Marga Ortmann an August Broil, 13. Dezember 1943
Advent
Du kündest uns vom Sehnen und Rufen,
von Not und Drangsal, die die Sünden schufen;
denn dunkel und finster lag die Welt
im Todesschatten der Sünde.
Da plötzlich durch ein Engelswort erhellt:
Gegrüßet seist du, Maria!
Gott grüßt die Menschheit in ihrer Gestalt,
in der Heiligsten, die über die Erde gewallt,
in der Reinsten, die Er hat auserkoren,
daß sie den Schöpfer der Welt hat geboren.
Er hat einen neuen, ewigen Bund geschlossen,
der bis zum Ende der Zeiten währt,
und seine Gnaden reich ausgegossen
und Menschen die Gotteskindschaft gewährt.
Doch trotz aller Liebe und trotz aller Gnaden
ist die Menschheit erneut in Sünde gefallen;
in Sünde, die der Erlösung gebeut[?],
und den Adventruf der Väter erneut
voll Sehnsucht und Hoffen zum Himmel gesandt:
Herr, sende, den du zum Retter uns hast ernannt!
Sende Ihn wieder in unsere Zeit,
daß Er uns von der Schuld befreit,
die unsere Seele umfangen hält,
Send‘ ihn aufs Neue, den Heiland der Welt,
daß Er den rechten Weg uns weise
bis einst zur ewigen Weihnacht hin,
daß Er uns führe, schirme und leite
auf dem Weg zu Dir, unseres Lebens Ziel.
Am Montag der 3. Woche im Advent
Mein Liebster!
Gaudele – Freuet euch – hat uns Paulus gestern in der Liturgie des 3. Adventsonntages zugerufen – und nochmal sage ich es euch: freuet euch! Voll Sehnsucht haben wir Ausschau gehalten auf das Kommen des Herrn, nun ist Er nahe, deshalb sollen wir uns freuen.
Uns ist es wahrlich nicht schwer, der Aufforderung des Apostels zur Freude Folge zu leisten; alle Gedanken, die uns in diesen Tagen beschäftigen, Dich und mich, alle Gefühle und Neigungen des Herzens, rufen es uns in gleicher Weise zu: freue dich! Ja, wir haben allen Grund die Tore unseres Herzens weit aufzutun für diese Freude, damit sie den ganzen Raum unserer Seele mit ihrer stillen, wärmenden Glut durchflute.
Die wahre Freude, die aus dem Innern aufsteigt, die echt und tief ist und wandelnde Kraft hat, - Du, ich glaube sie ist ein Geschenk, für das wir besonders dankbar sein müssen. Weißt Du, ich wundere mich oft darüber, daß ich nach all den schweren Erlebnissen des Sommers, unter der drückenden Belastung des Ernstes unserer Zeit, trotz der Veranlagung, das Leben nicht von der „leichten“ Seite aus zu betrachten, so froh, so unbeschwert froh sein
kann; besonders jetzt, wo uns das endgültige Vereintwerden so nahe bevorsteht, ist die Freude so stark und groß in mir, ach, daß ich es Dir doch so recht zeigen und sagen könnte. Meine Gedanken versuchen sich zaghaft, mit leiser Scheu in das Neuland der Ehe vorzutasten, das unser harrt. Das Buch: „vom Eros zur Ehe“ ist mir dabei eine wertvolle Hilfe. Ehrfurcht und Staunen ergreift mich vor der Größe des Geschehens, das wir erfahren werden, je mehr ich mich mit den Dingen gedanklich beschäftige. Es wäre fein wenn wir einmal Gelegenheit hätten, das eine oder andere aus dem Buch gemeinsam zu lesen und zu besprechen.
Du hast mich gefragt, ob ich um das wisse, was die feinste und intimste Beziehung von Mann und Frau ausmacht. Mein Wissen darum ist vielleicht nur unzureichend, wenn ich auch über das Grundsätzliche unterrichtet bin. Völlige Unwissenheit mag wohl eine Gefahr bedeuten, aber auch das Wissen wird nicht an das Erfahren heranreichen können. Ich glaube, daß wir trotz aller Verbiegung des Natürlichen noch so viel Natürlichkeit in uns haben, daß wir ganz einfach miteinander da hineinwachsen werden. Für mich gilt es nur, die volle Bereitschaft aufzubringen mich als Frau von der Liebe des Mannes in dieses Geschehen hineinführen zu lassen und ihm alles zu schenken was ihn ganz Mann und mich Frau werden läßt.
Weil ich daran glaube, daß es unsere Liebe zueinander ist, die uns das endgültige Einssein ersehnen läßt, glaube ich auch fest, daß die Liebe uns mit aller Ehrfurcht und Zartheit den rechten Weg zu diesem verantwortungtsreichen Tun finden läßt. Wenn wir stets bemüht sind alles so zu tun, wie es der gottgewollten Ordnung entspricht, wird es uns mit der Gnade Gottes schon gleingen unser gemeinsames Leben so zu gestalten, daß es zu Seiner Ehre gereicht. Wir wollen jetzt, in den letzten Tagen der Bereitung, recht innig um diese Gnade bitten.
Der abendliche Weg von Thielenbruch aus, von dem ich Dir letztens schrieb, ist nun durch die täglich so frühen Alarme schon üblich geworden. Ich bin trotz des Zeitverlustes garnicht böse darum, denn das Getriebe des Tages sinkt dann in Vergessenheit und durch das Schreiten in der herben Abendluft durch Feld und Wald und an stillen Häusern vorbei wird die Seele so seltsam weit und wendet sich ihrem eigentlichen Sehnen, ihrem schönsten Verlangen und ihrer heiligsten Berufung zu. Nur noch wenige Tage werden mir diese Stunden geschenkt sein (Donnerstag ist unser Umzug) deshalb suche ich sie noch recht auszunutzen. Es ist jetzt schon ein rechtes Abschiednehmen und ich spüre, daß es mir nicht leicht werden wird. Es war doch eine recht schöne
Zeit, die wir in Gladbach verbracht haben, trotz aller Schwierigkeiten und Entbehrungen oder vielleicht gerade deshalb.
Mit Annelise sind wir jetzt abends immer lange zusammen, für all das, was zu tun ist, müssen die Nachtstunden halt herhalten, sonst schaffen wir es nicht. Annelise ist das sehr recht so, denn über der Arbeit führen wir manch feines Gespräch miteinander und A. sagt, so hätte sie die letzten Tage wenigstens noch was von uns.
Den Sonntagmorgen verbringe ich jetzt immer in Übung der Kochkunst und es macht mir allmählich Freude.
Am Sonntagnachmittag waren wir mit allen Gladbachern zusammen. Es sollte eine Dank- und Abschiedsstunde für uns sein, die im Zeichen der Vorweihnacht stand. Therese hatte mit viel Mühe für jeden etwas zusammengebracht und Hermann für jeden einen persönlich abgestimmten Schrieb gemacht. Den meinigen mit Versen von Thurmaier, die wir gewiß einmal gut verwerten können, schicke ich Dir mit. Es war mir ganz eigen zu Mute, als wir die schönen Lieder, die Hirtenweisen aus dem Weihnachtssingebuch sangen. Du, auch diese Lieder haben für unsere Gemeinsamkeit eine ganz eigene Bedeutung, und werden uns deshalb ganz besonders wert bleiben.
Die Stunden waren wohl für alle recht wertvoll; ich glaube alle gingen befriedigt nach Hause, als Gebende und Beschenkte zugleich.
Nun noch ein paar praktische Erörterungen.
Matthias hat an Richard geschrieben, daß er uns das Schlafzimmer zur Verfügung stellt. Wir werden denn gleich Donnerstag alles herüberholen lassen. Zimmermann kann noch nicht wieder arbeiten, aber es ist möglich, daß wir in Gladbach Anzeigen gedruckt bekommen, sie müssen nur frühzeitig bestellt werden.
Ein Auto zu bekommen ist ganz unmöglich, wir werden dann doch mit einer Kutsche fahren müssen. Zwei Adressen sind mir dafür angegeben worden und ich will versuchen was ich da erreiche.
Mein Kleid ist schon in Arbeit, Schleier und Schuhe bekomme ich geliehen, Myrthen für den Kranz sind schon bestellt. Wenn Du Dir für die Feier in der Kirche schon etwas überlegt hast, so schreibe es mir bitte, ich werde dann mit Kpl. Angenendt einmal alles besprechen.
Wenn Matthias kommt, könnte er ja das Vorbeten übernehmen, sonst müßten wir vielleicht Hermann Engel darum bitten.
Deine Mutter meinte als Brautführerin kämen nur die Geschwister in Frage, also Gertrud und Finni.
Wegen der Frage der Brautführer hatte ich mit den Eltern eine kleine Auseinandersetzung. Im Falle daß Bruno nicht kommen sollte, hätten sie gerne daß Kurt Over außer Matthias Brautführer würde. Tante Ani hatte wohl bei
einem Besuch zu verstehen gegeben, daß sie das sehr gerne sähe. Ich habe darauf nur geäußert, daß er doch wohl nicht so recht dahinpasse und das war schon zu viel. Meine Haltung wäre klein, egoistisch und undankbar. Es ist mir doch nahe gegangen, daß wegen einer solchen Geringfügigkeit eine Auseinandersetzung entstand und Vater seit langer Zeit zum ersten Mal ein hartes Wort gesprochen hat.
Willst Du Marlis früh genug den Termin schreiben, denn wenn sie kommen will ist es nötig, daß sie eher Bescheid weiß.
Mein lieber August, es wird Zeit an den Heimweg zu denken. So grüße ich Dich ganz ganz herzlich und froh
Deine Marga.