dieses Erleben kann mich zutiefst erschüttern, sodaß ich das Glück der Stunde wie in zitternden, schmerzenden Händen kaum zu halten vermag. Mir drängte sich dann oft die Frage auf, was wohl gleichzeitig in Deinem Innern vor sich ging und ich war oft überrascht, wenn Du mit Deinen Gedanken schon irgendwo anders sein konntest, während ich noch ganz in dem Erleben stand. Deine Briefe aber erzählten mir nachher immer wieder, wie tief doch alles in Dich eingegangen war und darüber

bin ich recht froh.

In Deinem Brief vom Allerheiligentag hast Du Dir Gedanken gemacht über das Erleben des Augenblicks und seine spätere Vertiefung in der gedanklichen und gefühlsmäßigen Verarbeitung. Es mag zuweilen sein, daß die Größe eines Erlebens uns im Augenblick des Geschehens überwältigt, je nachdem Verstand und Gemüt in der rechten Harmonie miteinander wirken. Oft aber habe ich das gleiche erfahren wie Du, wenn auch in einem andern Ausmaß. Ich habe Dir schon mal gesagt, daß ich von dem Erleben erst einen gewissen Abstand gewinnen muß, um seine Bedeutung recht zu erkennen und mich überhaupt darüber äußern zu können. Weil bei mir nichts nur die Oberfläche streift, sondern in die Tiefe geht, - es ist nicht nur das Beglückende des Erlebens unserer Gemeinsamkeit, sondern auch so manches Belastende, das der Tag mir nahe bringt – muß ich allem Erleben Raum geben zu rechter Entwicklung. Glaubst Du, daß es mir manchmal vor der Fülle des Erlebens bange wird, ganz gleich welcher Art es sein mag? – Wie gut hast Du diese Erkenntnis auf unsere spätere Gemeinsamkeit anzuwenden vermocht,

nicht die Fülle des Erlebens, sonders das rechte Maß des Erlebens zu suchen. Wenn ich Dir doch recht sagen könnte, welchen Wiederhall diese Deine Gedanken in mir gefunden haben, da sie meinen eigenen Erwägungen so nahe sind!

Ich bin froh darum, daß Du die Bindung mit den Freunden aufrecht erhältst. Lore hat Finni vor einigen Tagen auch geschrieben und gefragt, wann sie von mir etwas höre, aber es geht wirklich nicht. Das Angebot, uns das Schlafzimmer fürs erste zur Verfügung zu stellen, ist für uns eine gute Möglichkeit. Vielleicht ließe sich ein Besuch in Hannover gelegentlich Deines nächsten Urlaubs (hast Du ihn schon eingereicht?) ermöglichen, daß Du die Rückfahrt über H. machtest und ich bis dahin mitfahre. Das müßten wir einmal überlegen. Gestern habe ich noch zwei schöne nützliche Teile für unser Heim bekommen können; ich sage Dir aber noch nicht was es ist, dann macht es Dir mehr Freude wenn Du es siehst.

Mein Liebster, nun muß ich die gemeinsame Stunde mit Dir beenden, es ist dunkel und ich muß an die Fahrt denken. Ich grüße Dich herzlich froh und bin Dir nahe, wenn auch das Schreiben so selten möglich ist.

Deine Marga.