August Broil an Kaplan Angenendt, 8. April 1943

Aachen, den 8/4.1943.

Grüß Gott, Herr Kaplan.

Nach einigen Wochen Soldatenzeit drängt es mich zu einem Briefe an Sie und damit an die Freunde und die Gemeinschaft. Mit dem Tage des Einrückens wird unter einen Abschnitt des Lebens ein Strich gezogen, und es beginnt eine neue Zeit. Neu ist die Zeit angesichts der gänzlich veränderten äußeren Lebensumstände. Ganz besonders aber ist der Abschnitt des Lebens neu, weil das Innere sich ganz losgelöst sieht von allen Bindungen und hineingeworfen wird wie in einen Ozean. Alle bisherigen Ordnungen des inneren Lebens, des Tagesrhytmus, des Wochenrhytmus und des Festesrhytmus sind aufgehoben. Dies alles hatte

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ein Menschenbild geformt, das in Freude und Leid bewußt lebte. Nun aber ist diese Zeit beendet; doch mit dem ganzen bewußten Umfang dieses Bildes beginnt nun die Neue, die Soldatenzeit.

Dieses Bild steht dem Neuen zunächst hilflos gegenüber. Fast glaubt man, alles hinter sich lassen zu müssen, weil man nichts hinüberzunehmen für möglich und richtig hält. Dann aber, wenn sich die ersten Hemmungen und Schwierigkeiten beruhigt haben, erfährt man die wirkliche innere Einheit jenes und dieses Abschnittes, daß im Grunde doch alles weitergeht und wirkt, nur die Erscheinigungsformen sind andere. Unser Beten war im zivilen Leben geordnet. Wir wußten es in den Lauf des Tages einzubauen. Unsere Sonntage waren

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Tage des Herrn, die die ganze Woche überstrahlten. Diese feinen Dinge sind uns vorenthalten. Trotzdem aber lobt und wirkt in uns dies feine Leben weiter.

Vielleicht ist es nur ein kurzer morgendlicher Anruf auf dem Marsch oder im Gelände; vielleicht nur ein stilles Sinnen am Abend in der rauchigen Soldatenstube oder im Feldbett zwischen Witze reißenden Kameraden. Aber es wirkt alles frühere Erleben heute hinein, läßt das Heutige erst tief wirksam werden. So ist die scheinbare harte Trennung zwischen damals und heute in Wahrheit garnicht da, sondern es wächst aus dem Alten ein gutes Neues.

Was uns jetzt fehlt, das ist die lebende mitfühlende Gemeinschaft. Sie ist jetzt fern, und leuchtet aus dieser Ferne

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herüber. Ja, sie leuchtet uns herüber; denn sie ist da, und wir gehören noch zu ihr – geistig nur, doch vielleicht wirkt sie darum umso mehr in das jetzige Leben hinein. Wir wissen, daß die Gebete des Samstagabend besonders denen gelten, die fern sein müssen, daß all das Leben und Wirken in der Gemeinschaft gerade denen draußen gilt. Ist es nicht stärkend und tröstend sich in solcher Sicherheit zu wissen. Ist aber nicht ein Glück, zu wissen, daß all dies Webende, Wirkende von der Hand des Höchsten gelenkt wird, daß wir uns in Seinen Händen wissen dürfen, wo wir auch sind und was uns zukommt. Es ist eine Einheit des Willens und des Wirkens von jeher und für immer. Darin dürfen wir alle leben und können glückliche Menschen sein. Ostern wird uns alle wieder in dieser frohen Einheit stehen sehen!

In Treuen Heil Ihr August Broil