Marga Ortmann an August Broil, 12. November 1943
Köln, den 12. Nov. 43.
Eingang 20/11.
Mein lieber August!
Die Kahlheit und Öde dieser grauen Novembertage stimmt mich ernst und läßt die Schwere und Not unserer Zeit stärker in uns spürbar werden. Du glaubst nicht wie trostlos der Anblick der Trümmer im feuchtkalten Nebeldunst ist. Nur draußen, wo wir das Atmen der Natur noch unmittelbar wahrnehmen können, bieten uns auch diese Tage noch so viel Schönes, daß sich das Bedrückende garnicht so bemerkbar macht. Es ist für mich daher immer ein befreiendes Gefühl, wenn ich behaftet mit den Eindrücken der Stadt nach der qualvollen Fahrt in der überbesetzten Straßenbahn in die herbe Kühle der Natur herauskomme, die uns ihre letzte Schönheit sterbend noch offenbaren will. Da findet sich immer etwas zum Freuen, und wenn es nur dadurch geschieht, daß sich – wie gestern abend – die dichte Nebelwand einen Augenblick auftut und den Blick freigibt in ein Stück klaren, tiefblauen Himmel, wo zwei Sterne leuchten.
Am vorigen Sonntag war es ein Jahr her, daß wir den ersten gemeinsamen Weg durch die herbstlich-winterliche
Natur gemacht haben. Ich habe in diesen Tagen oft daran denken müssen und mir kamen die Gespräche wieder in Erinnerung, die wir auf dem Wege im weiten Bogen um unsere Stadt miteinander geführt haben. Ich wollte Dich so oft fragen: weißt Du noch … weißt Du noch, wie wir in der Gemeinschaft manch späte Stunde miteinander gearbeitet haben, um den Brüdern draußen eine Weihnachtsfreude zu machen und selbst dadurch so viel Freude empfangen durften; wie wir dabei gesungen haben und Du unser Spielmann warst? Wie wir dann draußen Tannen geholt haben, um daraus für unsere Familien Kränze zu winden? Ja, es war schön, voriges Jahr um diese Zeit! Nun ist so vieles anders geworden, alles ist anders geworden, die Verhältnisse, die Möglichkeiten und Gegebenheiten und auch wir selbst. Müssen wir nicht trotz allem sagen, daß es für uns so noch viel viel schöner ist? Denn was uns an innerem Erleben geschenkt worden ist, was wir glückhaft erfahren durften, ist so groß und schön, daß es alle äußeren Entbehrungen aufwiegt.
Mein lieber August, ich mache mir jetzt manchmal Gedanken darum, womit wir unseren Lieben in diesem
Jahr eine Freude machen können zum Fest der Freude. An allen äußeren Dingen, die uns sonst dazu helfen konnten, mangelt es; wir sind arm geworden. Doch auch aus dieser äußeren Armut heraus müßten wir versuchen dem inneren Verlangen, einander gut zu sein, zu beschenken, irgendwie gerecht zu werden. Es gehört wirklich schon etwas Erfindergeist dazu, um das fertig zu bringen. Wir wollen einmal gemeinsam überlegen, was da zu tun ist. Auch die Soldaten, die ich das ganze Jahr über so vernachlässigt habe, dürfen nicht ganz leer ausgehen; wenn es auch nur ein geschriebenes Wort sein kann. Es wäre schön, wenn wir auch da gemeinsam etwas tun könnten.
Gestern mittag war ich nach langer Zeit wieder in Bayenthal, da war Hochbetrieb, Else und Gisela waren da und – Bruno. Da war der Tisch bald zu klein. Bruno hat 14 Tage Genesungsurlaub, die Krankheit scheint ihn ziemlich mitgenommen zu haben, er sieht schlecht aus. Wenn es nun mit Deinem Urlaub zum 20 ds. Mts. klappt, könntet ihr ja noch ein paar Tage zusammen sein. Schreib mir doch mal, ob die Aussicht besteht, daß Du dann kommen kannst.
Es sind nur noch 8 Tage bis dahin; Du, wir haben es doch gut!
Das Schreiben muß so zwischendurch geschehen, immer wieder muß ich aufhören, das Telefon läßt mich nicht in Ruhe und die Türe steht nicht still. Die Leute kommen alle mit ihren Anliegen und ich kann doch so wenig helfen. Bei diesem Hin und Her läßt sich schwer das schreiben, was ich eigentlich sagen möchte. So konnte ich Dir nur ein wenig erzählen, aber auch das tut schon gut.
Wenn dieser Brief bei Dir sein wird, ist wieder Sonntag, Tag des Herrn. Zu diesem Tag sollen Dir diese kurzen Worte meinen Gruß bringen.
Mit herzlich frohem Gedenken
Deine Marga.
Alle Lieben lassen Dich grüßen.