Marga Ortmann an August Broil, 23. November 1943

Dienstag, den 23. November 43.

Mein lieber August,

meine Gedanken gehen heute ein paar Tage zurück, um Dir von diesen Tagen zu erzählen.

Samstagmorgen fanden wir uns alle in Gladbach in der Kirche zusammen, um dort in aller Frühe Mutters 50. Geburtstag zu begehen. Diese Stunde vor Gott durfte ich in einer seelischen Hochstimmung erleben, wie lange nicht mehr. Nachher plauderten wir noch ein wenig miteinander in aller Herzlichkeit, dann gingen unsere Wege in den Tag auseinander, die Eltern mit den Kindern nach Hause, Finni gleich nach Köln. Ich wollte noch nicht mit ihr fahren, wollte noch etwas alleine sein, um die innere Beglückung, die ich erfahren hatte, ungestört verkosten zu können. So beschloß ich, noch eine Strecke zu Fuß durch den stillen, kaum erwachten Morgen zu gehen. Es war mir, als warte noch eine große Freude auf mich, und es war so. Als ich an der Post vorbeikam, war dort schon alles in Betrieb, ich ging hinein und holte mir einen Brief von Dir, der 8 Tage bis hier gebraucht hatte. Und welch ein Brief ist das,

so ganz von Herzen geschrieben, mit so viel Innigkeit, die in meinem Herzen alle Saiten zum Klingen bringt. Solange ich noch durch die Straßen ging, habe ich ihn in der Hand gehalten, als ich aber einen Abstecher in den Wald machen konnte, hielt es mich nicht mehr und ich habe ihn im langsamen Weitergehen gelesen. Voll Freude und zu tiefst beglückt bin ich aus diesem einzig schönen Morgen in meinen Tag gegangen, voll Dank an den Herrn, der uns die reinsten und schönsten Freuden aus der Hinwendung zu Ihm und aus unserer Liebe zueinander erwachsen läßt. Ja, wir brauchen diese Freude und es ist so schön, daß wir sie immer wieder einander schenken dürfen, daß wir uns die kleinen Feste bereiten dürfen, in denen sich verborgen unter der äußeren Unscheinbarkeit so Großes und Entscheidendes vollzieht.

Am Nachmittag waren wir zur Geburtstagsfeier bei Familie Over zusammen, in der Ferrenbergstr. wäre es doch zu eng geworden. Es war ein schönes Beisammensein der Familien. Ich habe mich längere Zeit mit Kurt unterhalten und dabei eingesehen, daß ich ihm mit dem Urteil, das ich mir bisher über

ihn gebildet habe, Unrecht getan habe; daß er doch noch für höhere Dinge Interesse hat. Als ich den Schatz von Schallplatten bewunderte, hat er uns, d. h. Finni, Agnes und mir die 3. Symphonie von Beethoven spielen lassen; das war ein Erlebnis für mich. Durch wieviel Tiefen und Höhen muß ein Mensch gegangen sein, um solches schaffen zu können. Ich frage mich nur immer ob das, was wir gefühlsmäßig nachempfinden, wirklich dem entspricht, was der Künstler damit hat aussprechen wollen; ob wir hörend nicht zu viel unser Eigenes hineinlegen. Du, wir haben uns bisher immer nur in den Briefen erzählen können, wenn jeder für sich Musik gehört hat, wie schön muß es sein, wenn wir solche Musik einmal gemeinsam erleben. – Auf die Komplet mußte ich an diesem Sonntag einmal verzichten. Schön war der Weg durch die Nacht, den ich alleine gegangen bin. Ich mußte an all unsere abendlichen Wege im Urlaub denken. So fand der Tag mit den vielen Freuden seinen Abschluß.

Der Ernst des Sonntagsevangeliums,. mit dem der Herr unseren Blick auf die letzten Dinge lenkt,

hat mich stark beeindruckt. Möchte man nicht annehmen, diese Worte seien eigens für unsere Zeit geschrieben, die den Greuel der Verwüstung in so furchtbarem Ausmaß hat kennengelernt? Wir müssen uns die Forderungen, die dieses Geschehen an uns stellt, immer wieder neu vergegenwärtigen. Wer könnte von sich sagen, daß er diesen Forderungen mit ganzer Konsequenz entspricht? Aber wir wissen voneinander, daß wir mit Bereitschaft herangehen und daß wir guten Willens sind; damit muß doch letztlich was erreicht werden.

Ich hatte mir gewünscht diesen Sonntag, den wir eigentlich gemeinsam begehen wollten, in aller Stille zu verbringen, um den Gedanken so recht Raum geben zu können. Aber Else hatte mich zu ihrem Namenstag eingeladen, so waren wir in Leverkusen ein paar ganz unbeschwert frohe Stunden zusammen, Familie Schlüter, Gertrud, Bruno mit Helene, (die ich dadurch näher kennengelernt habe) und ich. Solche Stunden tun einmal gut, doch das Sehnen des Herzens geht auf anderes hinaus. Daß der Sonntage aber auch nur so wenige sind! Wenn ich doch einmal mit

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meiner Zeit etwas großzügiger umgehen dürfte, wenn ich doch nicht immer so mit den Stunden geizen müßte! Das führt dazu, daß man sich zu sehr darum sorgt, die Stunden auch nur ja auszunutzen; bei unseren Überlegungen über das Lesen haben wir ja schon darüber gesprochen.

Nun habe ich wieder nur so etwas mit Dir plaudern können; dem eigentlichen Sehnen aus der Tiefe Ausdruck zu geben, ist mir nicht möglich, Fliegeralarm und äußere Unruhe hindern daran. Liebster, aber Du weißt es, daß es immer in mir ist, dieses Sehnen zu Dir hin, daß seine Kraft immer stärker in mir lebendig wird. So will ich diese Zeilen zu Dir schicken, obgleich ich so wenig darin sagen konnte.

Sei mir von Herzen gegrüßt, Liebster

Deine Marga.