Marga Ortmann an August Broil, 25. November 1943

Donnerstag, den 25.XI.43.

Mein lieber August,

es ist noch sehr früh, ich sitze beim Schein der Lampe in meinem Büro, um vor Beginn der Tagesarbeit zu Dir zu kommen. Draußen geht unaufhörlich der Regen nieder und der Sturm peitscht die Äste der Bäume unbarmherzig gegeneinander. Naß und durchgefroren bin ich hier angekommen und als es mir da so recht ungemütlich war, mußte ich an all die vielen Soldaten denken, die jetzt draußen täglich den Unbilden des Wetters ausgesetzt sind. Was sind dagegen die kleinen Beschwerden der Bahnfahrt und der Wege, die wir zu machen haben. Ich habe mich richtig geschämt, einmal in klagendem Ton davon gesprochen zu haben.

Als ich vorgestern abend nach langem Alarm am Birkenbusch ankam, waren zwei Briefe von Dir zugleich angekommen. Ich habe sie gelesen und wieder gelesen und die nächtliche Stunde, die so unerbittlich vorrückte, darüber vergessen. Alles was Du mir darin gesagt hast, Liebster, habe ich ganz fest in mich hineingenommen, um nur ja nichts davon zu verlieren. Du hättest Ausschau auf das Geschehen, dem wir entgegengehen, dem wir uns bereiten und das wir uns von ganzem Herzen ersehnen. Der Gedanke daran, daß dieses Geschehen, unsere endgültige Vereinigung, vielleicht schon

ganz nahe vor der Türer steht, läßt mich zutiefst erschauern in froher Erwartung. Ich staune oft selbst darüber, wie alles bange Zurückschrecken vor einer solchen Bereitschaft gewichen ist. Ja, ich spüre es, daß unsere Liebe uns reif dazu gemacht hat, daß unsere Zeit kommen kann. Mein Liebster, Du hast in Deinem Brief von dem Tiefsten und Heiligsten gesprochen, was wir uns jetzt im Hinblick auf unsere baldige Vereinigung zu sagen haben, und es ist mit so viel Ehrfurcht und Zartheit geschehen, daß es mich ganz ergriffen hat. Wir erkennen die ganze Größe des Tuns, das uns vom Herrn aufgetragen ist, da Er uns so zueinander geführt hat; wir spüren die ganze Tiefe der Verantwortung, die wir zu tragen haben, und wollen dennoch nicht vor ihr zurückschrecken, sondern im festen Vertrauen auf Ihn, den Lenker und Erhalter unseres Lebens, ganz bewußt auf uns nehmen. Mein lieber August, in so feinen, tiefen Worten hast Du mir Deine Haltung und Deine Gedanken dazu kund getan. Ich weiß nicht besser darauf zu antworten, als daß ich sie zu den Meinen mache, und sie Dir so wieder zurückgebe zum Zeichen meiner ganzen Bereitschaft. Du, es ist gut daß wir auch hierüber, wie in allen anderen Dingen, ganz offen und klar miteinander sprechen, damit wir im vollen Bewußtsein unserer Verant-

wortung, aus der gleichen Gesinnung heraus, gemeinsam diesem schweren, aber gewiß auch beglückendem Entscheiden entgegengehen.

Wir sehen um uns so viel Verzerrung und Entweihung des Heiligsten, das der Schöpfer in unser Vermögen hineingelegt hat, daß es uns zum Anruf wird, unser Leben, soviel an uns liegt, in der rechten Ordnung Seines heiligen Willens zu vollziehen. Wir glauben fest daran, und wie oft sind wir dessen glückhaft innegeworden, daß Er unser Leben, Dein Leben und mein Leben, aufeinander hingeordnet hat. Dieser Glaube und unsere Liebe zueinander, die so wundersam aufgeblüht ist, haben unseren Willen zum endgültigen Einssein bestimmt. Wenn wir das Gesetz der göttlichen Ordnung, das unser menschliches Leben in unendlich weiser Einrichtung in die rechten Bahnen lenkt, erkennen und anerkennen, dann mußt doch dem Willen zum unlösbaren Vereintwerden, dem Willen zur Ehe, der Wille zum kostbaren Geschenk, das aus der gesegneten Lebensgemeinschaft erwächst, der Wille zum Kind, einbegriffen sein. Es ist nur so traurig, daß man mit dieser Haltung, die mir doch so natürlich und selbstverständlich scheint, fast alleine steht und wenn man sie äußert, überall auf Verständnislosigkeit stößt. Aber wir können ja nicht im Großen Änderung schaffen in der Gesinnung und dem Tun der Menschen

unserer Tage. Aber in dem kleinen Bereich unseres eigenen Lebens können wir, obgleich wir auch da nicht leugnen können Kinder unserer Zeit zu sein, der Wiederherstellung und Anerkennung der göttlichen Ordnung unseren Dienst leisten. Wie herrlich ist es doch zu wissen, daß wir beide mit der gleichen Bereitschaft an unsere hohe, heilige Aufgabe herangehen.

Wenn wir freilich die Unsicherheit der äußeren Möglichkeiten und Gegebenheiten betrachten, könnten wir mutlos vor der Größe des Wagnisses, das wir mit unserem Beginnen eingehen, zurückschrecken; vielleicht ist die Frau daheim dieser Unsicherheit mehr noch preisgegeben, als der Mann draußen. Aber in aller Unsicherheit bleibt uns die eine große Sicherheit, die uns mit unerschütterlichem Vertrauen erfüllt: die Geborgenheit im Willen des Vaters. Wir haben dieses Vertrauen, in dem jedes Wagnis aufgehoben ist, und wollen immer wieder neu darum bitten. Wenn uns die Gnade dieses Vertrauens und das Glück tiefer Liebe zueinander weiterhin geschenkt werden, werden wir die Entbehrungen und Nöte, die das Leben für uns bereit hat, (wir wollen ihm gerade entgegensehen) im rechten Geist zu tragen wissen. Alles Erleben und alles Tun wird dann ein gemeinsames für uns beide sein und ich glaube, wir haben allen Grund uns auf diese Gemeinsamkeit von

Herzen zu freuen.

Du mein August, Dein Brief hat alle Sehnsucht in mir wach gerufen und ich durfte sie stärker verspüren als je zuvor. Wie habe ich mir an dem Abend gewünscht Dir nahe zu sein, Dich das alles, was in mir umging, so unmittelbar spüren zu lassen und es Dir ins Herz zu sagen. Die andern waren schon längst zu Bett und ich saß still in der Küche, dort, wo wir uns manches Mal die Zeichen unserer Liebe schenken durften. Wenn uns das Erleben unserer Liebe jetzt schon so beglückt, in den kurzen Tagen unseres Zusammenseins, wie auch in den Gedanken und Empfindungen, die usn über den Raum der Trennung hinweg zueinanderfinden lassen, wie wird es dann erst sein, wenn wir im Sakrament die Weihe empfangen haben, die uns befähigt, uns in der Liebe einander ganz hinzugeben. Komm, wir wollen uns darauf vorbereiten, gemeinsam und jeder für sich. Wenn ich in mich hineinschaue, sehe ich noch so viel Kleinheit und Unzulänglichkeit, so manche Schwachheit und Unordnung, die ich ausgleichen und abtragen möchte, ehe ich an Deiner Seite vor den Altar des Herrn trete, um seinen Segen zu empfangen. Ja, wir wollen die kurze Zeit der Bereitung noch recht ausnutzen, damit wir wirklich Hochzeit halten können, in der

ganzen, großen Bedeutung des Wortes. Es bleibt noch so viel zu tun, es bedarf noch so manch ernster Arbeit an uns selbst und wir wollen uns mit allem Eifer aufmachen. Wäre es nicht schön, wenn wir die Adventszeit gemeinsam bewußt darauf ausrichten würden, als Vorbereitung auf das Weihnachtsfest, in dem sich Gottes Liebe zu uns so wunderbar offenbart, aber auch als Vorbereitung auf das Hochfest unserer Liebe, das uns vielleicht schon bald nach der Feier des Weihnachtsfestes bevorsteht?

Wenn der Herr der Frucht unserer Liebe einmal seinen Segen schenken wird, dann wollen wir doch unser bestes Sein hineinlegen in die heilige Schale, aus der Er neues Leben wachsen läßt. Siehst Du die Größe unserer Verantwortung, die uns gestellt ist? Alles was wir dann versäumt haben an uns besser zu machen, all das Unkraut, dem wir nicht genügend Einhalt geboten haben,wird als Last auf das neue Leben übergehen, all unser gutes Streben und Bemühen aber auch über uns selbst hinaus seinen Segen zeitigen. Möge das Erbe, das wir von den Eltern empfangen, durch uns keinen Stillstand, keine Verkümmerung und Rückentwicklung, sondern eine Hinwendung zum Guten erfahren haben, auf das wir es getrost hinein-

legen können in die Seelen der Kinder, die der Herr uns schenken wird, auf daß das, was wir selbst nicht erreichen konnten, durch sie weitergeschehe und in all diesem Bemühen eines bewirkt wird: die Verherrlichung Gottes.

Weißt Du noch wie wir einmal davon gesprochen haben, ob die Entwicklung der Welt und der Menschen eine fortschreitende sei, zum Guten hin, oder ob der Recht habe, der die Entwicklung als dekadent bezeichnet hat. In den Gedanken, die ich mir jetzt gemacht habe, kam es mir so recht zum Bewußtsein, daß wir doch an unserem Platz recht viel dazu beitragen können, daß die Entwicklung eine Fortentwicklung zum Guten hin wird.

Liebster, heute morgen habe ich den Brief begonnen und dann habe ich den ganzen Tag über daran geschrieben; daß ich hin und wieder unterbrochen wurde, hat mich kaum gestört. Das was ich gearbeitet habe, habe ich nur so nebenbei getan, meine Gedanken waren den ganzen Tag bei Dir und dem, was ich Dir sagen wollte. Jetzt ist es abend, ein wunderschöner, klarer Abend. Der Himmel ist übersät mit Sternen, kein Lüftchen bewegt sich und es ist so still um mich her. Du, ich glaube ich werde mich noch mal nach diesen abendlichen Wegen zurücksehnen, die so viel Ruhe und Freude schenken nach der Hast des Tages. Es ist uns doch so vieles in

Gladbach ans Herz gewachsen, daß uns der Abschied gewiß schwer fallen wird. In der Wohnung Aachenerstr. geht es nun mit Riesenschritten weiter und ich glaube, daß wir es bis Weihnachten schaffen werden. Bis auf Tapeten und Anstrich ist alles fertig und wenn es mir gelingt morgen Tapeten zu bekommen, wird der Anstreicher in 14 Tagen fertig sein. Die Eltern freuen sich so sehr darauf zu Weihnachten wieder im eigenen Heim zu sein. Wäre das schön, wenn der Heiratsurlaub zu Weihnachten klappte, wir hätten dann vielleicht die Möglichkeit das Fest und den Beginn des neuen Jahres gemeinsam zu begehen.

So manche praktische Möglichkeit wäre noch zu besprechen, aber vielleicht nimmt das immer einen breiten Raum ein und man kommt doch nicht recht vom Fleck. Hoffentlich kannst Du mir bald schreiben, daß die Aussichten auf den Kurzurlaub gut sind. Du denkst sicher, daß ich in Bezug auf Deinen Urlaub garnicht bescheiden bin. Ach, ich weiß ja daß wir uns beide danach sehnen, möglichst oft und lange zusammen sein zu können. Das Verlangen wird immer größer, je mehr wir einander angehören dürfen. Und daß das bald bis ins Letzte und für immer sein soll – ich kann die Freude darauf kaum fassen. In dieser Freude aber sind wir eins, Du, mein August und

Deine Marga.