Marga Ortmann an August Broil, um den 20. Dezember 1943

„Freuen soll sich der Himmel und jauchzen die Erde vor dem Angesicht des Herrn: denn nun ist Er gekommen.“

Mein lieber August,

laß es ein Stündlein ganz still in Dir werden, zünde in Deiner Seele alle Kerzen an, die Du in den Tagen des Advent bereitet hast, vielleicht auch die kleine weiße Kerze, die ich Dir geschickt habe. Laß es ganz hell und schön in Dir werden und laß mich dann zu Dir kommen, um mit Dir Weihnachten zu feiern. In heiliger Freude wollen wir Seine Ankunft, die Er gnadenhaft unter uns erneuert, in uns heilige Wirklichkeit werden lassen, auf daß Sein göttliches Leben schöner und herrlicher in uns erstehe.

Es ist das erste Mal, daß wir das Fest der Geburt des Herrn miteinander begehen dürfen, in der tiefen, innigen Gemeinschaft unserer Seelen, und wie der diesjährige Advent für uns beide im Hinblick auf unsere Gemeinsamkeit ein einzigartiger gewesen ist, so soll es auch das Weihnachtsfest sein.

Ich höre die Leute sagen, es ist ein armes, trauriges Weihnachten dieses Jahr. Es lastet freilich auf uns der

Ernst der Zeit, all die Not, die über die Menschen gekommen ist. Äußerlich sind wir ganz arm geworden, die bürgerliche Gestaltung des Festes ist nicht mehr so möglich wie wir es gewöhnt waren. Mußten uns die Dinge einmal alle genommen werden, damit der Blick wieder frei werde für das Eigentliche und Wesentliche, das in all den Äußerlichkeiten unterzugehen drohte? Kann durch all die Entbehrungen nicht erst recht in unseren Herzen Weihnachten werden, Ankunft des Herrn; sind wir so dem Kind in der Krippe nicht viel näher, das in Armut und Verlassenheit den Weg zu unserer Erlösung begonnen hat?

Je inniger wir uns dem menschgewordenen Gottessohn verbunden wissen, in Liebe und Leid, umso stärker kann uns auch die Freude erfassen, die uns am Fest Seiner Geburt geschenkt wird. Du, wir wollen uns dieser Freude ganz weit auftun und auch die räumliche Trennung kann uns diese Freude nicht trüben. Wir haben einander so tief erschauen dürfen, daß wir erahnen können, wie der andere das Geheimnis des Festes erleben wird und so sind wir uns an diesem Tag ganz eng verbunden, über alle Trennung hinweg.

Ich wünschte diese meine Worte könnten am Vorabend des Festes schon bei Dir sein und Du möchtest sie zu der Stunde lesen, wo wir in der Gemeinschaft der Jugend wieder in der Krypta das Geheimnis der heiligen Nacht begehen. Wie werden dann unsere Gedanken, die innigsten Gefühle unserer Liebe und ein heißes Beten zum Herrn uns ganz beieinander sein lassen. Ach, mein Liebster, wie reich sind wir doch ob solchem Erleben!

Meine Gedanken gehen zurück zur Mette des Vorjahres, die die Fiat-Stunde meines Lebens geworden ist und ich sage erneut mein Ja zum Willen des Vaters – wie oft schon habe ich seitdem dieses Ja in froher Bereitschaft wiederholt – und ich freue mich so sehr darauf es bald, sehr bald laut und feierlich auch vor den Menschen sagen zu dürfen. Und wieder werde ich die Lesung hören, diesmal zwar aus einem fremden Mund, die das unbegreiflich Neue in mir aufbrechen ließ: „Schlacht- und Brandopfer hast du nicht gewollt, aber einen Leib hast du mir bereitet, siehe, ich komme deinen Willen zu erfüllen.“

Du mein Lieber, wir glauben fest daran, daß in der Erfüllung unserer Liebe, die uns an unserem Hochfest so nahe ist, die Erfüllung des Willen Gottes liegt.

Möchte es uns doch gelingen unser Leben so zu gestalten, daß all unser Tun auf die Verwirklichung des Willens Gottes ausgerichtet ist, daß wir den Auftrag erfüllen, den Er uns gestellt hat, uns ganz persönlich, Dir und mir. Es fordert den Einsatz der ganzen Persönlichkeit, wenn wir damit Ernst machen, der Ehre Gottes zu leben, in all unserm Tun, auch den kleinen Verrichtungen des Tages. „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede den Menschen, die guten Willens sind!“ Forderung und Verheißung zugleich haben die Engel bei der Verkündung der Geburt des Gottessohnes den Menschen gebracht, und bei der Wiederkehr des Festes bringt uns die Kirche die frohe Botschaft wieder, frohlockend und mahnend. Wolker hat einmal gesagt: Die höchste Ehre Gottes ist der Mensch, der Gott liebt. Mein lieber August, wir wollen einander helfen, daß unsere Liebe zu Gott größer und tiefer werde und daß wir sie in einem Leben „des guten Willens“ verwirklichen.

Die Verheißung der Weihnachtsbotschaft: Friede den Menschen, die guten Willens sind, müßte sie nicht gerade die Menschen unserer Tage, die im Toben des Hasses nichts mehr ersehnen als Frieden, aufhorchen lassen und umformen zu solchen, die guten Willens

sind? Möchten doch alle erkennen, daß der Weg zu jenem äußeren Frieden, den sie ersehnen, nur über den inneren Frieden, die rechte Beziehung zu Gott führen kann.

Wie dankbar müssen wir doch dafür sein, das erkennen zu dürfen und wie froh läßt es uns sein, wenn wir am Fest der Geburt des Herrn wieder so recht spüren dürfen was es heißt, Friede auf Erden!

Wenn die Freude auf das Kommen des Herrn und die Freude auf das Hochfest unserer Liebe in diesen Tagen den ganzen Raum meines Herzens erfüllt hat, dann meinte ich oft es nicht allein fassen zu können und ich hätte so gerne davon ausgeteilt an die vielen Menschen mit den verhärmten Gesichtern und an die, die innerlich hohl und leer sind. In vielerlei Bildern begegnet uns täglich die Erlösungsbedürftigkeit der Welt und wir erschauern vor der ungeheuren Größe der Erlösungstat des Herrn, die alles Menschliche, Unzulängliche, Kranke und Sündhafte heimholt in die Liebe des Vaters und immer noch dabei ist es zu tun.

Liebster, was klingt nicht alles in uns auf bei der Feier der Geburt unseres Herrn. Die ganze Erhabenheit der Größe und Liebe Gottes und die Unzulänglichkeit unserer Menschlichkeit, die ein unüberbrückbar scheinender

Abgrund voneinander trennt. Aber die ewige Weisheit und Liebe Gottes hat uns in der Erlösungstat Seines Sohnes die Brücke geschlagen, die ans andere Ufer führt. Unser ganzes Leben ist ein Unterwegs-Sein dorthin. Sieh‘ und es sind nur noch wenige Tage, dann werden wir uns gemeinsam aufmachen den Weg weiterzugehen, nicht nur wie gute Weggefährten, die Hitze und Kälte, Hunger und Kälte, Sonne und Regen miteinander tragen, sondern als ein Einziges, als der ganze Mensch, der nur so in seiner Ganzheit vor Gott bestehen kann.

Und wenn ich eben zurückgeschaut habe auf das Weihnachtsfest des Vorjahres, so schaue ich zaghaft und sinnend aus auf das, was vor uns liegt, das Nächstliegende, das Hochfest unserer Liebe, und auf all das, was ihm folgen mag. Wir können heute noch nicht erahnen, wie das sein könnte, es ist unseren Augen noch verboren, aber wir wissen, daß der Vater unseren Weg mit all seinen Höhen und Tiefen erschaut und wollen ihn bitten um die Kraft ihn so gehen zu können, daß wir dadurch mithelfen die Sendung der Schöpfung zu erfüllen, die Gloria Die.

Ich bin allein mit Dir in unserem neuen kleinen Reich, während ich versuche Dir das zu sagen, was mich

beschäftigt und zu Dir hindrängt. Und ich möchte mit alle dem am Vorabend des Christfestes zu Dir kommen, ganz fest bei Dir sein, so daß meine Freude Deine Freude sei und Dein Glück das Meine. An dem Tage, da der Vater uns in der Geburt Seines Sohnes so hoch erfreut hat, ist es unser Verlangen, einander von Herzen gut zu sein und uns zu erfreuen. Es war recht schwer etwas zu finden das diesem Verlangen nur in etwa entsprach. Das liebste Buch von allen, die ich besaß, das mir als neues Geschenk zurückgegeben wurde, habe ich Dir als meine Gabe zum Fest geschenkt. Noch etwas anderes habe ich für Dich hier, das werde ich Dir geben wenn Du kommst, wenn Du heimkommst, in unser kleines Heim, das ich für Dich bereitmache. So sehr ich mir oft wünsche, all die Vorbereitungen zu unserem Tag mit Dir gemeinsam planen und tun zu können, es macht mir so viel Freude es für Dich tun zu dürfen und wenn Dich das alles denn ein wenig froh macht, werde ich reich belohnt sein. Das Schönste, Tiefste und Heiligste was wir uns zu schenken vermögen, unser ganzes Sein, mit Seele und Leib, werden wir bald einander als Gabe bringen dürfen. Wenn die Vorfreude darauf schon so groß ist, wie mag uns dann erst ihre Erfüllung beglücken können!

Das Fest der Ankunft des Herrn wird uns die letzte Bereitung darauf sein. Ich wünsche mir, daß es mir manch stille Stunde der Besinnung schenken wird. Den Vorabend nach der Mette in der Krypta werde ich in der Familie daheim verbringen und den ersten Festtag bei Deinen Eltern, die Dich an diesem Tag sicher auch sehr vermissen werden.

Wenn doch all meine Gedanken und meine guten Wünsche, die zu Dir hingehen, Dir die Tage in der Fremde ein wenig verschönen könnten. Wenn es nach außen auch noch so hohl und freudlos ist, ich weiß, in Deinem Herzen ist dennoch Weihnachten und da läßt Du meinen Händen Raum zu beglückendem Schaffen.

Liebster, wenn ich es Dir heute doch sagen könnte, was ich für Dich im Herzen trage! Was ich nicht aussprechen kann, bringe ich mit meinen innigsten Wünschen für Dich vor den Herrn, der Dich den Festtag Seiner Geburt recht tief und in ungetrübter Freude erleben lassen möge. Komm, laß mich Dein liebes Antlitz in meine Hände nehmen und ganz fest bei Dir sein, denn Du bist ja mein lieber August und ich bin immer

Deine Marga.