Marga Ortmann an August Broil, 28. November 1943
Am 1. Adventssonntag 1943.
Mein lieber August!
Heute hat sich uns das Tor des neuen Kirchenjahres aufgetan und wir schreiten hinein in den Advent, die Zeit der Erwartung der Bereitung, die Zeit der Ankunft des Herrn. „Komm Herr, komm!“ Wie eindringlich tönt uns diese Bitte aus den Liedern und Gebeten der Kirche entgegen, in die wir unser eigenes Sehnen und Flehen hineinlegen: daß die Ankunft des Herrn wieder neu in uns heilige Wirklichkeit werde. Adveniat regnum tuum – Zu uns komme dein Reich, so hat uns der Herr selbst zu beten gelehrt und in diesen adventlichen Tagen formen sich die Gedanken immer wieder zu der Bitte: Dein Reich komme zu uns! Wenn wir dieser Vaterunser-Bitte ein wenig Zeit zur Betrachtung gönnen, geht uns die Größe dessen auf, was wir damit auszusprechen wagen. Seiner Ankunft, der Errichtung Seines Reiches die Wege zu bereiten, das ist doch die eigentliche Aufgabe unseres Christseins und es ist gut, wenn wir uns dessen in diesem Advent wieder neu bewußt werden.
Liebster, mit so viel stiller Freude, mit ganzer Bereitschaft habe ich heute morgen im hl. Opfer den Advent begonnen. Er hat doch für uns beide in diesem Jahr eine ganz besondere Bedeutung; laßt uns ihn als unseren Advent recht zu gestalten und zu nutzen suchen.
Wir stehen im Advent unseres Lebens. Wir halten Ausschau, wir bereiten uns der Ankunft, dem Kommen des ganzen gottgewollten Menschseins, dessen Fülle wir in der Gemeinsamkeit der Ehe miteinander verkosten, wirken, tragen und erleiden dürfen. Wie ist uns gerade in unseren letzten Briefen die Größe des Geschehens aufgegangen, das uns bevorsteht, des Zukünftigen, das auf uns zukommt. Ja, groß und heilig ist es und darum können wir es wagen unsere Bereitung darauf in Bezug zu bringen zu unserer Bereitung auf das fortwährende Kommen des Herrn, in uns selbst, in den Festzeiten des Kirchenjahres und in den Gezeiten der Geschichte.
Wenn wir also in diesen Tagen unseres Advents beten: Vater, dein Reich komme zu uns!, so wollen wir zu der Bitte um das Wachsen Seines Reiches in uns und um uns auch unser beider innigstes Sehnen in die Worte legen, daß Sein Reich sichtbar werde in dem kleinen Reich, das wir im Vollzug Seines heiligen Willens zu bauen bereit sind: das Reich unserer Liebe, unserer ehelichen Gemeinsamkeit, das Reich unserer Familie.
Du, es hat mich so froh gemacht, die innigen Zusammenhänge zwischen unserem bräutlichen Advent und dem Advent des Herrn zu überdenken. Wir wollen die letzte Strecke so zurücklegen, daß unser Advent Sein Advent sei, und die Erfüllung unserer Liebe in der Ehe Sein Reich in uns
schöner, reiner und herrlicher gestalte. Liebster, die Fülle der Gedanken überwältigen mich so, daß ich Dir kaum zu sagen weiß, wie das alles in mir umgeht, wie sehr mein Herz danach verlangt, mein ganzes Sein einzusetzen, um das, was in den Gedanken so erhaben schön vor meiner Seele steht, Wirklichkeit werden zu lassen.
Auch vom Geschehen des Tages mit seinen kleinen Freuden und Erlebnissen muß ich Dir erzählen. Den Samstagmittag habe ich mir so eingerichtet, daß ich zwischen dem Ende der Arbeitszeit und dem Beginn der Komplet noch ein paar Stunden für mich habe. Gestern habe ich sie dazu benutzt, um beichten zu gehen. Der Weg durch die Trümmer der Severinstr., die Geborgenheit im Halbdunkel des starken Raumes von St. Georg, die Ruhe und Stille im Gotteshaus, der Empfang des Sakramentes – das alles hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Wie nötig und heilsam ist es, daß wir immer wieder, täglich in uns hineinschauen und das Geschaute vor dem Angesicht des Herrn im Sakrament darzustellen versuchen. Ich habe soviel beglückende neue Kraft aus dieser Stunde mitgenommen. Wie reich bietet uns der Herr doch immer wieder seine Hilfe an; wir sollten seine helfende Hand viel öfter und vertrauender ergreifen, auch in der Beichte. Für mich war sie gestern der Auftakt zu neuem Beginnen in dieser Adventszeit. Ich möchte dann am liebsten
ann allen Ecken zugleich beginnen, aber ich habe erfahren, daß die Kraft dazu nicht lange ausreicht. Es ist besser, ein Ziel fest ins Auge fassen und alle Kräfte für seine Erreichung einzusetzen. Wieviel bleibt da noch zu tun!
Die Komplet stand ganz im Zeichen der Adventszeit: der Altar im ernsten Violett wies gleich darauf hin. In der Mitte der Krypta hing der Kranz in seinem frischen Grün. Die Zweige und das leuchtende Gelb des Bandes künden von der Freude der Erwartung und Bereitung. Und dann die Lieder: Macht hoch die Tür …. Wachet auf, ruft uns die Stimme …. – Macht Euch bereit zu der Hochzeit, wir müssen ihm entgegengehen. Für uns beide hat dieses Wort diesmal nicht nur sinnbildliche, sondern auch wörtliche Bedeutung. – Am Abend hatten wir in Gladbach noch eine recht feine besinnliche Stunde, bei der wir in kleinem Kreis die Worte der Dichter hörten. So war es ein recht reicher Tag für mich.
Mein lieber August, nun ist heute schon Dienstag und der Brief ist noch nicht beendet. Sonntagabend waren wir zu einer Stunde mit den Gladbacher Urlaubern zusammen, wobei ein junger Student uns eine Novelle von R. Schneider: der Traum des Heiligen (Thomas Morus) las. Nachher hat er als Stimme des Menschen und ich als Stimme der Kirche noch einige Hymnen von G. v. Le Fort gelesen. Der wunder-
same Klang dieser Sprache, die tiefe Symbolik der Bilder, und die gnadenhaft verliehene Schau aus der sie erwächst, vermögen mich zutiefst anzusprechen. Daß Du mir als erstes gerade dieses Buch geschenkt hast, erfreut mich jedesmal neu, wenn ich es zur Hand nehme.
Mein Liebster, es fällt mir schwer den Brief so weiter zuschreiben wie ich ihn begonnen habe. Seit ich von dem neuen Angriff auf Bremen gehört habe, bin ich in Sorge, ob auch diesmal alles gut gegangen hat. Wie furchtbar kann doch die Phantasie den Menschen quälen; immer wieder stellte sie mir die Bilder der furchtbarsten Möglichkeiten vor die Seele. Obgleich ich mich mit der ganzen Energie des Willens dagegen auflehnte, waren sie nie ganz zu unterdrücken. Wie gut war es da, daß gestern abend Dein Brief vom 24. ankam. Obgleich es meine Sorge nicht ganz schweigen lassen konnte, denn es ist ja vor dem Angriff geschrieben, hat mich die Freude darüber doch wieder ruhig werden lassen. Wieviele Menschen tragen heute Sorge um den liebsten Menschen, der in irgend einer Gefahr lebt. Aber all unser menschliches Sorgen muß münden in das Vertrauen auf die gütige Vatersorge Gottes und unser Gebet ist die schönste Frucht unseres Sorgens.
Als der Soldat am Samstag mit Eindringlichkeit den Cornett von Rilke las, - es war an der Stelle, da der
kleine Marquis dem Deutschen ein Blatt von seiner Rose schenkt und dieser es in ehrfürchtiger Scheu an sich nimmt im Bewußtsein, daß das Gedenken jener fernen, fremden Frau, die die Rose als Zeichen dem Franzosen mitgegeben hatte, damit auch auf ihn übergehe, - da dachte ich mir, daß ich Dir ruhig von meiner Sorge um Dich schreiben könne, daß Du darum wissen mußt, und daß es vielleicht sogar gut ist, wenn Du Dich daran erinnern kannst. Stände nicht vieles anders und besser, wenn alle unsere Soldaten das Gedenken, die Sorge und das Gebet einer liebenden Frau begleiten würden in die Gefahren, Nöte und Versuchungen, die ihnen für Leib und Seele drohen? Der Krieg stellt gewaltige Forderungen an die Frau; vieles wird von ihr verlangt, das körperlich über ihre Kräfte geht; diese Tat aber, ist die größte, die sie vollbringen kann und vollbringen muß: wartend und harrend, betend und vertrauend, in Reinheit und Hingabe den Weg des Mannes zu begleiten, wo immer er stehen mag. Der Herrgott hat jedem Menschen seinen Engel als Begleiter mit auf den Weg gegeben, (es tut not, daß wir eine rechte Beziehung zu ihm finden). Muß nicht das liebende Gedenken der Frau den Mann wie ein zweiter guter Schutzgeist umgeben und ihm Kraft geben in allen
Gefahren, die ihm für Leib und Seele drohen?
Liebster, Du weißt ja um mein Gedenken und daß mein Gebet mit Dir ist.
Ich hoffe, daß mir die Post bald eine gute Nachricht von Dir bringt.
Nun habe ich wieder so lange an diesen wenigen Zeilen geschrieben, doch die Gedanken, die die Worte noch umgeben, lassen sich garnicht zu Papier bringen. Wir freuen uns beide so sehr auf unser nächstes Zusammensein. Sag, wird es noch vor Weihnachten möglich sein? Du mußt mir wieder schreiben, wann Du ankommst, damit ich Dich abholen kann.
Für heute muß ich Dir Lebewohl sagen. Komm, ich lege meine Hände in die Deinen und bin ganz bei Dir.
Deine Marga.
Dr. Hiß hat mir gestern geschrieben und läßt herzl. grüßen. Auch die Eltern, die Freunde lassen immer grüßen, meist vergesse ich es auszurichten.
Hast Du meinen Brief v. 25. bekommen und die Würzburger Schriebe?