Marga Ortmann an August Broil, 11. Dezember 1943

Köln, Samstag den 11. Dez.

Mein lieber August!

Hart knirschte die gefrorene Erde unter meinen Füßen, als ich gestern abend von Thielenbruch aus durch den Wald nach Gladbach ging, und ein kalter Wind schnitt ins Gesicht. Der Mond stand groß und rund am Himmel und übergoß alles mit seinem fahlen Licht. Nur ab und zu wurde es dunkel, wenn einer der jagenden Wolkenfetzen die blanke Scheibe für eine Weile verdunkelte. Es war so ein rechter Winterabend. Der Weg dadurch hat mich so froh gemacht, ich bin ihn so leicht und beschwingt gegangen und hätte ihn gerne noch etwas verlängert, wenn das Schießen der Flak mich nicht nach Hause gedrängt hätte. Wie liebe ich diese einsamen Wege durch die Natur! Die wertvollsten Kräfte der Seele, die die Hast des Tages in ihre Tiefen zurückdrängt, können dann ganz frei zur Entfaltung kommen. Wie herrlich frei liegt dann der ganze Raum unseres Ich für das Schönste, Reinste, Adeligste und Heiligste in uns, neben dem nichts anderes mehr bestehen kann; dem wir so gerne ganz leben möchten, in allen Stunden des Alltags so wie in diesen Stunden. Diese Stunden, in denen man mal so recht Zeit für sich selbst hat, tun mir not, um mit den vielen anderen fertig werden zu können. Wenn das Geschehen des Tages

verklingt, wenn ich Abstand davon gewinne und ganz bei mir zu Hause bin, dann ist es auch, daß ich mich Dir besonders nahe weiß, Liebster. Wann hätte ich das je so empfunden wie jetzt? Weißt Du, der Tag unseres Zusammenseins und die wundersamen letzten Stunden der Bahnfahrt gehen immer wieder in meinen Gedanken um. Wie froh und dankbar bin ich darum, daß Du Dich nun mit solcher Freude, innerlich freier und gelöster dem Erleben unserer Gemeinsamkeit hingeben kannst.

Wie sicher und bestimmt haben uns doch alle Windungen unseres Weges zur Höhe geführt. Wir ahnen die Nähe des Gipfels und mühen uns, daß auch der letzte Aufstieg, und dieser erst recht, ein guter sei; während die köstliche Luft der Höhe uns schon umgibt. Müssen wir nicht besonders dankbar dafür sein, wenn wir das Hochfest unserer Liebe begehen dürfen, jetzt, da unser ganzes Sein, mit allen Sinnen dem Höhepunkt zustrebt?

So vieles ist zu tun, um alles wüdig zu gestalten, äußerlich und vor allem innerlich. Manchmal will es so über mich kommen, daß ich nicht weiß wo ich beginnen soll. Aber ich bemühe mich darum, alles in Ruhe zu tun, daß die äußere Hast die innere Sammlung nicht vertreibe. Ich muß in diesen Tagen so oft an die Tage der Kindheit denken, an die Zeit der Vorbereitung auf die erste hl. Kommunion. Damals Vorbereitung auf ein Sakrament

und jetzt wieder; die geheimen Zusammenhänge zwischen damals und heute lassen mich so froh sein. –

In diesen Tagen haben wir das Fest der reinsten Gottesmutter begangen. In ihre Hände wollen wir die Reinheit unserer Seele und unseres Leibes legen. Sie, die Reinste von allen, möge uns helfen, daß wir sie als kostbares Gut in allen Stürmen unseres Lebens bewahren. Um dieses Gut darf uns kein Preis zu hoch und kein Kampf zu schwer sein. Unsere Liebe aber, die in Ehrfurcht und heiliger Veranwortung die Schätze der eigenen und der Seele des geliebten Menschen zu wahren und zu mehren sucht, ist uns der Garant dafür, daß die Reinheit unserer Herzen einmal wie ein klarer Bergkristall in der Krone unserer Ehe leuchten wird. Es ist so traurig, daß die meisten Menschen heute die Ehe als Freibrief zu ungehemmtem Ausleben betrachten – gestern habe ich wieder ein Beispiel dafür erlebt. – Wir sehen in der Ehe den Auftrag Gottes, unser ganzes Menschsein mit Seele und Leib zur Erfüllung Seiner Ordnung einzusetzen und gehen mit der Bereitschaft in die Ehe hinein, die göttliche Ordnung als Richtschnur unseres Handelns anzuerkennen. Wir wollen uns über die Schwere dieser Forderung nicht hinwegtäuschen; aber auch hier heißt es, wie bei allem wo unsere menschliche Kraft nicht ausreicht: Ich kann alles in dem der mich stärkt!

Liebster, morgen ist schon der dritte Adventsonntag, immer näher kommen wir dem Fest der Geburt unseres Herrn und dem Fest Seines Kommens in unserer Zeit. So sehr wir unser Hauptaugenmerk in diesem Advent auf das Hochfest unserer Liebe richten, so wollen wir doch und gerade jetzt alle Sorgfalt aufwenden, daß am Fest Seiner Geburt Seine Ankunft in uns heilige Wirklichkeit werde.

Wieder muß ich sagen: Weißt Du noch …. Ich denke an unsere feine Adventfeier im vorigen jahr, die wir beide gemeinsam vorbereitet hatten. Das Erinnern bringt Freude, und zugleich kam mir die Frage: Wie mögen wir nächstes Jahr Advent begehen? Das aber liegt in Gottes Hand. Haben wir nicht allen Grund zu sagen, alles ist gut so wie es kommt?

Nun ist es gleich schon Zeit zur Komplet. Allzu schnell ist das Stündchen des Alleinseins mit Dir vorüber. Ich schicke Dir 2 Heftchen mit, die Annelise mir geliehen hat und manche Anregung zu unserem Fest enthalten.

Ich denke ganz fest und innig an Dich, mein Liebster

Deine Marga